Infrastruktur

Wirtschaftswunder Polen: Warum der Nachbar boomt und wie ostdeutsche Firmen davon profitieren

Während Deutschland stagniert, glänzt Polen mit verlässlichem Wirtschaftswachstum, einer modernen digitalen Verwaltung und geringer Arbeitslosigkeit. Eine Analyse der Gründe.

5 Min
Der Ausbau der Infrastruktur ist ein wichtiger Baustein des verlässlichen Wirtschaftswachstums in Polen.

Der Ausbau der Infrastruktur ist ein wichtiger Baustein des verlässlichen Wirtschaftswachstums in Polen.

© IMAGO/Dominika Zarzycka

Die polnische Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Unternehmen kämpfen mit Fachkräftemangel, hohen Energie- und Transformationskosten sowie geopolitischer Unsicherheit. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ist ein hoher Investitionsdruck in Digitalisierung, Automatisierung, die Energiewende und Mitarbeiterqualifizierung nötig. Rückhalt bieten die enge Einbindung in europäische Wertschöpfungsketten und die starke deutsch-polnische Zusammenarbeit, erklärt Dr. Lars Gutheil, geschäftsführender Vorstand der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer, im Interview.

Die Wirtschaft in Polen wächst, und das verlässlich. Was macht Polen anders als Deutschland?

Das Wirtschaftswachstum Polens beruht auf einer Kombination mehrerer Faktoren. Das Land hat in den vergangenen Jahren konsequent in Infrastruktur investiert, EU-Fördermittel gezielt genutzt und zugleich ein unternehmensfreundliches Umfeld mit Instrumenten wie Sonderwirtschaftszonen geschaffen. Digitalisierte Verwaltungsprozesse ermöglichen vielfach schnellere Entscheidungen und weniger Bürokratie.

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Enge Einbindung in europäische Lieferketten sowie eine breit diversifizierte Wirtschaftsstruktur sind weitere Faktoren. Polen entwickelt systematisch Zukunftsbereiche wie Digitalisierung und IT, Luft- und Raumfahrt, Elektronik, Hightech-Industrie und Technologien für die Energiewende. Wichtig ist darüber hinaus die hohe Erwerbsbeteiligung, auch unter Frauen und Einwanderern. Polen gehört zu den drei Ländern mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit in der EU.

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Qualifizierte Fachkräfte, hohe Anpassungsfähigkeit der Unternehmen und Investitionsdynamik tragen zu dem Wachstum bei. Dabei geht es weniger darum, etwas grundsätzlich anders zu machen als Deutschland, als vielmehr darum, vorhandene Standortvorteile konsequent zu nutzen und auf neue wirtschaftliche Entwicklungen flexibel und schnell zu reagieren.

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Können deutsche Unternehmen davon profitieren, und wenn ja, wie?

Besonders großes Potenzial sehen wir in den Bereichen Industrie und Maschinenbau, Automatisierung, Infrastruktur, Logistik, Energie, IT- und Business-Services sowie Verteidigungs- und Dual-Use-Technologien. Gleichzeitig gewinnt Polen als Standort für Forschung, Entwicklung und Innovation deutlich an Bedeutung. Immer häufiger unterstützen polnische Teams deutsche Muttergesellschaften nicht mehr nur als Zulieferer, sondern als strategische Partner bei der Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsmodelle.

Deutschland und Polen stehen vor denselben zentralen Zukunftsaufgaben: der digitalen Transformation, der Energiewende, resilienten Wertschöpfungsketten und der Sicherung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Gerade deshalb bietet die Bündelung der komplementären Stärken beider Länder in diesen Bereichen großes Potenzial.

Viele interessante Beispiele hierzu gibt es in grenzüberschreitenden Projekten. Dazu zählen etwa das Fernwärmeprojekt United Heat zwischen Görlitz und Zgorzelec, das die Wärmenetze beider Städte zu einem gemeinsamen, auf erneuerbaren Energien basierenden System verbindet und damit Dekarbonisierung sowie Versorgungssicherheit auf beiden Seiten der Grenze stärkt. Ein weiteres Beispiel ist die Energiepartnerschaft Gubin-Guben mit gemeinsamen Wind- und Solarprojekten im Rahmen des Projekts DEPloy. Auch die Zusammenarbeit zwischen Polen, Deutschland und Tschechien im Halbleiterbereich rund um das sogenannte Halbleiterdreieck und Silicon Saxony zeigt, wie komplementäre Kompetenzen in der Region die technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken können. Darüber hinaus trägt die Nähe beider Märkte dazu bei, Fachkräfteengpässe abzufedern und die wirtschaftliche Entwicklung in der Grenzregion nachhaltig zu unterstützen.

Was tut der Staat, um Firmen beispielsweise bei den Energiepreisen zu entlasten?

Die polnische Regierung setzt im Energiebereich vor allem auf Investitionsanreize. Unternehmen können Fördermittel für Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Speichertechnologien und die Modernisierung ihrer Anlagen nutzen. Für energieintensive Branchen werden zudem gezielte Entlastungsmaßnahmen eingeführt. Darüber hinaus plant die Regierung, im Rahmen des europäischen CISAF-Mechanismus einen Industriestrompreis nach deutschem Vorbild umzusetzen. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken und die Dekarbonisierung voranzutreiben. Gleichwohl bleiben die Energiekosten für Unternehmen in Polen derzeit oft höher als in Deutschland. Staatliche Schutzmaßnahmen richten sich bislang in erster Linie an private Haushalte, während die Unterstützung für Unternehmen überwiegend über Investitions- und Modernisierungsprogramme erfolgt.

Warum ist Polen ein guter Ort, um hier zu studieren, zu forschen und zu arbeiten?

Polen bietet starke Hochschulen und besonders renommierte Studiengänge in Bereichen wie Mathematik, Ingenieurwissenschaften, IT und Naturwissenschaften. Für Forschende sind moderne Einrichtungen und internationale Projekte attraktiv, insbesondere europäische Forschungsprogramme, die die Zusammenarbeit in internationalen Teams ermöglichen. Gleichzeitig schafft das anhaltende Wirtschaftswachstum zusammen mit der Präsenz internationaler Unternehmen und leistungsfähiger polnischer Firmen, die mit Deutschland kooperieren, gute Karriereperspektiven. Besonders attraktiv sind die Chancen für Menschen, die in beiden Kulturen zuhause sind, oder für diejenigen, die neben Fremdsprachen auch Polnisch lernen möchten, um die vielfältigen Möglichkeiten des Landes umfassend nutzen zu können.

Es gibt ein großes Rückkehrerprogramm, um Polen wieder in ihre Heimat zu holen. Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?

Es gibt zahlreiche Instrumente, die die Rückkehr von Polinnen und Polen unterstützen, darunter Steuererleichterungen, Förderprogramme für Wissenschaftler, Angebote für Familien sowie Unterstützungsmaßnahmen für Menschen polnischer Herkunft, die in Polen studieren möchten. Tatsächlich beobachten wir seit einiger Zeit einen leichten positiven Migrationssaldo im Verhältnis zu Deutschland. Nach Daten von Eurostat und den nationalen Statistikämtern kamen 2025 rund 84.000 Personen aus Deutschland nach Polen, während knapp 67.000 Personen den umgekehrten Weg wählten. Das ergibt einen Wanderungsgewinn von etwa 17.000 Personen für Polen. Die Auswirkungen auf deutsche Unternehmen lassen sich jedoch nicht eindeutig bewerten, da viele dieser Menschen weiterhin grenzüberschreitend leben und arbeiten sowie enge berufliche wie private Verbindungen zu beiden Ländern aufrechterhalten.

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