Weiße Haie werden im Schnitt viereinhalb Meter lang. Das Tier, das im vergangenen Sommer vor der kanadischen Provinz Nova Scotia unter ein Forschungsboot glitt, war anderthalb Meter länger.
Die Crew taufte es „Big Rose“, nach einer rosenförmigen Zeichnung auf der Rückenflosse. Dann verlor sie es wieder. Genau darum geht es in dieser Geschichte.
Und die Frage, die deutsche Leser zuerst stellen, klären wir weiter unten: nein, in der Ostsee nicht.
„Big Rose“: Weißer Hai von sechs Metern vor Nova Scotia
Die Aufnahmen stammen aus der Discovery-Dokumentation „Invasion of the Mega Sharks“, die am 26. Juli zum Auftakt der „Shark Week“ lief.
Geleitet hat die Expedition Neil Hammerschlag, Gründer der Shark Research Foundation. Dem Tier war er schon im Vorjahr begegnet. Diesmal kam er mit Fernsehteam zurück, um ihm einen Sender anzubringen.
Denn eine Sichtung liefert ein Bild. Ein Satellitensender liefert Daten, und die sind der ganze Punkt.
Thunfisch als Köder, Druckluft statt Haken
Das Team ankerte an der Stelle, an der „Big Rose“ zuletzt gesehen worden war, ließ einen Tauchkäfig zu Wasser und warf Thunfisch aus.
Zuerst kamen die Kleineren. Drei Haie von über vier Metern, dazu ein knapp fünf Meter langes Weibchen, das die Crew „Sweetheart“ nannte.
Hammerschlag markierte vier Tiere aus einem Schlauchboot heraus. Nicht mit Haken und Leine, sondern mit einem druckluftbetriebenen Applikator, der den Sender aus kurzer Distanz in die Flanke schießt.
Am nächsten Morgen meldeten die Sender: Alle vier waren auf die andere Seite der Insel gewechselt. Das Team zog nach. Der Taucher Paul de Gelder ließ sich im Käfig rund 15 Meter tief hinab und sah eine Silhouette, die zur Beschreibung passte.
Dann tauchte sie tatsächlich auf, die Zeichnung auf der Flosse unverwechselbar.
Warum „Big Rose“ keinen Sender trägt
Und sackte zurück in die Tiefe. Sie kam nicht wieder.
Damit ist die eigentliche Mission gescheitert. „Big Rose“ trägt keinen Sender. Wohin sie wandert, wo sie überwintert, ob sie überhaupt wandert: unbekannt.
Was bleibt, sind Drohnenbilder und ein Boot als Maßstab. Daraus errechnet das Team gut sechs Meter, in amerikanischer Rechnung 20 Fuß. Das Gewicht schätzt es auf drei Tonnen, das Alter auf über 50 Jahre.
Auch der zweite Aufreger ist Vermutung. Wegen ihres enormen Körperumfangs halten die Experten das Weibchen für trächtig. Ein Ultraschall am freischwimmenden Tier war nicht möglich.
Ist „Big Rose“ der größte Weiße Hai der Welt?
Behaupten lässt sich das nicht, und die Geschichte der Hai-Rekorde erklärt auch, warum.
Ein Tier aus dem australischen Port Fairy stand mit 10,9 Metern im Guinness-Buch, bis der Ichthyologe John Randall die eingelagerten Kiefer nachmaß. Ergebnis: knapp fünf Meter. Der 11,3-Meter-Hai aus New Brunswick, ebenfalls im Rekordbuch, war bei näherem Hinsehen ein Riesenhai, also eine andere Art.
Und „El Monstruo de Cojímar“, 1945 vor Kuba erlegt, auf jedem Foto von einem halben Dorf umringt und mit 6,4 Metern in der Fachliteratur, schrumpfte nach späteren Fotoanalysen auf etwa fünf Meter.
Auch der aktuelle Titelverteidiger steht auf weichem Grund. „Deep Blue“, 2013 vor der mexikanischen Pazifikinsel Guadalupe gefilmt, gilt als größter je gefilmter Weißer Hai. Ihre sechs Meter hat nie jemand gemessen.
Der belastbare Rekord kommt ebenfalls aus Kanada
Als zuverlässig gemessen gelten zwei Tiere. Ein Weibchen von 5,94 Metern aus Westaustralien. Und eines von 6,10 Metern, 1988 im Sankt-Lorenz-Golf vor Prince Edward Island gefangen, bestätigt vom Canadian Shark Research Centre.
Kanadische Gewässer also, wenige Hundert Kilometer nordöstlich von Mud Island. Wenn „Big Rose“ wirklich sechs Meter misst, ist sie keine Sensation, sondern eine Bestätigung.
Mud Island: 109 Weiße Haie in einem Monat
Spannender als der Rekord ist ohnehin der Ort. Im Monat nach den Dreharbeiten dokumentierte das Team rund um die kleine Felseninsel 109 Weiße Haie, darunter etwa 25 sehr große. Drei weitere bekamen einen Sender.
„Sweetheart“ schwamm nach ihrer Markierung die gesamte US-Ostküste hinunter, an Florida vorbei Richtung Louisiana. Für ein Tier, das man zwei Wochen zuvor noch für einen Sommergast gehalten hätte, eine ziemliche Ansage.
Die Forscher vermuten, dass Mud Island ökologisch bedeutsam ist, womöglich als Geburtsgebiet. Bestätigt ist das nicht.
Dass die Sichtungen im Nordwestatlantik zunehmen, liegt vor allem an wachsenden Robbenbeständen und an schlicht mehr Sendern im Wasser. Ein Team der University of Windsor betreibt seit 2025 eine eigene Feldstation vor der Südküste, die US-Organisation Ocearch markiert dort seit Jahren. In Kanada gilt der Weiße Hai als gefährdet.
Erwähnenswert bleibt: Hammerschlag bietet vor Nova Scotia auch kommerzielle Käfigtauchtouren an. Der Hotspot, den er erforscht, ist zugleich sein Revier als Veranstalter.
Rund um Mud Island vor Nova Scotia zählten Forscher in einem Monat 109 Weiße Haie. Das abgebildete Tier ist nicht „Big Rose“.
© Imago
Weißer Hai in Nord- und Ostsee?
Wie versprochen. In der Ostsee kommt der Weiße Hai nicht vor, der Salzgehalt ist zu niedrig.
Für die Nordsee gibt es vereinzelte Meldungen, zuletzt vor der niederländischen Küste. Fachleute halten die Tiere für verirrt.
Im Mittelmeer dagegen lebt eine echte Population. Sie steht auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht, und Forscher suchen die letzten Exemplare inzwischen über Umwelt-DNA im Wasser. Wer einen sehen will, hat schlechte Karten. Das ist das Problem, nicht die Beruhigung.
„Big Rose“ schwimmt derweil ohne Sender irgendwo im Nordatlantik. Sie selbst dürfte damit gut leben.
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