Schicksal

Weltreise bis nach Indien: Wie ein Berliner dem Krebs davon radelte

Ein Berliner fährt 8000 Kilometer mit dem Fahrrad von der Hauptstadt nach Indien. Er will ein Zeichen setzen. Es gibt ein Leben nach der Krankheit.

Cedric Rehman Cedric Rehmann
10 Min
John Müller reiste mit einem Zelt auf dem Fahrrad durch 15 Länder nach Indien.

John Müller reiste mit einem Zelt auf dem Fahrrad durch 15 Länder nach Indien.

© privat

Die Hitze drückte, der Durst quälte, der ganze Körper ächzte. Und doch trat John Wolfgang Müller immer weiter in die Pedale. Der Berliner bemerkte nach Wochen auf dem Fahrrad irgendwo in den Bergen der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan seine physischen Grenzen.

Während sich Müller im Sommer mit seinem Fahrrad die steilen Gebirgspfade in der zentralasiatischen Republik hochquälte, kamen die Erinnerungen an den nur wenige Jahre zurückliegenden Kampf gegen den Knochenkrebs zurück. Sogenannte Zytostatika töteten bei sage und schreibe 14 Chemotherapien sowohl vom Krebs befallene als auch viele gesunde Zellen in seinem Körper.

Die Zellgifte verwandelten das Leben des jungen Mannes wieder und wieder in eine Hölle aus Übelkeit, Schmerz und bleierner Schwäche. Auch nur ein Glas Wasser anzuheben, habe einer Kraftanstrengung bis zur Erschöpfung geglichen, schildert er.

Die Chemotherapien wirkten

Die Tortur zeigte schließlich Wirkung. Müller gilt seit Anfang 2024 als tumorfrei. Mediziner erklären einen Krebspatienten erst nach fünf Jahren ohne erneutes Tumorwachstum für klinisch geheilt. Das als aggressiv geltende und meist junge Menschen betreffende Ewing-Sarkom könnte also noch unentdeckt irgendwo in Müllers Knochen schlummern und sich irgendwann erneut ausbreiten. Müller weiß um die Gefahr. Sie werde mit jedem Jahr geringer, sagt er.

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Die eingebrannten Erinnerungen an die Krebs-Qualen spornten ihn in der flirrenden Hitze Tadschikistans an. Was sind schon ein trockener Hals, schmerzende Muskeln und zitternde Waden auf einer Bergtour mit dem Fahrrad gegen einen sich während 14 Chemotherapien förmlich selbst auflösenden Körper?

Was ein Mensch physisch leisten kann, der wenige Jahre zuvor kaum einen Schritt nach dem anderen zu setzen vermochte, erscheint angesichts der halben Weltreise des Krebsüberlebenden auf dem Fahrrad kolossal.

Der Extremsportler John Müller begann seine Fahrradreise nach Indien in Berlin am Brandenburger Tor.

Der Extremsportler John Müller begann seine Fahrradreise nach Indien in Berlin am Brandenburger Tor.

© privat

Eine Mission trieb Müller an

Der 26-Jährige nennt eine Mission als Motivation, den Kraftakt einer 8000 Kilometer langen Fahrradreise durch die Länder Südosteuropas, die Türkei, ehemalige Sowjetrepubliken im Kaukasus und in Zentralasien, das von den Taliban beherrschte Afghanistan und Pakistan bis nach Indien zu bewältigen.

Der junge Mann wollte mit seinem Start am Brandenburger Tor am 8. Mai und der Einfahrt an Indiens nationalem Wahrzeichen, dem Mausoleum Taj Mahal, als Zielort am 12. August ein Zeichen setzen: Es gibt ein Leben nach dem Krebs. Und es lohnt, gelebt zu werden. Auch wenn der Krebs wieder zurückkehren kann.

Müller verfolgte mit seiner Reise mit dem Fahrrad in 80 Tagen immerhin um die halbe Welt auch einen praktischen Zweck. Der Fahrradsportler sammelte über soziale Medien wie die Videoplattform Instagram für jeden von ihm gefahrenen Kilometer nach Indien Spenden.

