Rachegedanken hege sie nicht, sagt Sylvia-Yvonne Kaufmann. Aber dann rechnet die Europa-Politikerin aus Berlin mit der Linkspartei ab, die sie vor kurzem in Richtung SPD verlassen hat.Frau Kaufmann, fehlt Ihnen etwas? Sie haben die Partei verlassen, die 30 Jahre Ihre politische Heimat war.Die Entscheidung habe ich bewusst getroffen. Sie ist mir nicht leicht gefallen, das können Sie mir glauben. Ich bin und bleibe aber demokratische Sozialistin und habe meine Überzeugungen nicht an der Garderobe des Willy-Brandt-Hauses abgelegt.Warum sind Sie gegangen?Die Linkspartei fordert Vollbeschäftigung in Europa und stellt sich gegen den Lissabon-Vertrag, der genau das als Ziel formuliert. Das ist widersinnig. Die Widersprüche der Positionen, die die Linke vertritt, konnte ich einfach nicht länger vertreten. Die politische Achse in Europa muss weiter nach links verschoben werden. Für mich geht das nicht mit einer Linkspartei, die sich von proeuropäischer Politik verabschiedet hat, deshalb streite ich in und mit der SPD dafür.Wie lange hat Ihr Abnabelungsprozess von der Linkspartei gedauert?Der Abnabelungsprozess hat schon vor Jahren begonnen. Ich habe lange Zeit vergeblich dafür gekämpft, dass die Linke endlich akzeptiert, dass zwei plus zwei vier ergibt und nicht fünf. Das hat viel Kraft gekostet.Haben Sozialdemokraten aktiv versucht, sie abzuwerben?Aktiv geworben wurde nicht. Aber natürlich spricht man auch über Fraktionsgrenzen hinweg und sieht die prekäre Entwicklung bei der Linken. Schon vor einiger Zeit haben mir Kolleginnen und Kollegen gesagt: Mensch, Sylvia, dann komm doch einfach zu uns.Es hat dann aber doch gedauert. Ihr Übertritt kurz nach der Nicht-Nominierung fürs Europarlament wirkt ein wenig wie Rache wegen einer vermasselten Karriere.Ich habe nicht meine Überzeugung meiner Karriere geopfert, sondern eher umgekehrt. Mit Rachegedanken hat das nichts zu tun. Ich wollte wissen, ob Andersdenkende in der Linkspartei eine Chance bekommen. Das ist nicht der Fall.Ihr Kollege im Europa-Parlament, André Brie, will in der Linkspartei bleiben und sie als Mitglied verändern. Wollen Sie ihm nicht den Übertritt zur SPD empfehlen?Das steht mir nicht an. Ich schätze André Brie sehr. Wenn er noch Hoffnungen hat, dass sich die Linkspartei verändern wird, dann ist das seine Sache. Ich habe die Hoffnungen nicht mehr. Auf dem Europa-Parteitag in Essen, der mich nicht mehr für die Europa-Wahl nominiert hat, habe ich mich gefühlt wie früher auf einer SED-Veranstaltung, aber auf einer schlechten.Wie das?Man hat die Frage der Haltung zum Lissabon-Vertrag zu einer Glaubensfrage gemacht und allen Kandidatinnen und Kandidaten das Versprechen abverlangt, mit dem Vertrag nicht zu arbeiten, sollte er in Kraft treten. Früher in der SED lief das ähnlich. War man in einer klitzekleinen Frage anderer Auffassung, wurde man mit der Frage diszipliniert: Aber, Genossin, bist du nicht auch für den Weltfrieden? Die Linkspartei hat in Essen jeglichen Pluralismus beerdigt.Wer ist denn "man" in der Linkspartei? Die WASG, die PDS oder Oskar Lafontaine?Es ist ein Problem der gesamten Linkspartei. Wenn man zwei Parteien wie die PDS und die WASG zusammenführen will, dann muss gleich am Anfang über das Programm debattiert werden. Nur so hätte eine gemeinsame Identität geschaffen werden können. Aber was ist stattdessen in Essen geschehen? 20 Jahre nach der Wende sind Ost und West gegeneinander ausgespielt worden.Wie lief das ab?Man hat ein Strukturprinzip erfunden, wonach Ost-Kandidaten nur gegen Ost-Kandidaten antreten dürfen. Das galt entsprechend auch für Bewerber aus dem Westen. Dagegen habe ich rebelliert, weil es doch absurd ist, 20 Jahre nach der Wende.War es ein Fehler, dass die SPD 1990 nicht mit der SED fusioniert hat?Es war aus damaliger Sicht verständlich, aber auch voreilig, alle Mitglieder der SED mit Erich Honecker gleichzusetzen. Es gab viele kluge SED-Mitglieder, die auch innerhalb der Partei im Widerspruch zur Parteiführung standen.Ist Oskar Lafontaine das größte Problem der Linkspartei?Lassen Sie es mich so sagen: Die Parteispitze - dazu gehört Lafontaine an prominenter Stelle, weil er einer der Parteichefs ist - hat es versäumt, dieser Partei eine eigene Identität zu geben. In der Europa-Politik hat sich die Partei in die Selbstisolation getrieben. Die reform-orientierten Kräfte in der Linkspartei sind in die Minderheit geraten, so dass die Chance auf die Bildung einer modernen, libertären und emanzipatorischen Linken vertan ist.Haben Sie von der SPD ein Job-Angebot bekommen?Nein. Ich bin europapolitisch auf Jobsuche.Sie beziehen Ihre Kritik an der Linkspartei vor allem auf die Europapolitik. Finden Sie auch noch etwas gut an der Linkspartei?Ich bin von ihrer Entwicklung enttäuscht.Die SPD sollte sich in keinem Punkt ein Beispiel nehmen?Was ich jetzt bei der Linkspartei erlebe, ist, dass man immer mehr superradikale Forderungen aufstellt. Und dass man es gutheißt, wenn es keinerlei Anknüpfungspunkte zu anderen politischen Parteien gibt. Das heißt, man freut sich darüber, dass man sich in die Selbstisolation gebracht hat. Das ist ein Kernproblem der Partei. Die Gesellschaft kann man nur verändern, wenn man selber ein Stück weit kompromissfähig ist. Wenn man alle Seile kappt, ist das nicht politikfähig. Es ist eine Selbstdefinition als Oppositions- und reine Protestpartei.Sie waren immer gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Sind Sie jetzt dafür, weil die SPD dafür ist?Ich definiere mich immer noch als Pazifistin. Mit Militär habe ich nicht viel am Hut. Das ist bekannt und wird so bleiben. Aber genauso klar ist, dass ich zu den Grundwerten der SPD stehe.Gregor Gysi sagt, die SPD werde mit Ihnen wegen der Afghanistan-Frage große Probleme bekommen.Ich finde es bezeichnend, dass Gregor Gysi auf mich immer noch wie eine beleidigte Leberwurst reagiert. Er versucht nur dem Thema, das ich mit meinem Wechsel auf die Tagesordnung gesetzt habe, auszuweichen. Er sollte sich mal mit den europapolitischen Positionen der Linkspartei auseinandersetzen.Das Gespräch führten Damir Fras und Daniela Vates.------------------------------Foto: SPD-Neumitglied: Sylvia-Yvonne Kaufmann trat Mitte der 70er-Jahre in die SED ein. Nach der Vereinigung besetzte sie wichtige Posten in der PDS, von 1993 bis 2000 war die heute 54-Jährige Vize-Parteichefin. Vergangene Woche trat sie der SPD bei.
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