Tierwelt

Mysteriöses Walsterben in Patagonien: Zahl toter Kälber könnte Rekord brechen

An Argentiniens Küste sterben ungewöhnlich viele junge Südliche Glattwale. Wissenschaftler untersuchen nun eine Bakterie, die bei Meeressäugern schwere Erkrankungen auslösen kann.

4 Min
Ein totes Walkalb am Strand bei Puerto Madryn. Forscher rätseln über die ungewöhnlich hohe Sterblichkeit junger Südlicher Glattwale in Patagonien.

Ein totes Walkalb am Strand bei Puerto Madryn. Forscher rätseln über die ungewöhnlich hohe Sterblichkeit junger Südlicher Glattwale in Patagonien.

© Jordana Ibanez/dpa

An der Küste Patagoniens sorgt eine ungewöhnlich hohe Zahl toter Walkälber für Beunruhigung. Besonders betroffen ist die Halbinsel Valdés in der argentinischen Provinz Chubut, eines der wichtigsten Fortpflanzungsgebiete des Südlichen Glattwals. Wissenschaftler untersuchen derzeit, was hinter dem auffälligen Sterben steckt. Eine mögliche Spur führt zu einer Bakterie.

Wie viele Kälber in dieser Saison tatsächlich verendet sind, steht noch nicht endgültig fest. Das argentinische Instituto de Conservación de Ballenas teilte am 24. September mit, dass die vorläufigen Daten auf ein Ereignis von außergewöhnlichem Ausmaß hindeuteten. 2012 waren in der Region 113 tote Kälber registriert worden – damals der höchste dokumentierte Wert für die Art weltweit. In diesem Jahr könnte diese Zahl nach Einschätzung des Instituts noch übertroffen werden.

Das Institut warnt zugleich davor, voreilig mit Gesamtzahlen zu arbeiten. Erst wenn die Daten vollständig zusammengeführt und mit der Zahl der in dieser Saison geborenen Kälber verglichen seien, lasse sich das Ausmaß für die Population seriös beurteilen.

Forscher untersuchen mögliche bakterielle Infektion

Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht derzeit unter anderem Erysipelothrix rhusiopathiae. Die Bakterie kommt bei verschiedenen Tierarten und in marinen Lebensräumen vor und kann bei Walen und anderen Meeressäugern schwere systemische Erkrankungen verursachen.

Nach Angaben des Instituto de Conservación de Ballenas teilte die Umweltbehörde der Provinz Chubut mit, dass eine im Meer vorkommende Bakterie als mögliche Ursache des aktuellen Sterbens untersucht werde. Erysipelothrix rhusiopathiae sei dabei von besonderem Interesse.

Ein Nachweis wäre allerdings noch kein Beweis dafür, dass die Bakterie tatsächlich für die Todesfälle verantwortlich ist. Genau darauf weisen die argentinischen Forscher ausdrücklich hin.

Ein ähnlicher Erreger wurde bereits 2013 bei zwei Walkälbern an der Halbinsel Valdés gefunden. Die Bakterien saßen damals in Verletzungen, die mit Angriffen von Möwen in Verbindung gebracht wurden. Solche Wunden könnten Krankheitserregern den Eintritt in den Körper erleichtern. Die damaligen Untersuchungen konnten jedoch weder klären, wie sich die Tiere infiziert hatten, noch beweisen, dass die Infektion ihre Todesursache war.

Ein totes Walkalb am Strand von Puerto Madryn. Wissenschaftler untersuchen derzeit, warum in Patagonien ungewöhnlich viele Jungtiere verenden.

Ein totes Walkalb am Strand von Puerto Madryn. Wissenschaftler untersuchen derzeit, warum in Patagonien ungewöhnlich viele Jungtiere verenden.

© Jordana Ibanez/dpa

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Tote Walkälber werden seit Juni gefunden

Nach einem Bericht von Euronews unter Berufung auf AFP werden seit Juni tote Kälber an den Küsten der Provinz Chubut registriert. Allein zuletzt seien Dutzende Tiere gefunden worden. Mariano Coscarella vom Meeressäuger-Labor des argentinischen Forschungsrates Conicet sagte der Nachrichtenagentur, die Sterblichkeit unter den Jungtieren sei in dieser Saison außergewöhnlich hoch.

Coscarella hält nach dem bisherigen Stand eine natürliche Ursache für wahrscheinlich. Einen Einfluss menschlicher Aktivitäten könne man derzeit aber noch nicht vollständig ausschließen. Die Untersuchungen dauern an.

Die Forscher wollen deshalb nicht nur Gewebeproben der verendeten Tiere analysieren. Das Instituto de Conservación de Ballenas hält auch Untersuchungen der Umweltbedingungen und des Meerwassers für wichtig. Nur durch die Kombination von Gesundheitsdaten, Umweltanalysen und der langfristigen Beobachtung der Population lasse sich klären, was hinter dem Sterben steckt.

Halbinsel Valdés ist eine wichtige Kinderstube der Wale

Die Gewässer rund um Puerto Madryn und die Halbinsel Valdés gehören zu den bedeutendsten Aufzuchtgebieten des Südlichen Glattwals im Südatlantik. Die Tiere ziehen jedes Jahr in die geschützten Buchten Argentiniens, um sich zu paaren und ihre Jungen zur Welt zu bringen.

2025 wurden in dem Gebiet nach Angaben Coscarellas 2110 Wale gezählt, darunter etwa 800 Jungtiere. In diesem Jahr wurden bislang 1375 Tiere erfasst, darunter knapp 400 Kälber.

Trotz der ungewöhnlich hohen Zahl toter Jungtiere sieht Coscarella derzeit keine unmittelbare mittelfristige Gefahr für die gesamte Population. Südliche Glattwale können mehrere Jahrzehnte alt werden, weshalb einzelne Jahre bei der Bewertung der Bestandsentwicklung nur begrenzt aussagekräftig sind.

Das Instituto de Conservación de Ballenas begleitet die Population bereits seit Jahrzehnten. Seine Datenbank umfasst inzwischen die Lebensgeschichten von mehr als 5500 individuell bekannten Walen. Diese Langzeitdaten sollen nun helfen, die aktuelle Sterbewelle einzuordnen und mögliche Folgen für den Bestand zu erkennen.

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