Auch nach mehr als einer Woche schweigt die „Marthahaus Seniorenresidenz“ zu den Vorwürfen rund um den vermeintlichen Wahlbetrug in Dessau-Roßlau. Nun wurde der Strafantragsteller erstmalig von der Polizei vernommen. Zudem durfte die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung Klaus-Lothar Bebber exklusiv bei einem Treffen mit seiner dementen Tante begleiten.
„Ich wurde im Rahmen einer Videovernehmung bei der Polizei von zwei Beamten befragt“, sagt Klaus-Lothar Bebber im Gespräch mit der OAZ. „Dabei sollte ich schildern, wie der Fall aus meiner Sicht abgelaufen ist. Das habe ich getan“, so der 74-Jährige weiter. In der Vernehmung sei ihm auch der Briefwahlantrag der Tante gezeigt worden, den er laut eigenen Angaben bereits im Wahlamt der Stadt Dessau-Roßlau zu Gesicht bekommen habe. Im Gespräch mit dieser Zeitung schilderte er damals, dass der Antrag mit der „krakeligen“ Unterschrift seiner Tante unterzeichnet war. Dabei sei ihm ein Detail erneut ins Auge gesprungen.
Neffe von Polizei verhört wegen Verdachts auf Wahlbetrug
„Die Unterschrift war augenscheinlich von ihr. Datum und andere Angaben auf dem Antrag ähnelten jedoch nicht ihrer Handschrift“, sagt er weiter. Im Wahlamt der Stadt Dessau-Roßlau, im Beisein seiner Ehefrau, habe er damals darum gebeten, eine Kopie vom Antrag zu erhalten. Dem seien die Mitarbeiter jedoch nicht nachgekommen. Auch unter Vorlage seiner notariell beglaubigten Vorsorgevollmacht nicht. Eine andere Vertreterin einer dementen Person im gleichen Altenheim sagte in dem Zusammenhang dieser Zeitung, dass sie den Briefwahlantrag von der Stadt kopiert bekommen habe. Diese Kopie liegt dieser Zeitung vor. Warum Bebber das gewünschte Schriftstück nicht erhielt, bleibt bislang offen – ebenso wie viele weitere Fragen. Die Stadt äußert sich wegen „laufender Ermittlungen“ nicht.
In der jüngsten Vernehmung hätten die Beamten den 74-Jährigen auch auf den Briefwahlumschlag der Tante angesprochen. „Im Wahlamt wurde mir damals erklärt, dass die Briefwahlunterlagen meiner Tante beantragt und eingegangen seien. Den Umschlag selbst habe ich aber nicht gesehen, weil der nach Aussagen des Mitarbeiters bereits geschlitzt worden sei. Was auch immer das bedeutet.“ Die Stadt beantwortet auch diese Frage nicht.
Das Verhör mit den beiden Beamten sei aus Sicht von Bebber von Minute zu Minute „entspannter“ geworden. Dennoch sei bei ihm besonders ein Eindruck hängen geblieben: „Meine Aussagen sollen angezweifelt werden.“ Er solle als „putzig“ dargestellt werden, so sagt er. Darüber hinaus hätten die Beamten noch gefragt, ob die Demenz seiner 95-jährigen Tante jemals ärztlich festgestellt worden sei. Dieser Zeitung liegt hierzu ein Gutachten des medizinischen Dienstes vor, auf dessen Grundlage Bebbers demente 95-jährige Tante vor drei Jahren den Pflegegrad 4 erhielt.
OAZ exklusiv bei Treffen mit dementer Tante dabei
Zudem sei er gefragt worden, wie oft er die Tante besuche. Wie Bebber auch im Gespräch mit dieser Zeitung bereits schilderte, versuche er, abwechselnd mit seiner Frau zwei- bis dreimal wöchentlich bei der Verwandten vorbeizuschauen. Bei einem dieser Besuche durfte die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung nun exklusiv dabei sein.
„Ich hol dir mal was zu essen, Trautchen“, sagt Bebber zu seiner Tante im Rollstuhl. Bei einem Stiel-Schokoladeneis, das der Neffe zum besseren Verzehr in kleine Stückchen schneidet, versucht er mit ihr ins Gespräch zu kommen. Auf die Frage, inwieweit ihr das Eis schmecke, bleibt die 95-Jährige wortkarg, nickt aber bedächtig und lässt sich beim Essen unter die Arme greifen. Mit einer Gabel hilft der Neffe nach.
Auf Fragen reagiert sie kaum oder gar nicht, wirkt größtenteils abwesend, auch wenn sporadisch eine Prise Humor aufblitzt. Als Bebber beispielsweise die restlichen Überbleibsel des Eises wegwerfen möchte, weil die 95-Jährige satt sei, sagt sie: „Nicht wegwerfen, sonst renne ich hinterher.“ Dann wieder Stille.
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Bebber fragt sie nach der Landtagswahl. Sie antwortet zunächst nicht, nach einer Denkpause dann mit: „Weiß ich nicht.“ Auf die Frage, wo sie gerade sei: „In einer fremden Stadt.“ Als Bebber nach dem Instrument ihres Vaters fragt, der leidenschaftlich musiziert habe, schweift sie ab, spricht über etwas, das auch der Neffe nicht zuordnen könne. Nach rund einer Stunde endet das Treffen im Café-Bereich einer Tankstelle. Der Neffe gibt das Geschirr ab, verabschiedet sich und schiebt seine Tante im Rollstuhl durch die Eingangstür.
Die Staatsanwaltschaft hatte am 4. September in einer Mitteilung informiert, dass sich der Zustand der 95-Jährigen nicht wie in der Strafanzeige beschrieben darstellte.
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