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Im Jahr 1966 wandten sich zwei freundliche Herren an „Madame Buchela“ in Remagen mit der Bitte um ein Interview. Das Ganze sei für das deutsche Fernsehen, so sagten sie, doch dass damit das Fernsehen der Deutschen Demokratischen Republik gemeint war, verschwiegen sie wohlweislich.
Das Ergebnis war der Dokumentarfilm „Geisterstunde“, dem ein zehnstündiges Gespräch mit der Starwahrsagerin zugrunde lag. Dass die Regisseure Walter Heynowski und Gerhard Scheumann in unlauterer Absicht handelten, hatte Buchela tatsächlich nicht vorhergesehen, obwohl sie laut eigener Aussage „alleine durch den Anblick einer Person ihr Anliegen und ihre Persönlichkeit“ erkennen konnte.
Durch geschickte Manipulation, Schmeicheleien, suggestive Fragen, aber auch durch die ständigen Nahaufnahmen ihrer Augen und ihrer theatralisch anmutenden Gesten geriet der Film zu einer klaren Dekonstruktion ihrer Person. So wurde er auch ein vernichtendes Symbol für die Bonner Politiklandschaft, die in die Glaubenswelt des Mittelalters verfrachtet wurde, weil man sich, wenn man nicht mehr weiterwusste, mehr oder weniger in Okkultismus flüchtete. Und in dieser Republik glaubte tatsächlich jeder Zweite an das „Zweite Gesicht“, also an Präkognition.
Das Kichern der DDR-Filmemacher wuchs zum Crescendo: Das ganze westdeutsche Volk war offenbar einer Illusion aufgesessen und hatte es noch nicht einmal gemerkt, so lautete die unausgesprochene, aber sich stark aufdrängende Botschaft des Films. Und allen voran die Gallionsfigur dieser Täuschung: Madame Buchela. Es war somit also gar nicht alles Gold, was in diesem Film an der schmuckbehangenen Wahrsagerin glänzte. In dem 1967 erschienenen Dokumentarfilm „Geisterstunde“ redete sich die Frau um Kopf und Kragen. Diese Selbstentblößung war durchaus gewollt.
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Über jeden Zweifel erhaben
Der Film gehört zu den frühen Werken des berühmt-berüchtigten Studios H&S, dessen Ziel es auch immer war, „den westlichen Gegner ideologisch zu entlarven“, sei es nun in der BRD, in Vietnam, Chile, Afrika oder Kampuchea. Doch Buchelas Popularität konnte das damals nichts mehr anhaben, sie war längst sakrosankt und somit über jeden berechtigten Zweifel erhaben. Aber wer war diese heute weitestgehend vergessene Frau, die ihnen in die Falle getappt war?
Remagen am Rhein, ein beschaulicher Ort in Rheinland-Pfalz. Im Herbst locken Weinfeste Besucher an, die vom Kölner Dombaumeister Zwirner geschaffene neugotische Apollinaris-Kirche wacht über die Stadt, die schon von den Römern sehr geschätzt wurde. Doch die Römer und andere Helden aus der Vergangenheit waren in den flotten Wirtschaftswunderjahren der Bundesrepublik Deutschland wenig gefragt, musste doch alles „vorangehen“. Das tat es vor allem auf der Treppe zum Haus einer Remagener Wahrsagerin.
Tumulte herrschten in der Gaststätte Zum Kapellchen, wo sich die Menschen zuvor anmelden mussten. Irgendwann kam der erlösende Anruf, und sie war am Apparat, „die Buchela“, die berühmteste aller Wahrsagerinnen dieser Zeit, die seit 1961 in Remagen lebte.
Westdeutsche Politiker weinten wie kleine Kinder
Immer öfter parkten am Bergende Luxuslimousinen, stiegen Prominente aus und huschten die Treppe zum Victoriabergweg 5 hoch. Das alles wirkte befremdlich. Macht und Glamour in der Provinz? Politikprominenz unterwegs bei Nacht und Nebel? Wie war das möglich? Wie hatte sie es geschafft, dass hochrangige westdeutsche Politiker, Schauspieler, Könige und andere – natürlich nicht alle gleichzeitig – in ihrem Wohnzimmer saßen und ihr Herz ausschütteten und oft auch „wie die kleinen Kinder weinten“, während in der fernen DDR ein imaginäres Kichern zu hören war?