Müller wollte 100 Kilometer pro Tag fahren

Er wollte jeden Tag 100 Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegen, um die 8000 Kilometer Distanz in der angekündigten Zeit zu schaffen. Längere Unterbrechungen waren deshalb nicht vorgesehen.

8000 Euro wollte Müller mit seiner Reise einnehmen und unter anderem einem Notfallfonds für junge Krebspatienten spenden. Er unterstützt junge Erwachsene mit Krebs, die aufgrund ihrer Erkrankung Ausbildung oder Studium unterbrechen müssen und in finanzielle Engpässe geraten. Auch die Stiftung der Universitätsmedizin Essen und Zentren für junge Sarkom-Patienten an Kliniken sollten Zuwendungen erhalten.

Dem Berliner wurden dann 50.000 Euro gespendet. Die enorme Reichweite seiner in sozialen Netzwerken verbreiteten Videos half ihm, deutlich mehr als geplant an Spendengeldern einzunehmen.

Der Krebsüberlebende fuhr die rund 8000 Kilometer von Berlin nach Indien in Etappen von 100 Kilometern am Tag.

Der Krebsüberlebende fuhr die rund 8000 Kilometer von Berlin nach Indien in Etappen von 100 Kilometern am Tag.

© privat

Der Extremsportler schreibt ein Buch

Müller flog wenige Wochen nach der Rückkehr aus Indien nach Brasilien. Er meldet sich online aus der Metropole São Paulo. Er will in Brasilien unter anderem an einem Buch schreiben. Das könnte er sicher auch in Berlin oder in seinem Geburtsort Kempten im Allgäu. Aber Müller will die Welt sehen und er will sie erlebt haben.

Er weiß, dass die Rückkehr des Krebses, ein sogenanntes Rezidiv, noch schwerer zu behandeln wäre als seine zurückliegende Erkrankung. „Das würde ich wohl nicht überleben“, sagt er.

Der junge Mann spricht von einem über ihm immer noch schwebenden Damoklesschwert und strahlt dabei spitzbübisch. Als wäre die Frage, wie viel Lebenszeit ihm noch bleibt, am Ende gar nicht so wichtig. Sinn und Inhalt seiner Tage und Stunden interessieren ihn.

Die Start-up-Szene faszinierte ihn in Berlin

Das Bedürfnis, Zeit und Talent nicht zu vergeuden, führte den Süddeutschen auch nach dem Ende seiner Krebstherapie in Stuttgart nach Berlin. Müller hatte Internationale Betriebswirtschaftslehre studiert und noch zu Beginn seiner Behandlung einen Bachelor gemacht. Der 26-Jährige arbeitete als Praktikant bei der Niederlassung der Tochterfirma Porsche Ventures in Berlin.

Porsche Ventures investiert Wagniskapital in Start-up-Unternehmen. Müller lernte bei seiner Arbeit die Berliner Gründerszene kennen. Das KI-Start-up Peec AI mit Sitz am Alexanderplatz unterstützte dann wesentlich die Benefiz-Radtour nach Indien.

Ein Berliner Fahrradladen in Mitte stellte Müller das Fahrrad für die Tour zur Verfügung. „Ich hatte nur ein einziges Mal einen Platten“, sagt Müller. Er startete unter Konfettiregen am 8. Mai am Brandenburger Tor.

Im Gepäck befanden sich ein Zelt und wenig Kleidung

Unterstützer hatten sich versammelt und klatschten. Der Berliner hatte ein Zelt, wenig Kleidung und Bargeld zum Wechseln in den 15 Ländern, die er auf der Fahrt nach Indien durchqueren wollte, im Gepäck. Die Reise begann.

Müller übernachtete meist in seinem Zelt. Er klopfte aber auch in Klöstern, Moscheen oder Teestuben an. Er habe nicht einmal 1000 Euro von Mai bis Juni auf seiner Reise über zwei Kontinente hinweg aufgebraucht. „Ich wurde ständig zum Essen eingeladen“, erzählt er.

