Kulturorte

Warum Bibliotheken heute mehr bieten als Bücher und digitale Medien

Dresden und Hoyerswerda bauen ihre Bibliotheken zu vielseitigen Treffpunkten aus. Der Wandel steht neben einem deutlich kleineren Bibliotheksnetz in Ostdeutschland.

Sebastian Faber
7 Min
Ein besonderer Kulturort im Herzen von Dresden: der Kulturpalast

Ein besonderer Kulturort im Herzen von Dresden: der Kulturpalast

© jmfoto/imago

Im Dresdner Kulturpalast ist die Bibliothek längst mehr als ein Ort für Bücher. Auf rund 5500 Quadratmetern zieht sich die Zentralbibliothek um den Konzertsaal. Große Fenster öffnen den Blick über die Innenstadt. Zwischen Regalen und Lesebereichen gibt es Arbeitsplätze, Gesellschaftsspiele, Musikinstrumente und Gegenstände aus der „Bibliothek der Dinge“. Zum Bestand gehören mehr als 3200 Videospiele. Im DiggiClub können Kinder programmieren und Technik ausprobieren. Für gemeinsames Arbeiten stehen reservierbare Gruppenräume zur Verfügung.

Unter dem Dach des Kulturpalastes: Konzertsaal, Zentralbibliohek, Kabaretttheater Herkuleskeule

Unter dem Dach des Kulturpalastes: Konzertsaal, Zentralbibliohek, Kabaretttheater Herkuleskeule

© CC BY SA 4.0

Die Bibliothek war eigentlich schon im Architektenwettbewerb von 1959 für den Kulturpalast vorgesehen, fiel aber später aus Kostengründen aus dem Bauprogramm. Erst nach dem großen Umbau zog sie 2017 tatsächlich ein. Mit der Modernisierung entstanden dort großzügige Flächen zum Lernen, Arbeiten und Verweilen.

Im Foyer des Kulturpalastes: ein begehrter Kommunikations- und Begegnungsort

Im Foyer des Kulturpalastes: ein begehrter Kommunikations- und Begegnungsort

© CC BY SA 4.0

2025 kamen 1,67 Millionen Menschen in die Städtischen Bibliotheken Dresden, 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Entleihungen ging zugleich leicht um 1,1 Prozent zurück. Erstmals hatten die Bibliotheken mehr als 50.000 Abonnements. Mögliche Gründe: längere Öffnungszeiten und bessere Aufenthaltsmöglichkeiten.

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Elf Standorte der Städtischen Bibliotheken Dresden öffnen inzwischen zeitweise als „Open Library“ – ohne anwesendes Fachpersonal, vier davon bis 22 Uhr. Dazu kommen Gaming, Medienbildung, digitale Beratung, Veranstaltungen und Arbeitsplätze.

Für Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre ist der Bibliotheksausweis kostenlos, ebenso für Inhaber des Dresden-Passes. Erwachsene zahlen regulär 20 Euro im Jahr, Familien 30 Euro. Viele Ferien- und Medienangebote sind ebenfalls kostenfrei. In Workshops können Kinder und Jugendliche Roboter programmieren, fotografieren, Technik ausprobieren oder mit MakerBoxen arbeiten.

Auch die Bibliothek der Dinge erweitert den praktischen Nutzen. Wer eine Kamera, Werkzeug oder Technik für ein eigenes Projekt braucht, muss die Gegenstände nicht selbst kaufen. In Dresden gehören etwa Nähmaschinen, Polaroidkameras, Mikroskope, Teleskope, Cajóns und weitere Musikinstrumente zum Angebot. Damit lassen sich künstlerische, technische oder schulische Projekte umsetzen, ohne dass für jeden Versuch eigene Geräte angeschafft werden müssen.

Gerade für Jugendliche oder Haushalte mit knappem Budget senkt das die Einstiegshürde für Hobbys, Projektarbeit und kreative Aktivitäten. Wer zu Hause keinen geeigneten Arbeitsplatz hat, kann in der Bibliothek lernen oder arbeiten; Jugendliche können sich dort treffen, spielen oder gemeinsam an Projekten arbeiten, ohne etwas bestellen oder Eintritt zahlen zu müssen. Die Landesfachstelle verweist zugleich auf längere Aufenthaltszeiten und eine stärkere Nutzung der Bibliotheken als Kommunikations- und Begegnungsorte.

