Automobilindustrie

Außenspiegel mit Lebenserfahrung: VW in Zwickau startet erste Demontagelinie

Der Autokonzern hat ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckt. Er baut nicht nur Autos, sondern zerlegt sie auch. Die Innovationsführer sitzen in Sachsen und hoffen, dass das auf die Zukunft einzahlt.

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Mit wenigen Handgriffen werden die Türen demontiert. Es sind derzeit vor allem Vorserienfahrzeuge, die bei VW in Zwickau zerlegt werden.

Mit wenigen Handgriffen werden die Türen demontiert. Es sind derzeit vor allem Vorserienfahrzeuge, die bei VW in Zwickau zerlegt werden.

© Jens Schlüter/AFP

Gute Nachrichten aus dem VW-Konzern sind selten geworden in den vergangenen Monaten. Am Mittwoch aber war es mal wieder so weit. Just einen Tag vor der mit Spannung erwarteten Vorlage der Quartalszahlen kamen sie aus Zwickau. Volkswagen nahm die erste industrielle Demontagelinie in Betrieb.

Die Halle ist hell erleuchtet, der Fußboden neu versiegelt und die Demontagestraße in acht Arbeitsstationen, sogenannte Takte, aufgeteilt. Hier werden zunächst Vorserienfahrzeuge des Autokonzerns zerlegt und verwertet. Autos also, die keine Zulassung erhalten haben und quasi neu sind. Später sollen hier auch Altfahrzeuge zerlegt werden, wobei der Begriff „alt“ relativ ist. Andreas Wallinger, Leiter der Volkswagen Group Circular Economy, stellt klar, dass die Autos nicht älter als drei, vier Jahre sein dürfen und gerne auch über eine gehobene Ausstattung verfügen sollten. Es gehe darum, neuwertige Originalbauteile wieder zur Verfügung zu stellen und Rohstoffe zurückzugewinnen, wobei Batterien von Elektrofahrzeugen einer eigenen Verwertungskette zugeführt werden.

Die Idee zu dem Projekt, das vom Freistaat Sachsen mit rund elf Millionen Euro unterstützt wird, entstand 2024. 2025 folgte die Planung und 2026 die Umsetzung innerhalb von nur neun Monaten inklusive aller Genehmigungsverfahren. Damit liegen die Zwickauer VW-Arbeiter gut drei Monate vor dem ursprünglichen Zeitplan.

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Beschäftigung für 1000 Mitarbeiter

„Das Team am Standort Zwickau nimmt die Aufgabe beherzt an“, sagt Danny Auerswald, Sprecher der Geschäftsführung Volkswagen Sachsen GmbH. Man habe hier alle Synergien zwischen Fahrzeugbau und Fahrzeugdemontage genutzt. Kurze Wege am Standort, Fachkompetenz und langjährige Erfahrung in der Belegschaft und in der Region ermöglichten es, Demontage vom Werkstatt-Setting in einen effizienten seriellen Prozess zu überführen. Er sei stolz, so Auerswald, und die VW-Mitarbeiter in Zwickau könnten es auch sein.

100 von ihnen wurden für die neue Demontagelinie schon angelernt. Man habe nicht lange nach Freiwilligen suchen müssen, sagt Martin Lehmann vom Betriebsrat. 2027 will Volkswagen 4700 Autos in Zwickau demontieren. In der Endausbaustufe sollen es jährlich bis zu 15.000 Fahrzeuge sein. Das würde Beschäftigung für bis zu 1000 Mitarbeiter bedeuten.

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Ein hoffnungsfrohes Signal, so Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). In der Region müssten aber auch weiterhin Autos gebaut und nicht nur zerlegt werden, sagte er mit Blick auf die laufende Standortdebatte bei Volkswagen. Für das Werk in Zwickau gibt es nach 2030 keine verlässliche Auslastung. Der VW-Konzern ließ Schließungspläne immer wieder dementieren, ähnlich wie für die Standorte in Emden, Neckarsulm und Hannover. Doch alle vier Werke suchen nach einer Zukunft. Das Circular-Economy-Hub könnte ein wichtiger Baustein für Zwickau sein, hoffen Betriebsrat Martin Lehmann und Wirtschaftsminister Panter.