Das seit fünf Jahren von den radikal-islamistischen Taliban beherrschte Afghanistan empfing ihn mit Schüssen hinter der Grenze. „Die tadschikischen Beamten am Grenzübergang meinten, das sei ganz normal“, sagt er. Müller fuhr zehn Tage lang durch das seit 2021 von den Taliban beherrschte Land.

Die Taliban durchsuchten ihn

Die bärtigen Gotteskrieger stürmten einmal in der Nacht seine Unterkunft und durchsuchten ihn. Das sei erschreckend gewesen. „Sie hätten mich ja auch festnehmen und einsperren können“, sagt er. Einfache Afghanen bestaunten den weißen Europäer auf dem Fahrrad dagegen wie ein Wunder. „Sie haben Essen oder Tee mit mir geteilt, trotz der schlechten Versorgungslage in Afghanistan“, sagt Müller.

Er habe in Afghanistan darauf verzichtet, über das weitgehende Verschwinden der Frauen aus dem öffentlichen Raum in sozialen Medien zu berichten. Dabei habe es ihn entsetzt, Frauen nur in Begleitung von Männern und tief verschleiert auf der Straße zu sehen, schildert der Fahrradsportler.

Aber er wollte die Taliban während seines Aufenthalts lieber nicht erzürnen. Ärger mit den Islamisten hätte womöglich die Tour und seine Spendenmission für Krebskranke gefährden können.

Videos von unterwegs gingen viral

Viele Videos aus anderen Ländern gingen viral. Auf einem Video aus der Türkei dankt Müller einem Imbissbesitzer auf Türkisch und wird dann von ihm eingeladen. „Es gab mehr als 29 Millionen Aufrufe“, sagt er.

John Müllers Fahrrad wurde von einem Laden in Berlin für die Tour bereitgestellt. Bis auf einen platten Reifen überstand es die Reise unbeschadet.

John Müllers Fahrrad wurde von einem Laden in Berlin für die Tour bereitgestellt. Bis auf einen platten Reifen überstand es die Reise unbeschadet.

© privat

Müller besuchte in vielen Ländern junge Krebskranke oder ihre Angehörigen. Die internationale Organisation Sarcoma Patients für Erkrankte, die an einem Sarkom genannten Krebs der Knochen oder des Bindegewebes leiden, vermittelte junge Patienten in Ungarn, Bulgarien und anderen Ländern auf der Reiseroute nach Indien.

Der Berliner machte Kindern und Jugendlichen in seiner Fahrradkluft Mut, die wie er vor wenigen Jahren gerade die Qualen einer Chemotherapie erlitten. Er zeigte ihnen auf, was nach einer Krebstherapie möglich ist. Er sei auch für die von ihm während der Reise besuchten Krebspatienten in Budapest, Sofia und anderen Städten Kilometer um Kilometer gefahren. „Damit sie nicht aufgeben“, sagt er.

Krebskranke Kinder in Indien erhielten Fahrräder

Am Taj Mahal in Indien übergab Müller von einer Organisation gestiftete Fahrräder an krebskranke Kinder. Er bedankte sich auf Instagram bei seinen Followern. „Für jeden, der gerade im Krankenhausbett liegt: Krebs muss nicht das Ende heißen“, heißt es in einem Text auf der Plattform. Ein Herz-Emoji ist hinzugefügt.

Müller bestieg vor seiner Krebserkrankung mit gerade mal 18 den knapp 5900 Meter hohen Vulkan Cotopaxi in Ecuador. Er bezwang auch den höchsten Berg der Alpen, den Mont Blanc. Ein Hang zum Abenteuer und zum Ausreizen von Grenzen scheint dem Kemptner im Blut zu liegen. Er betrieb schon als Jugendlicher mit Leidenschaft Sport.

Auf einer Wanderung in Schweden bekam der damals 22-Jährige Schmerzen an den Rippen. Er vermutete eine Zerrung. Doch eines Nachts wurde das Bohren am Oberkörper so unerträglich, dass Müller die Notaufnahme einer Klinik in der Nähe aufsuchte.