Das Angebot in Bibliotheken ist heute vielfältig: Bücher und digitale Medien, Arbeitsplätze und Gaming, Technik, Veranstaltungen oder Bürgerdialog.

Das Angebot in Bibliotheken ist heute vielfältig: Bücher und digitale Medien, Arbeitsplätze und Gaming, Technik, Veranstaltungen oder Bürgerdialog.

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Wie weit solche zusätzlichen Funktionen ausgebaut sind, unterscheidet sich deutlich. Das zeigt sich bereits bei der digitalen Grundausstattung: Von 165 hauptamtlich geführten Bibliotheken in Sachsen boten 2024 nur 59 Prozent Wlan für Nutzer an, 67 Prozent boten eine „Onleihe“, also die digitale Ausleihe von E-Books, E-Audios und E-Magazinen, und 21 Prozent E-Learning. Gerade im ländlichen Raum sieht die Landesfachstelle Rückstände gegenüber mittleren und großen Städten.

2025 wurden die Städtischen Bibliotheken Dresden bundesweit zur „Bibliothek des Jahres“ gekürt. Ein Jahr später ging auch der Preis für kleine Kommunen und Regionen nach Sachsen: an die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek Hoyerswerda.

In Hoyerswerda findet rund einmal im Monat „Frag den Oberbürgermeister“ statt. Hier können Einwohner ohne Termin Fragen zu Stadtentwicklung, Infrastruktur oder anderen Themen stellen. Dazu kommen Dialogveranstaltungen, Medien- und KI-Angebote sowie ein offener Spieletreff.

Damit liegt der Schwerpunkt in Hoyerswerda stärker auf der Nutzung der Bibliothek als kommunalem Ort. Ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister, ein Spieletreff oder ein KI-Angebot bringen sehr unterschiedliche Gruppen in dasselbe Haus. Die Bibliothek bietet damit auch einen festen Ort für Austausch, Information und Freizeit.

Seit Juni gibt es dort ebenfalls eine Bibliothek der Dinge. Ausgeliehen werden können unter anderem eine Bohrmaschine, eine GoPro-Kamera, ein Polsterreiniger oder ein Stand-up-Paddle-Board. Eine Buchung kostet 1,50 Euro. Auch der Bibliothekszugang bleibt günstig: Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre sowie Schüler und Studierende zahlen keine Jahresgebühr, Inhaber eines Sozial- oder Familienpasses einen ermäßigten Beitrag.

Zum Profil gehört außerdem die „Offene Werkstatt der Demokratie“, die an die Bibliothek angebunden ist. Dort finden Gesprächs- und Beteiligungsformate statt, die sonst eher in Bürgerzentren, Volkshochschulen oder politischen Bildungseinrichtungen zu erwarten wären.

2025 kamen 1,67 Millionen Menschen in die Städtischen Bibliotheken Dresden. Die Zahl der Entleihungen ging leicht zurück.

2025 kamen 1,67 Millionen Menschen in die Städtischen Bibliotheken Dresden. Die Zahl der Entleihungen ging leicht zurück.

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Bei der Auszeichnung 2026 hob der Deutsche Bibliotheksverband besonders die Bereiche Demokratie, Partizipation, Bildung und Nachhaltigkeit hervor. 2024 zählte die Bibliothek in Hoyerswerda bei rund 31.400 Einwohnern mehr als 62.000 Besuche und knapp 177.000 Entleihungen.

In Ostdeutschland hat diese Entwicklung eine besondere Vorgeschichte. Die DDR verfügte über ein dichtes und stark dezentral organisiertes Bibliotheksnetz. Neben Stadt- und Bezirksbibliotheken gab es zahlreiche Gemeinde-, Schul-, Betriebs- und Gewerkschaftsbibliotheken.

Nach 1990 ging die Zahl der Einrichtungen deutlich zurück. Eine Untersuchung der Bundeszentrale für politische Bildung beziffert die Zahl der bis 1993 geschlossenen Bibliotheken auf rund 4300. Besonders kleine Gemeinde-, Betriebs- und Zweigbibliotheken verschwanden, während zugleich Personal abgebaut wurde.

