Es braucht nur ein paar Minuten im Galerieraum – schon entdeckt man Stef Heidhues' eigenwilliges Konzeptkunst-Potenzial. Alles, was sie macht, ist raumbezogen und etwas hintergründig. So nach dem Motto: Du denkst zwar zu wissen, was Du siehst. Aber: Da ist noch etwas anderes!
Die seit 20 Jahren in Berlin ansässige US-Amerikanerin ist Jahrgang 1975 und stammt aus Washington D.C., sie kam nach ihrem Kunststudium in Düsseldorf, Paris und Hamburg 2005 an die Spree. Zu ihren Förderern in all der Zeit zählte unter andrem die Pollock-Krasner-Foundation New York.
Gemeint im übertragenen Sinne
In der Galerie Eigen+Art stehen aus Polyester-Gips geformte Reitsättel. Metall-Gebilde an Schnüren durchneiden den Raum wie Angelhaken. Es ist, als wolle die Künstlerin den Skulpturenbegriff nochmals erweitern mit ihrer Ausstellung „hook, line and sinker“.
Übersetzen lässt sich das als „Haken, Schnur und Senkblei“, einer englischen Redewendung aus dem Anglerlatein. Das besagt so viel wie: „Ein Fisch verschluckt den Köder mitsamt Haken, Schnur und Absenkblei“, ein anderes Wort für Lot. In der Seefahrt bedeutet „alles im Lot“, dass sich das Schiff in einer ausgeglichenen, aufrechten Lage im Wasser befindet.
Übertragen bedeutet die (oft ironisch vorgetragene) Redewendung „hook, line and sinker“ im Englischen aber: jemandem eine Lüge, einen Trick oder eine Geschichte kritiklos abzunehmen – also darauf hereinzufallen, ohne den geringsten Verdacht zu schöpfen.
Stef Heidhues: TWINBLOCK #01-5, 2026Bronze, patiniert
© Stef Heidhues/Eigen+Art Berlin/Otto Felber
Die Arbeiten von Stef Heidhues sind exakt und auch leicht deformiert nachgebildete Alltagsdinge. Und die Lichtkästen mit Schrift geben keine Orientierung. Sie tun nur so, signalhaft und doch enigmatisch: SOFT, heißt es da, EGO, OBJECT, EXHALE und INHALE...
Von der Decke hängen absurde bronzene „Twinblocks“, lauter in der Negativform gegossene, dysfunktionale Schutzbrillen. Per Twinblocks werden übrigens in der Kieferorthopädie Zahnspangen hergestellt, herausnehmbar, zweiteilig, damit Fehlstellungen harmonisch „im Lot“ sind.
Die Reitsättel passen auf keinen Pferderücken mehr
Heidhues will ihre Gebilde nicht als Readymades verstanden wissen, vielmehr sollen wir sie als Abdruck von etwas alltäglich Vertrautem sehen, allerdings funktionslos, unbenutzbar im Gegensatz zur „Vorlage“. Als „Zweckverlust“. Die aneinandergesetzten und in Bronze gegossenen (technoiden) Twinblocks- Schwärme formte sie in Anlehnung an Louise Bourgeois' denkwürdige „Janusobjekte“. Leere Alu-Bilderrahmen werden in farbig-exzentrischen Plastik-Halterungen zu „Platzhaltern“ an den Wänden.
Und die Reitsättel passen auf keinen Pferderücken mehr, denn sie gleichen eher den zerlaufenen Uhren des Surrealisten Dalí. Die Form ist noch vorhanden, während das Objekt, von dem sie genommen wurde, fehlt. Heidhues spielt mit Leerstellen, also mit unserer Fantasie.
Stef Heidhues in ihrer Berliner Werkstatt. Bei ihr wird selbst der Schraubstock zur Skulptur.
© Kerstin Müller
hook, line and sinker, Galerie Eigen+Art, Auguststr. 26, bis 31. Oktober, Di-Sa 11-18 Uhr
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