Campingstreit

Zwischen Brandschutz und Betonsperren: Der erbitterte Krieg um den Schachtsee Wolmirsleben

Am Schachtsee eskaliert ein Streit zwischen Dauercampern und Salzlandkreis. Es geht um einen gesperrten Campingplatz und um den Vorwurf der Schikane. Ein Besuch vor Ort.

Alexander Schumann
10 Min
Der Campingplatz am Schachtsee bei Wolmirsleben ist seit 31. März geschlossen.

Der Campingplatz am Schachtsee bei Wolmirsleben ist seit 31. März geschlossen.

© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine

Auf den ersten Blick wirkt der Schachtsee in Wolmirsleben wie eine Oase der Ruhe. Das Wasser schimmert silbern, und die Stellplätze des angrenzenden Campingplatzes erzählen von jahrzehntelanger ostdeutscher Campingtradition. Doch die Ruhe im Salzlandkreis trügt. Das Naherholungsgebiet ist zum Schauplatz einer beispiellosen bürokratischen Schlammschlacht geworden – ein Krieg zwischen einem unnachgiebigen Betreiber, den Dauercampern und einer plötzlich erwachten Kreisverwaltung.

Wo früher Entspannung und Urlaubsfreude herrschten, gibt es heute existenzielle Ängste, tonnenschwere Betonsperren, Polizeieinsätze und politische Radikalisierung. Die Fronten sind so tief verhärtet, dass jede Form der Deeskalation zum Scheitern verurteilt ist.

Hinter dem Konflikt steht ein Mann, der in der mitteldeutschen Gastronomieszene Legendenstatus genießt: Joachim „Jochen“ Nöske. Der Leipziger Gastronom ist bekannt dafür, niemals um eine unkonventionelle Idee, eine laute Aktion oder eine provokante Konfrontation verlegen zu sein. Wer Nöske kennt, weiß, dass seine Strategie bei Problemen nicht darin besteht, sich in der Deckung zu verschanzen. Nöske geht konsequent auf Angriff.

Zu seinem Imperium gehören neben dem Campingplatz am Schachtsee unter anderem Hotels, Bars und die bekannte Fichtelberghütte in Oberwiesenthal, die in der Vergangenheit ebenfalls des Öfteren als Schauplatz für öffentlichkeitswirksame Aktionen diente. Nöske agiert oft am Rande des rechtlich Zulässigen; einkalkulierte Bußgelder oder langwierige Gerichtsverfahren schrecken ihn nicht ab – sie gehören für ihn fast schon zum geschäftlichen Kalkül. „Ich mach doch nichts Verbotenes!“, betont der Großgastronom mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich lasse mich von denen doch nicht einfach unterbuttern.“

Jochen Nöske: Campinplatzbesitzer, Gastronom, Hotelbetreiber: „Ich mach doch nichts Verbotenes!“

Jochen Nöske: Campinplatzbesitzer, Gastronom, Hotelbetreiber: „Ich mach doch nichts Verbotenes!“

© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine

Der Wendepunkt: Die „Irish Traveller“ und das plötzliche Erwachen der Behörden

Die jetzige Eskalation wurzelt nach Ansicht der Betroffenen im Sommer 2022. Damals überrollte eine riesige Welle „Irish Traveller“ das Gelände am Schachtsee. Hunderte Angehörige der traditionell umherziehenden irischen Gemeinschaft nahmen den Campingplatz in Beschlag und sorgten bei den friedlichen Dauercampern und im gesamten Umland für Aufruhr. Illegale Autorennen, Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung und permanente Ruhestörungen führten zu Dauereinsätzen der Polizei. Bis heute ist das Ereignis in der Region ein Streitthema.

