Avitall Gerstetters Vater konvertierte als Deutscher vom Christentum zum Judentum. Und dennoch scheint Gerstetter letzte Woche ihre Stelle als Kantorin der berühmtesten Synagoge Berlins in der Oranienburger Straße deshalb verloren zu haben, weil sie das Verhältnis von Konvertiten und geborenen Juden in den deutschen jüdischen Gemeinden kritisierte. In manchen Gemeinden, so Gerstetter, stellten die Konvertiten 80 Prozent der Gemeindemitglieder.
Hinter der Debatte steckt eine in Deutschland problematische Frage: „Wer ist Jude?“ Es ist eine Frage, die in Deutschland oft als eine Art Nazi-Frage wahrgenommen wird. Und das, obwohl sie in jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt diskutiert wird. Vor etwa einem Jahr etwa beschuldigte Maxim Biller in der Zeit Max Czollek, der der Halacha nach nicht jüdisch ist, weil er keine jüdische Mutter hat. Biller sagte, Czollek würde seine jüdische Rolle nur in der Öffentlichkeit einnehmen. Dies wiederum sorgte für einen offenen Brief, in dem über 250 Kulturschaffende ihre Unterstützung für Czollek zum Ausdruck brachten.
Ist das Judentum ein Volk oder eine Religion? Es gibt keine einfachen Antworten
Warum aber ist diese Frage in Deutschland so provokativ, dass diejenigen, die an der Debatte um sie teilnehmen, riskieren, entlassen zu werden oder die Unterstützung Hunderter Kulturschaffender benötigen? Ich selbst möchte diese Frage auch nicht beantworten. Denn ich habe Angst, mich auf dieses Minenfeld zu begeben.
Was bringt jemanden dazu, zu erfinden, sie oder er sei jüdisch?
Um den Fall von Gerstetter besser verstehen zu können, möchte ich an die tragische Geschichte von Marie Sophie Hingst erinnern. Die deutsche Historikerin und Bloggerin log, ihre Familie sei jüdisch und habe den Holocaust überlebt. Sie schrieb es in ihrem Blog und sprach bei mehreren Gelegenheiten vor Publikum darüber. Hingst hatte sogar Yad Vashem in Jerusalem gefälschte Zeugenberichte über die angeblich jüdischen Familienmitglieder zukommen lassen, die aus Auschwitz nie zurückgekommen seien. Die Wahrheit kam letztlich durch den Spiegel ans Licht.
Was bringt jemanden dazu, zu erfinden, sie oder er sei jüdisch? Es gibt einen Namen dafür: Wilkomirski-Syndrom, nach der ersten Person, die sich eine jüdische Identität angeeignet hatte und dabei erwischt wurde: Benjamin Wilkomirski. Das Wilkomirski-Syndrom hat sogar eine Wikipedia-Seite, die eine Liste bekannter Wilkomirskist:innen enthält. Die überwiegende Mehrheit ist deutsch.
Mohamed Amjahid: Lasst endlich Jüdinnen und Juden in Ruhe!
Zurück zu Gerstetter und ihrem Problem mit Konvertiten. In den letzten drei Jahren, schreibt sie, steigt die Zahl der ins Judentum übertretenden, christlich sozialisierten Deutschen, sodass diese das jüdische Leben in Deutschland verändern. Sie schreibt weiter, dass es nach dem Holocaust so wenige Jüdinnen und Juden in Deutschland gegeben habe, dass die Giurim (Übertritte) ein Weg waren, wieder jüdisches Leben in Deutschland zu etablieren, in Zahlen, die einen stolz machen können. Die Juden sind zurück! Es sei dies aber mehr Schein als Sein. Die Konversion christlich sozialisierter Deutscher nennt Gerstetter eine „bizarre Form von Wiedergutmachung“. Manche von ihnen würden möglicherweise aus einer Täterfamilie stammen und nun Mitglied einer neuen jüdischen Familie werden, die zu anderen Zeiten auf der Seite der Opfer stand.
Jüdischsein in Deutschland bringt gesellschaftliches Kapital mit sich
Dass es in Deutschland relativ viele Konvertiten gibt, ist kein Geheimnis. Sie sind, gesetzlich wie auch nach den Gesetzen der jüdischen Gemeinden, jüdisch. Und zwar im Gegensatz zu den am Wilkomirski-Syndrom leidenden Personen. Doch in beiden Fällen wundert man sich: Warum wollen in Deutschland so viele Menschen jüdisch sein? Hat Avitall Gerstetter mit ihrer Interpretation recht? Und warum ist es so schlimm, diese Fragen zu stellen?
Dass Gerstetter diesen Text in der Welt schreiben konnte, zeigt auch: Jüdischsein in Deutschland bringt ein bestimmtes gesellschaftliches Kapital mit sich. Ich kenne zwar einige Konvertiten, die keineswegs aus diesem Grund ins Judentum konvertiert sind, und womöglich ist es für die meisten nicht der eigentliche Grund, zu konvertieren. Dennoch bin ich in den letzten Jahren tatsächlich immer wieder auf Konvertiten gestoßen, die das gesellschaftliche Kapital ausgenutzt haben, das sie sich durch ihr Jüdischsein angeeignet haben.
