Es ist kein Durchbruch, den Steve Witkoff und Jared Kushner aus Moskau nach Kiew mitbringen. Aber es ist mehr als ein weiterer diplomatischer Besuch. Die beiden amerikanischen Unterhändler haben in wenigen Tagen mit den entscheidenden Akteuren des Krieges gesprochen. Damit ist ein Gesprächsfaden zwischen Moskau und Kiew wieder aufgenommen worden, der für einen möglichen Ausweg aus dem Krieg von entscheidender Bedeutung sein könnte.
Witkoff und Kushner trafen im Kreml mit Putin zusammen und sprachen mehrere Stunden über einen möglichen Friedensprozess. Donald Trump hatte sie mit einem neuen Vorschlag nach Moskau geschickt. Einzelheiten sind bislang nur teilweise bekannt. Klar ist allerdings, dass die grundlegenden Gegensätze fortbestehen. Russland fordert unter anderem territoriale Zugeständnisse und langfristige Garantien für seine Sicherheitsinteressen. Die Ukraine lehnt einen Frieden ab, der ihre Souveränität dauerhaft beschneidet.
Ein Durchbruch wurde deshalb nicht verkündet. Und doch hat die Reise etwas bewirkt. Washington steht wieder in direktem Kontakt mit Moskau und Kiew und versucht, zwischen den Positionen zu vermitteln.
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Kiew gesprächsbereit
Nach dem Treffen in Moskau reisten Witkoff und Kushner in die ukrainische Hauptstadt. Dort trafen sie Selenskyj, weitere ukrainische Vertreter und auch europäische Sicherheitsvertreter. Im Mittelpunkt standen Friedensverhandlungen, Sicherheitsgarantien, die militärische Lage und die Vorbereitung auf den kommenden Winter.
Auch hier war von einer Entscheidung keine Rede. Doch Kiew zeigte sich grundsätzlich bereit, den Gesprächskanal offen zu halten. Das ist von großer Bedeutung. Denn solange Moskau und Kiew überhaupt miteinander reden können – und Washington zwischen beiden Seiten vermittelt –, besteht die Möglichkeit, aus einzelnen Gesprächskontakten irgendwann konkrete Vereinbarungen zu entwickeln.
Der Krieg erreicht einen kritischen Punkt
Die Zeit für Verhandlungen wird allerdings knapp. Die Ukraine steht vor einem weiteren schwierigen Winter. Russland hat in den vergangenen Jahren immer wieder die ukrainische Energieinfrastruktur angegriffen. Kraftwerke, Stromnetze, Umspannwerke und andere Einrichtungen wurden beschädigt oder zerstört.
Ein neuer umfassender Angriff auf die Energieversorgung hätte dramatische Folgen. Es geht nicht nur um Licht und Strom. Ohne ausreichende Energieversorgung geraten Heizung, Wasserversorgung, Krankenhäuser, Verkehr, Kommunikationssysteme und die industrielle Produktion unter Druck. Damit würde der Krieg noch stärker zu einem Kampf um die Lebensfähigkeit des Landes.
Ein solcher Winter wäre für die Ukraine auch militärisch gefährlich. Denn jede Rakete, jede Drohne und jedes Flugabwehrsystem, das zur Sicherung der Städte und Energieanlagen benötigt wird, fehlt an anderer Stelle. Die Ukraine muss gleichzeitig ihre Städte schützen, die Front halten und ihre Infrastruktur funktionsfähig halten.
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© Russia President Office/imago
Die militärische Unterstützung allein wird das Problem nicht lösen
Die westliche Unterstützung bleibt für die Ukraine existenziell. Ohne Waffen, Munition, Luftverteidigung, Aufklärung und finanzielle Hilfe wäre die militärische Lage noch schwieriger. Verteidigung kann einen Gegner aufhalten und Zeit kaufen. Sie kann verhindern, dass eine Front zusammenbricht. Aber sie beendet keinen Krieg.
Genau hier liegt das zentrale Problem. Wenn die militärische Unterstützung vor allem dazu dient, den bestehenden Zustand immer wieder zu verlängern, droht eine Fortsetzung des Abnutzungskrieges ohne klaren Endpunkt. Und je länger dieser Krieg dauert, desto größer werden die Kosten.
