Der Gastraum des Husarenpark-Stadions in Grimma war am Freitagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Dorthin hatten die Landtagsabgeordneten Matthias Berger (Freie Wähler) und Ralf Böhme (BSW) zum Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog geladen. Motto der Veranstaltung war: „Russland – Deutschland, ein besonderes Verhältnis? Es gibt immer ein Danach!“
Auf dem Podium saßen der Erste Botschaftsrat Denis Mikerin und sein Kollege aus der Wirtschaftsabteilung der russischen Botschaft, Anton Pischikow. Der Verleger der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, Holger Friedrich, moderierte. Im Publikum: Unternehmer, Lokalpolitiker, interessierte Bürger.
„Wenn die Eliten nicht reden, wer dann?“ Holger Friedrich treibt die Frage durch die Runde. Diplomat Mikerin setzt früh den Ton. Freundschaft brauche Vertrauen, Vertrauen brauche Zeit – und in den vergangenen Jahren sei dieses Vertrauen zwischen Russland und Deutschland „vielleicht noch nicht komplett zerstört, aber sehr, sehr stark beschädigt" worden. Russland sei bereit, den Weg zurückzugehen, „zusammen mit dem deutschen Volk. Mit dem deutschen Volk haben wir gar kein Problem.“ Die Frage sei, ob es auf deutscher Seite den politischen Willen gebe.
Ralf Böhme dreht die Perspektive um. Es sei „schwer, mit der Eingangsfrage zu beginnen, was die Deutschen von den Russen erwarten“. Als gewählter Volksvertreter sehe er die Verantwortung zuerst im eigenen Land. Die deutsche Politik steuere – spätestens seit 2014, verstärkt seit 2022 – auf einen „Irrweg“ zu, „ganz unabhängig davon, ob man die Entscheidung Russlands […] für richtig hält, für vertretbar oder für verurteilungswürdig“. In Europa sei Überleben „nur möglich, wenn es ein Verhältnis zwischen Russland und Deutschland gibt, das Krieg ausschließt“.
Die Veranstaltung stieß auf reges Interesse: Unternehmer, Politiker und Interessierte kamen ins Gespräch
© Thomas Kube
Berger wird im Laufe des Abends emotionaler. Er sieht in Wladimir Putin – „der übrigens auch in Grimma war“ – einen Politiker, der wiederholt die Hand ausgestreckt habe. „Er hat immer wieder die Hand ausgestreckt, und seine Reaktion ist jetzt erst wie die eines enttäuschten Liebhabers.“ Deutschland habe „eine riesige Chance vertan", weil es „keine Außenpolitik gemacht“ habe „in den letzten Jahren. Wir haben Genderpolitik gemacht, aber keine Geopolitik.“
Anton Pischikow, der Jüngste auf dem Podium, ergänzt knapper: Die deutsche Position liege „auf so einem tiefen Niveau“, dass man zuerst überhaupt wieder den Dialog herstellen müsse. Über Träume zu sprechen, mache erst danach Sinn.
„Ich halte die Politik unserer Bundesregierung für richtig“
Die abendfüllende Veranstaltung war dabei jedoch keine Echokammer identischer Positionen. Ein Gast aus dem Publikum fragte zögerlich, ob auch er seine Sicht der Dinge in Bezug auf das deutsch-russische Verhältnis darlegen dürfe. Mikerin antwortete diplomatisch: „Das ist für mich demokratisches Verständnis: dass man nicht nur mit denen redet, die die gleiche Meinung haben.“
Der Gast bezog Position: „Ich bin offensichtlich Außenseiter hier. Ich halte die Politik unserer Bundesregierung für überwiegend richtig und auch die Politik der EU für richtig.“ Er habe zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg verloren, erkenne die 27 Millionen sowjetischen Toten an, sei dankbar für die Befreiung von Nazideutschland. Aber: „Ich verstehe nicht, dass Russland als Aggressor ein Land überfällt.“ Konflikte ließen sich heute nicht mit Gewalt lösen.
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Mikerin reagierte nüchtern. Er wolle nicht tief in die Vorgeschichte einsteigen, doch Ende 2021 habe Russland zwei Vertragsentwürfe vorgelegt – einen für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), einen für die USA – mit allen sicherheitspolitischen Bedenken. „Wissen Sie, was die Reaktion war?", fragt der Diplomat in die Runde: „Das ist uns egal." Wenn die nationalen Sicherheitsinteressen Russlands allen anderen gleichgültig seien, müsse man sich selbst darum kümmern. „Und das ist passiert.“
Holger Friedrich hält dagegen: Er bedauere, dass Russland seine Interessen nicht „auf eine klügere Art und Weise“ durchsetze und stattdessen „den Weg der militärischen Aggression“ gewählt habe. Das sei ein Drama für Russland, ein Drama für die Ukraine und ein Drama für Deutschland.
