Wer vor Kalifornien schwimmt, surft oder auf einem Paddelbrett steht, könnte das Wasser in diesem Jahr häufiger unbemerkt mit einem Weißen Hai teilen. Meeresbiologen erwarten wegen des ungewöhnlich starken El Niño deutlich mehr Jungtiere entlang der Küste. Einige von ihnen kommen bis auf wenige Meter an stark besuchte Strände heran.
Chris Lowe, Direktor des Shark Lab an der California State University in Long Beach, hält es sogar für möglich, dass sich die Zahl der jungen Weißen Haie unter den aktuellen Bedingungen verdoppelt. Die Universität betont jedoch, dass es sich dabei um eine Prognose handelt. Eine vollständige Zählung der Tiere gibt es nicht.
Riesiger Weißer Hai „Contender“ nimmt Kurs auf Cape Cod oder Kanada
Sehr starker El Niño erwärmt den Pazifik
Der Auslöser liegt weiter südlich. El Niño lässt die Wassertemperaturen im tropischen und östlichen Pazifik steigen. Junge Weiße Haie, die sich normalerweise auch vor der mexikanischen Halbinsel Baja California aufhalten, weichen dem zu warmen Wasser aus und ziehen nach Norden.
„Wenn diese El-Niño-Bedingungen herrschen, wird es zu warm. Weiße Haie mögen das nicht – und es drängt sie nach Kalifornien“, sagte Lowe dem Guardian. Die Tiere könnten früher eintreffen und länger als gewöhnlich in den kalifornischen Küstengewässern bleiben.
Die jüngste Prognose der US-Klimabehörde NOAA verschärft die Erwartungen. Demnach besteht eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent, dass sich im Herbst und Winter 2026/27 ein sehr starker El Niño entwickelt. Für die Monate Oktober bis Dezember sieht die Behörde sogar eine 69-prozentige Chance auf ein historisch starkes Ereignis, das frühere El-Niño-Phasen seit 1950 übertreffen könnte.
Das bedeutet allerdings nicht, dass El Niño die Haie aus dem offenen Meer unmittelbar an die Badestrände treibt. Das Klimaphänomen verschiebt ihr Verbreitungsgebiet nach Norden. Die Nähe zum Ufer gehört vor allem bei jungen Weißen Haien zu ihrem natürlichen Verhalten.
Junge Weiße Haie schwimmen nur Meter vom Ufer entfernt
Südkalifornien gilt als Kinderstube der Weißen Haie. Die Jungtiere verbringen viel Zeit im flachen Wasser, wo sie Rochen, Fische und kleinere Haie jagen. Erwachsene Tiere fressen dagegen auch Robben und Seelöwen und halten sich häufiger in kälteren Gewässern auf.
Wie dicht die jungen Raubfische an Menschen herankommen, zeigte bereits eine 2021 veröffentlichte Studie in Frontiers in Marine Science. Forscher werteten Satellitendaten von 13 sowie akustische Signale von 34 markierten Haien aus. Demnach nutzen die Tiere Gebiete weniger als 200 Meter vom Ufer entfernt. Einige schwammen nur wenige Meter vor Stränden, die zu den am stärksten besuchten der Welt gehören.
Die Jungtiere bildeten lockere Gruppen an wechselnden Küstenabschnitten und blieben dort teilweise über Wochen oder Monate. Wo solche Ansammlungen entstehen, kann sich von Jahr zu Jahr verändern. Meerestemperatur, Salzgehalt und das Nahrungsangebot spielen dabei eine Rolle.
Unter normalen Bedingungen ziehen viele der jungen Haie im Winter wieder nach Mexiko. Das warme Wasser könnte diese Wanderung 2026 verzögern und mehr Tiere vor Süd- und Zentralkalifornien halten.
Nach der Sichtung eines Weißen Hais patrouilliert ein Polizeihubschrauber vor Huntington Beach. Ein Surfwettbewerb wurde daraufhin unterbrochen.
© Michael Fernandez/imago
Kalifornien erlässt Notfallregeln wegen der Haie
Die Behörden haben bereits reagiert. Die kalifornische Fischerei- und Wildtierkommission beschloss im Juni Notfallvorschriften für große Küstenabschnitte. Sie begründete den Schritt ausdrücklich mit der erwarteten größeren Zahl Weißer Haie infolge der warmen El-Niño-Bedingungen.
Von Pigeon Point südlich von San Francisco bis zur mexikanischen Grenze dürfen Angler vom Strand, von Piers und in einem Bereich von rund 900 Metern vor der Küste bestimmte große Haken und metallische Vorfächer nicht mehr verwenden. Damit soll verhindert werden, dass junge Weiße Haie anbeißen und in der Nähe von Schwimmern oder Surfern um die Leine kämpfen.
Weiße Haie stehen in Kalifornien seit 1994 unter Schutz. Sie dürfen weder gezielt gefangen noch mit Ködern angelockt werden.
Mehr Haie bedeuten nicht automatisch mehr Angriffe
Trotz der erwarteten Zunahme gibt es keinen Beleg dafür, dass sich damit auch die Gefahr für Menschen stark erhöht. Nach Angaben des California Department of Fish and Wildlife wurden seit 1950 weniger als 250 Zwischenfälle mit Haien im Bundesstaat dokumentiert. Weniger als 20 davon endeten tödlich.
Als Zwischenfall zählt die Behörde bereits, wenn ein Hai einen Menschen, ein Surfbrett, ein Kajak oder ein Paddelbrett berührt. Reine Sichtungen werden nicht erfasst. Obwohl heute deutlich mehr Menschen vor Kalifornien schwimmen, surfen oder tauchen, nahm die Zahl der Verletzungen nicht im gleichen Verhältnis zu.
Die meisten Jungtiere sind zwischen etwa 1,5 und drei Meter lang. Menschen gehören nicht zu ihrer üblichen Beute. Forscher raten dennoch, Warnungen der Rettungsschwimmer ernst zu nehmen und Gebiete zu meiden, in denen Weiße Haie beobachtet wurden oder gerade Beute fressen.
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