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„Furchtbar, was diese Irish Traveller hier abgezogen haben“, berichtet eine Anwohnerin aus Wolmirsleben, die anonym bleiben möchte. Aus unternehmerischer Sicht zeigt sie dennoch Verständnis für den Betreiber: „Nöske hat diese Menschen als zahlende Gäste aufgenommen. Dass sie sich außerhalb des Platzes so benehmen würden, konnte vorher niemand ahnen.“

Dauercamper Manfred Fürst (69), der gemeinsam mit seiner Frau Ina (66) seit den frühen 1970er-Jahren jeden Sommer auf dem Gelände verbringt, zieht eine klare Verbindung zu 2022: „Die extreme Aufmerksamkeit des Kreises kam erst nach dem Chaos mit den Irish Travellern. Vorher war die Anlage baulich völlig unverändert und für die Behörden jahrelang kein Problem. Ich bin mir absolut sicher: Das war der eigentliche Auslöser für den Kreis, hier plötzlich nach Fehlern und Problemen zu suchen.“

Unmittelbar nach den Polizeieinsätzen geriet der Schachtsee ins Visier der Bauaufsichtsbehörde und des neu ernannten Sonderbeauftragten für bau- und umweltrechtliche Belange, Markus Mayer. Die Behörden forderten die Vorlage und Umsetzung eines lückenlosen, strikten Brandschutzplans. Ab dem Jahr 2023 regnete es behördliche Verfügungen.

Am 31. März 2026 wurde der Campingplatz behördlich geschlossen. Die verbliebenen Camper wurden wenige Tage später durch die Polizei hinausbegleitet.

Am 31. März 2026 wurde der Campingplatz behördlich geschlossen. Die verbliebenen Camper wurden wenige Tage später durch die Polizei hinausbegleitet.

© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine

Zwischen Baumarkt-Ausverkauf und totaler Nutzungsuntersagung

Die Camper erfüllten die neuen, drastischen Auflagen mit hohem persönlichen und finanziellen Aufwand. Um die geforderten Sicherheitsabstände von exakt fünf Metern zwischen den Parzellen einzuhalten, wurden tonnenschwere Wohnmobilheime mit schwerem Gerät umgesetzt, Wohnwagen gedreht und bauliche Strukturen komplett verändert. „Wir haben in unserer Verzweiflung die Brandschutzplatten in sämtlichen Baumärkten der gesamten Umgebung aufgekauft“, berichtet Manfred Fürst über den Kraftakt der Campinggemeinschaft.

Sogar die Natur wurde zum Streitfall: Um die Sicherheit der Bewohner vor einem herannahenden Unwetter zu garantieren, ließ Nöske kurzerhand 50 Jahre alte, nachweislich kranke Pappeln entfernen. „Die Quittung des Salzlandkreises folgte prompt. Nöske bekam eine Geldstrafe, weil die dringenden Baumarbeiten nicht ordnungsgemäß vorab angekündigt worden waren. Sicher sachlich richtig, aber in unseren Augen unverhältnismäßig“, so Fürst.

Aus für die Idylle am See: Die Unterkünfte auf dem Campingplatz wurden abgeschlossen und versiegelt.

Aus für die Idylle am See: Die Unterkünfte auf dem Campingplatz wurden abgeschlossen und versiegelt.

© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine

Nöske habe alle Auflagen erfüllt: „Er hat geliefert, und trotzdem wurden uns am Ende die Betonblöcke vor die Einfahrt geknallt“, schimpft Camper Fürst über das Agieren der Kreisverwaltung. Jochen Nöske betont in diesem Zusammenhang die historische Komponente des Konflikts: Die Gemeinde habe ihm das Areal damals explizit als voll funktionsfähigen Campingplatz verkauft. „Ein Bebauungsplan war damals angeblich seitens der Stadt bereits in aktiver Arbeit, und genau unter diesen Voraussetzungen habe ich das Grundstück erworben“, stellt Nöske klar.

Als die Probleme 2023 begannen, habe er das Gespräch mit dem damaligen Bürgermeister Michael Stöhr gesucht, der ihm das Gelände einst verkauft hatte. „Die Antwort im Rathaus war eine bodenlose Frechheit: Der Vertrag sei mittlerweile schlicht verjährt“, so Nöske. Er versteht die Welt nicht mehr: „Die linke Hand scheint nicht zu wissen, was die rechte macht. Wir fragen uns bis heute, wie die Gemeinde damals überhaupt die Gewerbeanmeldung genehmigen konnte, wenn jetzt plötzlich behauptet wird, dass ohne einen fertigen Bebauungsplan dort gar nichts hätte betrieben werden dürfen.“