Sie alle hofften auf Rat, natürlich nicht ohne einen Obolus „nach eigenem Ermessen“ dazulassen. Verbunden mit einer Flut von okkultistischen Veröffentlichungen wie Sternzeichen-Ratgebern, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, erstrahlte ein Stern am Firmament, den das Studio H&S letzten Endes auch nicht zum Erlöschen bringen konnte. Der Popularität der Buchela konnte das filmische Fiasko nichts mehr anhaben. Die Remagener, und nicht nur die, hatten sie längst ins Herz geschlossen, zumal sie auch karitativ tätig war.
Als „Pythia vom Rhein“ oder „Seherin von Bonn“ irrlichterte diese vermeintliche Hellseherin durch das Land und prägte die mediale Landschaft der Nachkriegsrepublik. Und das immer in einer Art Zwischenwelt: einerseits diskrete bis streng geheime Beratung im Glanz der Bonner High Society, andererseits ein offenes Ohr für ratsuchende Remagener. Es war ein großer gesellschaftlicher Spagat einer Frau, die aus ganz einfachen Verhältnissen stammte.
Margareta Goussanthier alias Madame Buchela
© dpa
Angeblich unter einer Buche geboren
Geboren wurde sie am 12. Oktober 1899 im saarländischen Honzrath – angeblich unter einer Buche, daher ihr Name. Margareta Meerstein gehörte zu der Volksgruppe der Sinti, ihr Vater zog als Hausierer durch das Land. Armut und Unrast prägten ihre Kindheit, aber auch eine vermeintliche Gabe: das Hellsehen.
Den Tod ihres kleinen Bruders, der sich versehentlich mit der Waffe des Vaters erschoss, will sie vorhergesehen haben. Das kann man glauben oder nicht, für Margareta war es die Wahrheit – und die Wahrsagerin Buchela war geboren. Mit einem zweiten Standbein, dem Verkauf von Spitzendeckchen auf den Dörfern.
Ab 1933 geriet sie als Sintezza in das Visier nationalsozialistischer Verfolgung, der Großteil ihrer Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet. 1940 heiratete sie Adam Goussanthier – und erlebte einen weiteren Schicksalsschlag, als ihr gemeinsames Kind bei der Geburt starb. Eine „innere Stimme“ soll Margareta Goussanthier schließlich vor dem Völkermord an den Sinti und Roma gerettet haben, so schrieb sie es später in ihrer Biografie.
Es waren traumatische Erfahrungen, die ein emotionales Fundament für ihre spätere Tätigkeit gebildet haben könnten. Fakt ist, sie verstand den – wie auch immer gearteten – Schmerz der Menschen, die zu ihr kamen, weil sie ihn selbst nur zu gut kennengelernt hatte. Verbündete im Schmerz, und die hinterfragten in der Regel wenig.
Den Wahlsieg der CDU prophezeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Margareta Goussanthier als Kriegswitwe im Rheinland, wo in Bonn die politischen Geschicke des Landes gesteuert wurden. Noch immer saßen die Kriegstraumata tief, suchten Menschen Rat in der Grauzone der (vermeintlichen) Hellseher und Wahrsager. Und die Buchela verstand ihr Handwerk.
Ihren endgültigen Durchbruch zum gefeierten Okkult-Star erlebte sie im Vorfeld der Bundestagswahl 1953, als Bundeskanzler Konrad Adenauer vor einer schwierigen Wiederwahl stand und Umfragen die oppositionelle SPD deutlich vorn sahen. Unerschütterlich prophezeite die Buchela einen Wahlsieg der CDU. Als Adenauer tatsächlich gewann, war die Sensation perfekt – obwohl die Treffsicherheit bei 50 Prozent gelegen hatte.