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Die unsichtbare Front: Bevölkerung und Demografie
Besonders dramatisch ist die demografische Entwicklung. Millionen Ukrainer leben inzwischen außerhalb des Landes. Dazu kommen die Gefallenen, die Verletzten und die Menschen, die wegen der unsicheren wirtschaftlichen und sozialen Zukunft nicht zurückkehren.
Die Folgen werden erst langfristig sichtbar. Ein Land kann zerstörte Gebäude wieder aufbauen. Es kann Kraftwerke reparieren und Straßen erneuern. Was wesentlich schwieriger zurückzugewinnen ist, sind verlorene Jahrgänge, Familien und Arbeitskräfte. Der Krieg verändert damit nicht nur die Landkarte, sondern auch die Zukunft der Ukraine. Jeder weitere Kriegswinter verschärft dieses Problem.
Ein „koreanisches Szenario“
Deshalb wird zunehmend auch über ein Szenario diskutiert, das bislang vielen als unbefriedigend erschien: ein Ende der großen Kampfhandlungen ohne endgültige Lösung aller territorialen Fragen. Ein solcher Waffenstillstand würde den Krieg nicht politisch lösen. Er könnte die Front einfrieren und die Konflikte für Jahre oder Jahrzehnte bestehen lassen.
Für die Ukraine könnte ein solcher Zustand die Möglichkeit eröffnen, Wirtschaft und Infrastruktur wiederaufzubauen, Flüchtlinge zurückzugewinnen und die Streitkräfte neu zu organisieren. Russland müsste gleichzeitig akzeptieren, dass seine Ziele nicht durch einen vollständigen militärischen Sieg erreicht werden.
Warum die Verhandlungen jetzt die letzte Chance sein könnten
Die gegenwärtige diplomatische Initiative ist deshalb von besonderer Bedeutung. Die Ukraine verfügt über begrenzte personelle und wirtschaftliche Ressourcen. Die Infrastruktur ist schwer beschädigt. Die Bevölkerung ist massiv zurückgegangen oder befindet sich im Ausland. Gleichzeitig bleibt Russland trotz der Angriffe auf das Hinterland in der Lage, den Krieg fortzuführen.
Je länger dieser Zustand anhält, desto größer wird das Risiko, dass sich die Kräfteverhältnisse langsam verschieben. Dann könnte die Ukraine irgendwann nicht mehr aus einer Position verhandeln, in der sie noch mehrere Optionen besitzt, sondern aus einer Situation heraus, in der sie nur noch größere Verluste verhindern kann.
Der Horror-Winter droht
Besonders gefährlich wäre deshalb ein weiterer Winter mit massiven Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Stromausfälle im großen Stil würden die zivile Bevölkerung unmittelbar treffen. Millionen Menschen könnten ohne ausreichende Heizung, Strom und Wasserversorgung sein. Krankenhäuser müssten unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. Die Wirtschaft würde weiter geschwächt.
Gleichzeitig müsste die Ukraine ihre knappen Ressourcen aufteilen: zwischen Front, Luftverteidigung und dem Schutz der kritischen Infrastruktur. Das Problem lässt sich nicht einfach durch zusätzliche Waffen lösen. Denn auch die modernste Waffe braucht Personal, Munition, Logistik und Zeit.
Genau deshalb kommt der Reise von Witkoff und Kushner eine größere Bedeutung zu, als es die relativ nüchterne Bilanz zunächst vermuten lässt. Sie haben bislang keinen Durchbruch gebracht. Aber sie haben gezeigt, dass über Szenarien gesprochen wird, die zum Frieden führen könnten.
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Dazu gehören eine belastbare Waffenruhe, Gespräche über territoriale Fragen, verbindliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine und ein internationales Konzept für den Wiederaufbau. Auch Russland muss einen Preis dafür akzeptieren, dass ein Krieg, der die Ukraine unterwerfen sollte, nicht mit einer vollständigen Kapitulation Kiews endet.
Die Alternative könnte ein weiterer Winter sein, in dem Energieanlagen zerstört werden, Städte im Dunkeln liegen, die Luftverteidigung an ihre Grenzen kommt und immer mehr Menschen das Land verlassen. Die Reise von Steve Witkoff und Jared Kushner könnte deshalb rückblickend wichtiger sein, als sie heute erscheint. Nicht weil sie den Krieg beendet, sondern weil sie vielleicht eines der letzten diplomatischen Fenster geöffnet hat.
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