WASHINGTON, 3. Dezember. Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine begann am Donnerstag politische Gespräche in Kanada und den USA. In Ottawa standen zunächst Gespräche Lafontaines mit dem kanadischen Finanzminister Martin, teilte das Bundesfinanzministerium in Bonn mit. Anschließend reist Lafontaine nach Washington, wo er mit seinem US-Amtskollegen Robert Rubin und dem Präsidenten der US-Notenbank Alan Greenspan zusammentrifft. Bereits im Vorfeld seines Antrittsbesuchs wurden nicht nur inhaltliche, sonderen auch persönliche Differenzen zwischen Lafontaine und den Verantwortlichen in der Clinton-Administration deutlich. Als der "Napoleon von der Saar", wie ihn Businessweek nennt, vor zwei Wochen kurzfristig seine Visite absagte, sorgte dies in den USA für Verärgerung. Daß er während der Ökosteuerdebatte im Bundestag nicht fehlen durfte, wird in US-Kreisen als Vorwand gesehen, schließlich habe der Termin seit geraumer Zeit festgestanden. Das US-Finanzministerium will sich nicht zu Gerüchten äußern, der deutsche Finanzminister habe in Washington erst gar keine Termine bekommen. In der Presse wird spekuliert, Rubin wollte seinem Bonner Kollegen einen Denkzettel verpassen und habe ihn daher vertröstet. Aus Sicht der Amerikaner wiegen die politischen Differenzen aber weitaus schwerer als mögliche persönliche Affronts. Als Lafontaine der Bundesbank ins Handwerk pfuschen wollte, konnte sich Rubin einen Seitenhieb nicht verkneifen. Geldpolitik sei nicht Sache des Finanzministeriums, in Washington würde so etwas nicht passieren, kommentierte er Lafontaines Ärger mit den Frankfurter Währungshütern.Zwar schmeichelte es dem politisch geschwächten US-Präsidenten Bill Clinton, daß Bundeskanzler Gerhard Schröder, wie dieser, auch ein Sozialdemokrat der Mitte sein will. Andererseits aber ist man irritiert, daß Lafontaine versucht, das Ruder nach links zu herumzureißen. Der Clinton-Regierung ist bewußt, welche seinem Amt nicht angemessene Macht Lafontaine innehat. Die Sorgen in Washington konzentrieren sich auf seine kritische Haltung gegenüber der Europäischen Zentralbank. Wenn Lafontaine seine Forderung nach Zinssenkungen forciert und der EZB die Flügel zu stutzen versucht, könnte dies den Euro schwächen. Dabei sehen die Amerikaner im Euro einen festen Anker, der die Handelsbeziehungen erleichtern wird. Pläne für eine Steuerharmonisierung in der EU hält Rubin für utopisch. Lafontaines Steuerreformpläne und dirigistischen Ansätze betrachten in den USA Politiker beider Parteien als kontraproduktiv. Seine Vorschläge für ein neues Weltwährungssystem oder eine engere Koppelung zwischen Euro, Dollar und Yen werden in Washington nur belächelt. Von einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte will Rubin nichts wissen.
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