„Das Werk Zwickau übernimmt erneut eine wichtige Vorreiterrolle innerhalb des Konzerns. Hier zeigt sich, wie Volkswagen, seine Beschäftigten und der Freistaat Sachsen gemeinsam an tragfähigen Lösungen für die Zukunft der Automobilindustrie arbeiten“, erklärt er. Zwickau-Mosel zeige beispielhaft, wie sichere Wertschöpfungsketten, ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit Hand in Hand gehen können. Die Weiterentwicklung des VW-Standorts sei damit ein wichtiger Meilenstein für die Zukunft des Automobillandes Sachsen, betont der Minister.

Der Autobauer will perspektivisch seine Demontagelinien ausrollen, europaweit und innerhalb des Konzerns auch markenübergreifend. Die Autos, die künftig in Zwickau zerlegt werden sollen, werden aus einem Umkreis von maximal 300 Kilometern stammen. „Bei größeren Entfernungen lässt sich die Demontage nicht mehr kostendeckend darstellen“, sagt Marcus Edelmann als Sprecher der Geschäftsführer der Volkswagen Originalteile Logistik. Den größten Markt mit 600.000 beziehungsweise sogar einer Million Altfahrzeuge gibt es aber in Spanien beziehungsweise Frankreich. Es sei daher nur logisch, auch dort entsprechende Demontagelinien zu etablieren. Geht es nach den Zwickauer Autobauern, wird dieser Prozess maßgeblich von ihnen begleitet.

An der Taktstraße von Volkswagen gibt es eine einfache Regel: Scheinwerfer, Türen, Spiegel und ganze Getriebe, die wiederverwendet werden sollen, verlassen die Halle, sorgfältig dokumentiert, etikettiert und verpackt nach rechts. Kunststoffe und andere Recyclingmaterialien werden sortiert und gehen nach links. Übrig bleibt die Karosse aus Stahl und Aluminium. Hier sei man noch auf der Suche nach Partnern für die weitere Verwertung, so der Sprecher von Volkswagen Sachsen, Danny Auerswald.

Rohstoffe sichern, Ressourcen schonen

„Demontage und Weiterverwertung heißt für uns nicht Schrottplatz, sondern Wertschöpfung“, betont Thomas Schäfer, Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und Chef der Marke Volkswagen. Das reiche bis zur Entwicklung neuer Modelle. Die sollen künftig noch einfacher zu recyceln sein. Es gehe auch darum, Rohstoffe in Deutschland, in Europa zu halten angesichts von Lieferengpässen und immer unsichereren Handelsbeziehungen. Das Recycling sei ein Weg zu mehr Unabhängigkeit und bedeute auch, Ressourcen zu schonen.

Das fordert die EU ohnehin, und zwar spätestens ab 2032 mit der Einführung von Rezyklat-Quoten. Dann müssen in einem Neuwagen etwa zehn Kilogramm recycelter Kunststoff verbaut sein. Die Volkswagen-Gruppe schafft mit der neuen Demontagelinie die Voraussetzung für sich und ihre Marken, diese Quote erfüllen zu können. Die wiedergewonnenen Bauteile werden größtenteils über den Großhandel verkauft, künftig möchte man aber auch mit Werkstätten ins Geschäft kommen. Marcus Edelmann nennt das ein „zeitwertgerechtes Produktangebot“, wenn an ein drei oder vier Jahre altes Auto eben kein neuer Außenspiegel, sondern ein hochwertiges Gebrauchtteil angebaut wird. Das habe originale VW-DNA - mit etwas mehr Lebenserfahrung.

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