Der „Untertanengeist“ und die Angst vor dem Foto
Wie tief die Kommunikationsprobleme reichen, illustrierte Berger an einer Beobachtung aus dem eigenen Umfeld: Es gebe Unternehmer mit großem Interesse an einer Diskussion dieses Abends, „sie haben einfach Angst, hier zu sein, weil sie aufs Foto kommen oder gesehen werden könnten“. Diesen „Untertanengeist“ beziehungsweise „vorauseilenden Gehorsam“ hielt er für das eigentliche Problem. „Das ist das, was uns zu DDR-Zeiten schon das Genick gebrochen hat.“
Den schärfsten Befund zur deutschen Sanktionspraxis lieferte eine in Sankt Petersburg tätige Anwältin im Publikum. Über 1.000 Unternehmen habe sie auf den russischen Markt gebracht. Mit dem achten Sanktionspaket sei es Anwälten verboten worden, russische Personen zu vertreten. Sie habe „Besuch in meinen privaten Räumen von einer gewissen Behörde“ bekommen, die kontrolliere, ob deutsche Unternehmen die Sanktionen einhielten. Sie habe sich zunächst eingeschüchtert gefühlt. Dass sie weiter ihre Kanzlei betreibe, sei eine Frage des Mutes: „Man darf sich nicht unterkriegen lassen“, betonte sie.
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Holger Friedrich, der nach eigenen Angaben aus seiner Zeit in der Finanzindustrie das Regelwerk der Sanktionsdurchsetzung kennt, schilderte ein systemisches Problem: Kollegen erhielten „Besuch auf Veranlassung der Bundesbank“, in Anwaltskanzleien fänden Hausdurchsuchungen statt – „als ganz offensichtliche Einschüchterungsmaßnahmen“. Russland könne sich „zurücklehnen, maliziös lächeln und die Werteorientierung des Westens und die damit einhergehenden doppelten Standards zur Kenntnis nehmen“. Als Ostgeborener erinnere ihn das fatal daran, „dass es neben den rechtsstaatlichen Prinzipien eine zweite Gewaltorientierung gibt, gegen die man sich rechtsstaatlich praktisch nicht wehren kann“.
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Die ökonomische Dimension des Bruchs legte Diplomat Mikerin in nüchternen Zahlen offen. Zur besten Zeit im Jahr 2011 habe der bilaterale Handelsumsatz bei 82 Milliarden Euro gelegen, Deutschland sei vor China und den USA größter Handelspartner gewesen. „Wo sind wir jetzt? Wir sind jetzt 2025 bei acht Milliarden Euro.“
Nun habe Russland seine Handelswege diversifiziert, sich Richtung Asien umgestellt. „Vor allem für die deutschen Firmen, die so gut auf dem russischen Markt saßen: Viele von ihnen haben den russischen Markt verlassen, aber diese Nischen werden jetzt von anderen Firmen gefüllt.“
Früher hätten deutsche Unternehmen ein besonders privilegiertes Verhältnis zu Russland genossen: 20 deutsche Top-Manager hätten regelmäßig mit dem russischen Präsidenten verhandelt – „mit keinem anderen Land hatten wir dieses Format“, betont Mikerin.
Aber wenn die großen Kanäle versperrt sind – wo lässt sich Dialog reanimieren? Ralf Böhme vom BSW verwies auf bestehende Städtepartnerschaften: Chemnitz mit Wolgograd, Dresden mit Sankt Petersburg. Das BSW wolle in Bennewitz und Dresden Initiativen zur Wiederbelebung anschieben. Mikerin bestätigte, dass Städtepartnerschaften nach 2014 das Verhältnis „gerettet“ hätten. Doch mittlerweile seien von den über 100 Partnerschaften die meisten „durch die kommunalen beziehungsweise städtischen Behörden in Deutschland auf Eis gelegt – nicht auf unsere Initiative“.
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„Wir müssen nicht in allem einig sein, aber wir müssen im Dialog bleiben“, hatte Mikerin früh am Abend gesagt. Dass dieser Satz in einem Grimmaer Fußballstadion fallen konnte, ist der vielleicht greifbarste Hinweis, dass das „Danach“, von dem der Titel der Veranstaltung sprach, schon jetzt in kleinen Schritten beginnt.
Hintergrund des Wirtschaftsdialogs war der „Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus“; seit 2025 ist der 8. Mai in Sachsen ein offizieller Gedenktag. Bevor die Diskussion begann, war am sogenannten „Denkmal ohne Panzer“ in Grimma den Toten des Zweiten Weltkrieges mit einer feierlichen Kranzniederlegung gedacht worden.
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