Besonders Kinder erkranken an der Krebsart

Die schwedischen Ärzte konnten keine Ursache finden. Sie setzten Müller mit Schmerzmitteln vollgepumpt in den nächsten Flieger nach Deutschland. Eine weitere Untersuchung nach der Rückkehr aus Schweden ergab dann die niederschmetternde Diagnose Ewing-Sarkom.

Das Ewing-Sarkom gilt als seltene und heimtückische Krebsform. Die bösartigen Wucherungen am Knochen betreffen häufig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Symptome werden nicht selten zunächst als Sportverletzung interpretiert. In Deutschland werden pro Jahr circa 100 neue Fälle verzeichnet.

Krebsmediziner verordneten zunächst aggressive Chemotherapien, um den Tumor am Knochengewebe zu verkleinern. Er soll leicht entfernbar sein bei einer Operation. Es gilt bei einem chirurgischen Eingriff zu verhindern, dass Krebszellen sich weiter im Körper verteilen. Haben sich erst Tochtergeschwülste gebildet, ist das Ewing-Sarkom noch schwerer zu bekämpfen.

Müller erhielt 2022 die Diagnose Ewing-Sarkom. Die Form von Knochenkrebs trifft vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie gilt als aggressiv.

Müller erhielt 2022 die Diagnose Ewing-Sarkom. Die Form von Knochenkrebs trifft vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie gilt als aggressiv.

© privat

Die Chemo verändert das Selbstbild

Müller schildert, wie die Zellgifte der Chemotherapie das Aussehen verändern. „Der eigene Anblick im Spiegel tut weh“, sagt er. Junge Menschen, die wie Müller jahrelang trainiert haben und die vom Alter her auf dem Gipfel ihrer Fitness stehen, blickten plötzlich in blasse und müde Gesichter mit eingefallenen Wangen.

Haarausfall nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper gilt als das erkennbarste und häufig gefürchtetste Zeichen einer Chemotherapie. „Ich habe damals ausgerechnet an Heiligabend alle meine Haare auf einmal verloren“, erinnert sich Müller.

Der eigene Körper mit seinen sinnlos wuchernden Tumorzellen in den Knochen wird von manchen als Feind empfunden, der einen leiden lässt. Solche Gedanken führten häufig in eine Depression. „Der Weg wieder raus aus dem Loch fällt vielen schwer, selbst wenn sie wie ich nach einer erfolgreichen Behandlung die Klinik verlassen konnten“, erklärt Müller.

Müller kämpfte gegen die Schwäche an

Er habe sich nie die Frage gestellt, warum ausgerechnet er an dem seltenen Krebs erkrankt sei. „Mir war es wichtig, wieder gesund zu werden. Ich glaube, dass mir meine Einstellung geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen“, sagt er.

Schon in der Klinik habe er begonnen, die chemisch bedingte Lethargie durch kleine Übungen und Disziplin zu bekämpfen. „Ich habe bald ohne Unterstützung getrunken und bin wieder alleine aufs Klo.“

Bei Besuchen habe er irgendwann auch wieder eine Runde im Klinikpark gedreht. „Es lohnt sich jede körperliche Anstrengung“, sagt er. Nur koste das Ansporn, und den gebe es bei einer schweren Krankheit wie Krebs nicht ohne einen Funken Hoffnung.

Der Taj Mahal in Indien war Zielpunkt der Reise. Der Fahrradsportler erreichte das Wahrzeichen am 12. August nach 80 Tagen.

Der Taj Mahal in Indien war Zielpunkt der Reise. Der Fahrradsportler erreichte das Wahrzeichen am 12. August nach 80 Tagen.

© privat

Der Sportler setzte ein Zeichen

John Müller wollte krebskranken Kindern und Jugendlichen mit seiner Fahrradtour nach Indien demonstrieren, was der Körper nach Krebs wieder zu leisten imstande ist. Die Krankheit endet bei bemerkenswerten Fortschritten in der Medizin auch heute nicht immer mit Heilung. Darum ging es John Müller aber auch nicht. Er wolle zeigen, was möglich ist.

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