VW-Werk

Sachsens Plan gegen das drohende VW-Aus: Zwickauer Werk soll „AutoUnion Sachsen“ werden

Mit einem eigenständigen Gesellschaftsmodell und neuem Arbeitszeitkonzept will Sachsen das von der Schließung bedrohte VW-Werk in Zwickau retten. Ein Traditionsname soll dabei helfen.

5 Min
Könnte das VW-Werk in Zwickau als neue AutoUnion GmbH überleben?

Könnte das VW-Werk in Zwickau als neue AutoUnion GmbH überleben?

© Jan Woitas/dpa

Seit Wochen gibt es die Hängepartie um den Fortbestand des VW-Werkes in Zwickau. Vorstandschef Oliver Blum kam zwar nach Südwestsachsen – aber konkrete Zusagen zur Zukunft des Werkes gab er nicht. In fünf Jahren könne die Produktion in Zwickau möglicherweise ersatzlos auslaufen, der Nachfolger des ID.4 soll nach Mladá Boleslav in Tschechien gehen.

8000 VWler stünden damit in Zwickau auf der Straße. Auch die Zulieferindustrie würde das hart treffen. Deswegen legt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) jetzt einen eigenen Rettungsplan vor. Auf der Plattform X erklärt er Sachsens Pläne für die Rettung des VW-Standortes in Sachsen und bringt eine alte Erfolgsmarke ins Spiel, die Sachsen einst deutschlandweit berühmt machte.

„Nicht weiter abspeisen lassen“

Kretschmer erklärt leidenschaftlich: „Wir können nicht bis 2031 warten. Wir müssen unser Schicksal jetzt selbst in die Hände nehmen. Seit Wochen geht es jetzt nicht weiter bei den Gesprächen mit Volkswagen.“ Deswegen schlage man die Gründung einer neuen AutoUnion Sachsen GmbH „mit einem eigenen tariflichen Rahmen, mit viel mehr Flexibilität, mit viel mehr Eigenverantwortung“ vor, so Kretschmer.

Er fordert den VW-Konzern zu Verhandlungen auf: „Wir wollen mit Gewerkschaften, mit dem Betriebsrat, mit der Unternehmensleitung an den Tisch in Wolfsburg und verhandeln, dass es hier weitergeht. Wir können uns nicht weiter abspeisen lassen mit der Hinhaltetaktik. Wir müssen unser Schicksal jetzt selbst in die Hände nehmen“, mahnt Kretschmer nochmals eindringlich.

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Historisches Vorbild aus Chemnitz

Der Name des Projekts verweist auf die ursprüngliche Auto Union AG, die 1932 in Chemnitz durch den Zusammenschluss der sächsischen Hersteller Audi, DKW, Horch und Wanderer entstand – erkennbar bis heute am Vier-Ringe-Logo von Audi. Die Auto Union produzierte unter anderem in Zwickau und galt vor dem Zweiten Weltkrieg als zweitgrößter Autokonzern Deutschlands. Nach Kriegsende wurde das Unternehmen 1948 auf Beschluss der sowjetischen Militäradministration aus dem Handelsregister in Chemnitz gelöscht und enteignet.

Teile des Managements siedelten nach Ingolstadt um und gründeten später die heutige Audi AG. Mit dem Rückgriff auf diesen Namen soll die mehr als 100-jährige sächsische Automobiltradition betont werden.

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Wem würde die neue Auto Union gehören?

Sachsens Vorschlag ist, eine „eigenständige Gesellschaft (GmbH) zu gründen. Gesellschafter sind VW und weitere Beteiligte“, heißt es in dem Papier, das dieser Zeitung vorliegt. Um Zwickau und die Region zum „neuen Anker eines sächsischen Innovationsverbunds (zu) entwickeln“, solle nicht nur die Kompetenz der umliegenden Zulieferer oder auch Sachsens Know-how in der Mikroelektronik, Software, KI und Maschinenbau sowie der ansässigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen genutzt werden, sondern auch die Stadt Zwickau selbst soll bei der Rettung mitwirken. 
 