Heute unterscheiden sich Umfang und Struktur der öffentlichen Bibliotheksnetze in den neuen Ländern deutlich. 2025 gab es in Sachsen 372 öffentliche Bibliotheken, darunter 210 nebenamtlich geführte Einrichtungen. Thüringen zählte 2024 insgesamt 83 hauptamtlich und 111 nebenamtlich geleitete Bibliotheken. In Brandenburg stehen 127 hauptamtlichen Bibliotheken 57 neben- oder ehrenamtlich geführte Häuser gegenüber; hinzu kommen fünf Fahrbibliotheken.

Weniger Bibliotheken mit größerem Angebot

Besonders deutlich wird die Ausdünnung in Sachsen-Anhalt. Hier ging die Zahl kommunaler öffentlicher Bibliotheken zwischen 2023 und 2024 von 153 auf 143 zurück. Von 218 Städten und Gemeinden verfügten 109 über eine öffentliche Bibliothek, weitere vier Fahrbibliotheken ergänzten das Angebot. In Mecklenburg-Vorpommern weist die Landesfachstelle für 2024 insgesamt 97 öffentliche Bibliotheken aus. Deren statistische Einzugsbereiche umfassten rund 1,03 Millionen Menschen bei gut 1,63 Millionen Einwohnern im Land.

Die Landesstatistiken verwenden teilweise unterschiedliche Zählweisen und lassen sich deshalb nur eingeschränkt direkt vergleichen. Gemeinsam ist den Ländern jedoch die große Bedeutung kleiner, neben- oder ehrenamtlich geführter Einrichtungen außerhalb der größeren Städte. Fahrbibliotheken ergänzen das Netz in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig bauen einzelne Häuser ihr Angebot weit über die Medienausleihe hinaus aus. Damit stehen in Ostdeutschland zwei Entwicklungen nebeneinander: ein gegenüber DDR-Zeiten deutlich kleineres Bibliotheksnetz und eine wachsende Aufgabenbreite an einem Teil der verbliebenen Standorte.

Diese Angebote erfordern Personal und Geld. Dresden gab 2024 rund 17,5 Millionen Euro für seine Städtischen Bibliotheken aus. In Hoyerswerda lagen die Gesamtausgaben bei gut 900.000 Euro. Eine gesonderte Kulturraumstatistik nennt knapp 169.000 Euro institutionelle Förderung aus dem Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien.

Sachsen besitzt dafür mit seinem Kulturraumgesetz eine besondere Struktur. Kulturpflege ist als kommunale Pflichtaufgabe verankert, die Kulturräume unterstützen Einrichtungen von regionaler Bedeutung. Hinzu kommen Landes- und Bundesprogramme, über die digitale Angebote, Begegnungsräume oder Beteiligungsprojekte gefördert wurden.

Die Grenzen dieser Entwicklung bleiben sichtbar. Die Landesfachstelle beschreibt die Personalsituation als angespannt. In 37 Einrichtungen sollten 2025 und 2026 insgesamt 49 Beschäftigte altersbedingt ausscheiden. Für 22 Stellen war eine Nachbesetzung vorgesehen. Auch Dresden musste Veranstaltungen aus Budgetgründen reduzieren.

Auf Bundesebene beschloss der Koalitionsausschuss im Juli 2026, öffentlichen Bibliotheken künftig Sonn- und Feiertagsöffnungen zu ermöglichen. Die Bundesregierung begründete das mit ihrer Rolle als Kultur-, Bildungs-, Begegnungs- und Austauschorte. Vor allem Berufstätige und Familien sollen Bibliotheken so leichter nutzen können.

In Sachsen zeigt sich trotzdem eine klare Verschiebung. Die Zahl der Bibliotheksstandorte sinkt, während einzelne Häuser immer mehr unter einem Dach anbieten: Bücher und digitale Medien, Arbeitsplätze und Gaming, Technik, Veranstaltungen oder Bürgerdialog. Für Nutzer bedeutet das im besten Fall mehr Möglichkeiten an einem Ort – und für Kommunen die Aufgabe, diese breiteren Funktionen dauerhaft zu finanzieren.

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