In den 60er- und 70er-Jahren erreichte der Kult um Madame Buchela seinen Höhepunkt. Längst betrieb die Frau, die sich selbst als „einfach, schlicht und bescheiden“ charakterisierte, eine florierende Praxis für „psychologische Lebensberatung“, in die auch viel Geld getragen wurde. Das war eben das, „was die Leute geben“, so ihre eigene Aussage, um bloß genaue Zahlen zu vermeiden. Ähnlich verschämt gab sie sich in Gegenwart von H&S, als es um ihre Steuererklärung ging.
Für ihren Wohnsitz in Remagen am Rhein brauchte sie gar nichts zahlen – das Haus hatten ihr zwei äußerst dankbare Kundinnen vermacht. Das Anwesen wurde zum Pilgerort für die High Society. Nicht nur Bonner Politiker kamen, sondern auch internationale Berühmtheiten wie Edward Kennedy oder die niederländische Königin Juliana.
Buchelas Anziehungskraft, so könnte man vermuten, lag in einer Mischung aus scharfem Menschenverstand, ausgeprägter Empathie und jener Prise des Mystischen, nach der sich die rationalisierte Welt sehnte – ihre Vorhersagen rückten sukzessive in den Hintergrund. Eher beriet die Mischung aus Psychologin, Krankenschwester und Guru ratlose Menschen, die in ihr eine Art Heilsbringerin sahen und sie so auch systematisch überhöhten. Dass sie auch in Fernsehsendungen auftrat wie 1970 in Robert Lembkes „Was bin ich?“, war ein genialer Schachzug. Die H&S-Schmach war da längst vergessen.
Nach dem Mord an ihrem Neffen Wolfgang Meerstein, der mit ihr im Haus gelebt hatte und dort getötet worden war, verließ Madame Buchela 1976 Remagen und lebte zum Schluss bei einer Freundin in Oberwinter. Im Jahr 1981 veröffentlichte sie ihre Autobiografie unter dem Titel „Ich aber sage Euch“. Diese bot einen Einblick in das Leben einer Frau, die zur Vertrauten der Mächtigen aufstieg. Und die sich irgendwann auch an das sorglose Leben im Reichtum und an den Ruhm gewöhnt hatte.
Gedenkstein auf dem Alten Friedhof Remagen
© Bettina Müller
Faszinierende Brücke zwischen Magie und Moderne
Doch heute, nach dem zweifelhaften Genuss des Films „Geisterstunde“ (2014 auf DVD erschienen, Studio H&S. Filme 1964–1989), ahnt man, dass sie die zahlreichen Bücher, Kalender und Artikel – Schätzungen zufolge hatte sie dadurch ein Einkommen von bis zu 9000 Mark im Monat – nicht selbst geschrieben hat. Ihr mitunter fehlerhaftes Deutsch („Ich bin die Buchela, ich tu die Wahrheit sagen“) oder Aussagen à la „Lesen tu ich überhaupt kaum“ lassen vermuten, dass der eine oder andere Ghostwriter an ihren Veröffentlichungen beteiligt war. Einer davon war nachweislich der Schriftsteller Hanns Kurth alias „Prof. Schmidt-Bronsky“.
Am 8. November 1986 starb Margareta Goussanthier im Alter von 87 Jahren in Bonn. Ihre Beerdigung in Remagen geriet zu einem Großereignis: Tausende Menschen, darunter Prominente und zahlreiche Vertreter der Sinti-Gemeinschaft, erwiesen ihr die letzte Ehre. Heute existiert nur noch ihr Grabstein, der Alte Remagener Friedhof wurde längst aufgelöst, einige wenige Grabsteine blieben als Gedenksteine in einem Park erhalten.
Und mittendrin im Grün, da ist ihr Foto auf einer kleinen Plakette auf dem Grabstein zu sehen: Madame Buchela, eine der spannendsten Frauenfiguren der Bonner Republik, die eine faszinierende Brücke zwischen Magie und Moderne baute. Und Madame Buchela lächelt.
Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über diese Themen: Historischer True Crime; Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik; Reise; Genealogie. Am 8. April ist ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche. Mordfälle aus einer unruhigen Zeit (1900–1933)“ erschienen.
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