Der Freistaat prüfe mit der Kommune eine Senkung des Gewerbesteuerhebesatzes, um die Ansiedlung der neuen Auto Union zu unterstützen.

Mit großem Tamtam und Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde 2019 die Produktion des Elektroautos ID.3 in Zwickau eingeläutet. Heute kämpft MP Kretschmer (im Hintergrund) um das Überleben des Werkes.

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© Jens Büttner/dpa

Flexiblere Arbeitszeiten, Belegschaft am Erfolg beteiligen

Zentraler Hebel des Konzepts ist ein überarbeitetes Arbeitsmodell. Vorgesehen ist ein Drei-Schicht-System innerhalb des gesetzlichen Arbeitszeitgesetzes, ergänzt um eine zusätzliche „Gestaltungszeit“ für Qualifizierung, präventive Instandhaltung, Prozessoptimierung und Kommunikation, die die Beschäftigten unbezahlt einbringen sollen.

Die konkrete Produktionsmenge richte sich „nach der Nachfrage und den vertraglichen Vereinbarungen“. Und weiter: „Bei hoher Nachfrage werden die Beschäftigten am Ergebnis beteiligt; bei geringerer Nachfrage greifen die vereinbarten Instrumente zur Anpassung der Fabrikkosten. Ergebnisbeteiligungen können auch zur Abfederung von Nachfragerückgängen angelegt werden“, so Sachsens Vorschlag.

Flache Hierarchien sollen die Eigenverantwortung in der Belegschaft stärken. „Etwaige anfallende Nacharbeiten müssen dem Verursacher schichtbegleitend zugeordnet und nach dem Verursacherprinzip belastet werden.“ Hieße, die Belegschaft arbeitet unbezahlt, beispielsweise an Samstagen nach. Vom Unternehmen oder Zulieferern verursachte Nacharbeit wird weiterhin bezahlt.

Im Gegenzug würde die Belegschaft am Erfolg beteiligt. Neben einer tarifvertraglichen Grundvergütung stehe eine erfolgsabhängige Sonderzahlung in Aussicht. Um den Wechsel der Beschäftigten in die neue Gesellschaft finanziell attraktiv zu gestalten, sollen steuerprivilegierte Abfindungszahlungen genutzt werden. 

Ob diese Konditionen mit dem Zwickauer Betriebsrat abgesprochen seien, wollte Christian Sommer, Pressesprecher von Volkswagen Sachsen, auf Anfrage „nicht kommentieren“. Man nehme die Vorschläge zur Kenntnis.

Zwickau könnte Exzellenz-Cluster werden

Auch „Kollege Roboter“ soll verstärkt in das Zwickauer Werk einziehen. Gemeinsam mit der Bundesregierung plane der Freistaat Sachsen ein Exzellenz-Cluster „Humanoide Robotik“, bei dem das Zwickauer Werk Vorreiter beim Einsatz solcher Roboter in der Automobilproduktion werden soll.

Im Gegenzug fordert Sachsen, dass Volkswagen dem Zwickauer Standort bei nachgewiesener Wettbewerbsfähigkeit eine langfristige Produktionsperspektive eröffnen solle und das Werk für künftige Produkt- und Plattformentscheidungen wieder mit in Betracht zieht.

Denn bisher steht das Werk neben den VW-Standorten in Emden und Hannover sowie dem Audi-Werk in Neckarsulm auf der Streichliste.

Die politische Botschaft der Initiatoren: Industrielle Produktion in Deutschland könne auch unter verschärftem internationalem Wettbewerb bestehen – durch Produktivität, Innovationskraft, Qualität und eine neue Kultur gemeinsamer Verantwortung. Das Konzept habe nur dann Realisierungschancen, wenn Sozialpartner sowie Bund und Länder parteiübergreifend zusammenarbeiten.

Die Dringlichkeit des Handelns unterstreicht das Papier mit Zahlen aus einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Demnach habe die deutsche Automobilindustrie bereits etwa 140.000 Stellen verloren. Bis 2035 könnten weitere 200.000 wegfallen. In Sachsen hänge jeder vierte Arbeitsplatz an der Automobilbranche.

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