Juden in Berlin: Als wäre es irgendwo auf der Welt
Das fing für mich mit Marcel Goldhammer an. Der AfD-Politiker konvertierte 2006 mit 19 Jahren zum Judentum, und als Direktkandidat der AfD in Neukölln stand auf seinen Wahlplakaten: „Juden, aber normal.“ Analog zu dem AfD-Slogan „Deutschland, aber normal“. So ein Satz wäre auch aus dem Mund eines gebürtigen Juden mit jüdischer Mutter ekelhaft. Aber etwas machte mich wirklich wütend: Dass hier ein Deutscher, noch dazu ein protestantischer Deutscher, der zum Judentum konvertiert war, meinte, mir sagen zu können, was ein normaler Jude ist. Wobei klar ist, dass ich, als linker Israeli, nicht in das von ihm gemeinte Schema von Normalität passe.
Nicht jüdisch genug?
Mir wurde in einem politischen Panel-Talk von einem Konvertiten vorgeworfen, ich dürfe als (seit über zehn Jahren hier lebender) Israeli nicht über Antisemitismus in Deutschland reden. Ich würde die Sensibilitäten hier geborener und aufgewachsener Jüdinnen und Juden nicht kennen. Und er kennt sie?
Das Problem mit der Frage „Wer ist Jude?“ ist die Dichotomie, auf die sie verweist. Entweder man ist Jude oder nicht. Entweder darf man alles sagen, was Jüdinnen und Juden hierzulande sagen dürfen, oder nicht. Manchmal ist es nur eben nicht so einfach. Die Kernfrage ist eher, wer im Namen des Judentums reden darf. Und wer andere Jüdinnen und Juden belehren darf, wie sie zu sein oder was sie zu denken haben. Darf ein protestantischer Deutscher, der auf Israel steht, konvertieren und mir am nächsten Tag erzählen, ich sei nicht jüdisch genug, weil mir die Menschenrechte der Palästinenser:innen wichtig sind? Darf ein deutscher Islamhasser seine rassistische Ideologie dadurch weißwaschen, dass er zum Judentum konvertiert? Und nun nicht mehr vom Vaterland Deutschland spricht – sondern eben vom Vaterland Israel?
Die Causa Max Czollek: Wer ist hier eigentlich Jude? Und wer nicht?
Gerstetter sprach auch von jüdischer Sozialisierung. Mir als säkularem Israeli fällt es schwer, zu sagen, dass ich jüdisch sozialisiert bin, und ich fühle mich – wie viele andere Israelis – in vielen jüdischen Gemeinden unerwünscht. Allein die Tatsache, dass wir Israel verlassen haben und hier sind, kann in einem Land, das Israel nicht kritisieren will, als Kritik an Israel verstanden werden. Vor allem in den jüdischen Gemeinden hat man Probleme damit. Der Konflikt zwischen Konvertiten und anderen entspringt letztlich der Unfähigkeit, komplexe Fragen zu stellen, einem Schwarz-Weiß-Denken und der Tendenz, alles auf die Frage zu reduzieren, wer Jude ist und wer nicht.
Will die Jüdische Gemeinde zu Berlin wirklich Vielfalt?
Eine jener komplexen Fragen wäre, warum der Zentralrat der Juden in Deutschland Obergrenzen für Geflüchtete vorschlagen darf, ohne dass ein Shitstorm folgt. Wieso gibt es hier in Deutschland mehr Militärrabbiner in der Bundeswehr als jüdische Soldat:innen und mehr Polizeirabbiner als jüdische Polizist:innen? Wieso gibt es in jedem Bundesland nichtjüdische Antisemitismusbeauftragte, die den Fokus stets weg von weißen christlichen Antisemiten auf Muslime lenken, während es in keinem einzigen Bundesland einen Beauftragten gegen Islamophobie gibt? Man muss nach der Natur der deutschen Obsession mit Jüdinnen und Juden fragen.
Wenn Gerstetter eine Obergrenze für Konvertiten in jüdischen Gemeinden vorschwebt, dann verzichtet sie nicht nur auf viele Konvertiten, sondern auch auf viele gebürtige Jüdinnen und Juden, die aus der UdSSR oder Israel kommen, die nicht jüdisch sozialisiert sind. Ihre Stellungnahme ist konservativ in dem Sinne, dass sie Änderungen ablehnt, die ihrer Meinung nach das „genuine, gewachsene Judentum“, das sie sich wünscht, zerstören. Sollte sie ihre Stelle verlieren? Das ist noch mal eine Kontextfrage. Als ihre Synagoge vor einem Jahr eine Veranstaltung zu „Jüdischer Vielfalt in Deutschland“ organisiert hatte, wurde ein queerer Jude hinausgeworfen und bekam Hausverbot, weil er ein Keffiyeh trug, ein Palästinensertuch. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Wenn die Jüdische Gemeinde zu Berlin wirklich die jüdische Vielfalt in Deutschland willkommen heißen möchte, dann bitte nicht nur, wenn es um Konvertiten geht.
Konvertiten wie Avitall Gerstetters Vater oder wie die Urgroßmutter von König David, ohne deren Konversion David selbst nicht jüdisch gewesen wäre, sind jüdisch – es darf hier kein Gatekeeping geben. Die Frage lautet, wie wir vermeiden, weder Diversität noch Kontext aufzugeben: Es gibt Zionisten, Antizionisten, Hebräisten, Jiddischisten, Orthodoxe, Liberale, Progressive, geborene Juden, Konvertiten und so weiter. Lasst uns die Kategorie „jüdisch“ dekapitalisieren, indem wir allen genannten Gruppen Platz einräumen. Vielleicht wird sich ihre Art „jüdisch“ dann nicht mehr wie eine Gefahr für eine andere Art anfühlen.
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