Das Interesse junger Menschen am neuen Wehrdienst fällt offenbar deutlich geringer aus als es das Verteidigungsministerium bislang dargestellt hat. „Rund zwei Drittel der jungen Menschen, die im zweiten Quartal den Fragebogen ausgefüllt haben, geben beim Interesse am Wehrdienst auf einer Skala von null bis zehn den Wert null an“, sagte Desiree Becker, friedens- und abrüstungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, dieser Zeitung.
Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage Beckers hervor, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt. Das Verteidigungsministerium hatte den neuen Wehrdienst im Juni als „erfolgreich gestartet“ bezeichnet und das durchschnittliche Interesse mit „rund fünf“ angegeben. Die Null-Antworten wurden dabei nicht berücksichtigt. Werden sie einbezogen, liegt der Durchschnitt bei rund 1,7. „Von einem erfolgreich angelaufenen freiwilligen Wehrdienst kann daher keine Rede sein“, sagte Becker.
Nur jeder Achte mit klarem Interesse am Wehrdienst
Die Skala reicht von 0 bis 10. Die 0 steht für gar kein Interesse. Mit 1 gibt ein Befragter an, sich einen Wehrdienst grundsätzlich vorstellen zu können. 10 markiert das höchste Interesse. Mehr als vier von fünf Antworten liegen zwischen 0 und 4 und damit unterhalb der Mitte der Skala.
Die friedens- und abrüstungspolitische Sprecherin der Linksfraktion Desiree Becker im Bundestag.
© IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Die Zahlen: Im zweiten Quartal gingen insgesamt 86.560 ausgefüllte Fragebögen bei der Bundeswehr ein. 1015 Befragte gaben an, bereits in einem Wehrdienstverhältnis zu stehen. Die Frage nach ihrem Interesse am Wehrdienst beantworteten damit 85.545 Menschen. 54.908 von ihnen wählten den Wert 0 und damit gar kein Interesse. Weitere 15.136 entschieden sich für einen Wert zwischen 1 und 4, 4767 für die Mitte 5. Nur 10.734, also gut jeder Achte, gaben einen Wert zwischen 6 und 10 an.
Bundesregierung lässt Fragen unbeantwortet
Gleichzeitig bereitet sich die Bundeswehr auf die verpflichtende Musterung vor. Die neue Musterungsorganisation soll nach Angaben der Bundesregierung im Sommer 2027 vollständig aufgebaut sein. 24 Musterungszentren sollen dann die Kapazität haben, sämtliche rund 300.000 Wehrpflichtigen eines Jahrgangs zu untersuchen.
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Die Bundesregierung beantwortete nicht alle Detailfragen. Die Linke wollte wissen, wie viele Gemusterte als „voll wehrdienstfähig“, „verwendungsfähig mit Einschränkungen für bestimmte Tätigkeiten“, „vorübergehend nicht wehrdienstfähig“ oder „nicht wehrdienstfähig“ eingestuft wurden. Das Ministerium nannte stattdessen nur zwei Sammelzahlen: 1131 Personen seien wehrdienstfähig, 359 wehrdienstunfähig gewesen. Becker kritisiert, dass damit weiterhin zentrale Fragen offenblieben. „Das ist nur peinlich kleinlich“, sagte sie.
Becker warnt vor Bedarfswehrpflicht
Bislang führen die Fragebögen nur in vergleichsweise wenigen Fällen zu einer konkreten Einplanung: Im zweiten Quartal wurden 479 Personen für einen Wehrdienst von sechs bis 23 Monaten im Jahr 2026 eingeplant, bis Ende Juli waren es insgesamt 824. Die Bundeswehr soll zugleich bis 2035 auf mindestens 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten anwachsen.
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Damit ist entscheidend, ob sich auf freiwilliger Basis genügend Personal gewinnen lässt. Das Wehrpflichtgesetz ermöglicht eine „Bedarfswehrpflicht“, insbesondere wenn die verteidigungspolitische Lage oder die Personallage der Streitkräfte dies erforderlich macht. Becker warnt: „Die Bedarfswehrpflicht bleibt ein realistisches und bedrohliches Szenario für die junge Generation.“
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