Die Tragödie am See und der TikTok-Einsatz

Der Konflikt verließ bereits im Frühjahr 2025 die rein sachliche Ebene und schlug in eine menschliche Tragödie um. Die betroffenen Camper standen angesichts der drohenden vollständigen Schließung und der behördlich angekündigten „Verplombung“ ihrer privaten Heime unter massivem psychischen Druck. Viele von ihnen standen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Die Camperin Viola Hesse ging in ihrer Verzweiflung so weit, einen Abschiedsbrief zu verfassen. „Dann fahre ich eben mit meinem Hund auf den See raus und schlage ein Loch ins Boot“, lauteten ihre letzten Worte aus Angst vor dem Verlust ihres geliebten Tiny Houses. Sie hatte zuvor das gemeinsame Haus ihres verstorbenen Ehemannes verkauft und ihren gesamten Erlös in den Lebensabend am Schachtsee investiert. Als die Behörden Ernst machten, das Gelände sperrten und das Betreten unter Androhung von Strafe verboten, kollabierte die Situation: Viola Hesse wurde am nächsten Morgen leblos in der Wohnung einer Freundin aufgefunden.

Viola Hesse, kurz bevor der Campingplatz behördlich geschlossen wurde: „Ich gehe hier nicht weg! Zur Not betoniere ich mich hier ein!“ Wenig später wurde sie leblos aufgefunden.

Viola Hesse, kurz bevor der Campingplatz behördlich geschlossen wurde: „Ich gehe hier nicht weg! Zur Not betoniere ich mich hier ein!“ Wenig später wurde sie leblos aufgefunden.

© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine

Seit diesem Todesfall ist das Tuch zwischen den Parteien endgültig zerrissen. Jochen Nöske spricht nur noch bitter vom „Schlachtsee“. Es folgten weitere Zwangsräumungen, doch Nöske dachte nicht an Kapitulation. Als der Landkreis die massiven Betonblöcke vor seine Einfahrt wuchtete, drehte er kurzerhand den Spieß um: Er stieg auf einen schweren Radlader, transportierte einen Betonblock ab und stellte ihn als provokante Revanche direkt vor die private Einfahrt des stellvertretenden Landrats.

Für bundesweites Aufsehen sorgte zudem sein spektakulärer Auftritt auf der Social-Media-Plattform TikTok: Das Video zeigt den Gastronomen, wie er sich weigert, seinen Platz zu verlassen, und schließlich von mehreren Einsatzkräften der Polizei vom eigenen Gelände getragen wird. „Das ist mein rechtmäßiges Eigentum! Mir hat bei diesen brutalen Einsätzen hier vor Ort auch nicht ein einziges Mal jemand einen richterlichen Beschluss vorgelegt“, empört sich der Betreiber bis heute.

Ein bitterer Vorwurf der Willkür steht im Raum. Nöske berichtet von einem brisanten Gespräch: „Mir hat sogar ein Camper mitgeteilt, dass er von einem Verantwortlichen des Landkreises gehört habe: Wenn es sich um einen anderen Betreiber handeln würde, dann würden wir mit unseren Forderungen runtergehen ... Wahnsinn, oder?“ Für Nöske der endgültige Beweis, dass es sich um einen persönlichen Feldzug gegen seine Person handelt.

Die Kreisverwaltung des Salzlandkreises streitet alle Vorwürfe von Schikane ab und verweist auf die nackten Fakten. Nöske akzeptiere sachliche Entscheidungen und Gerichtsbeschlüsse schlicht nicht, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung. Zudem stellt die Behörde die Chronologie klar: „Sowohl der Grundstückseigentümer als auch die Camper hatten mehrere Jahre Zeit, die eklatanten Mängel zu beheben.“

Beratungen vor Ort hätten immer wieder stattgefunden. „Wären die Mängel beseitigt worden, hätte der Salzlandkreis die Nutzung befristet dulden können. Ernsthafte Initiativen des Eigentümers waren jedoch nicht erkennbar, weshalb wir im Rahmen der Gefahrenabwehr handeln mussten.“

Erneute Eskalation zum „Volksbadetag“

Rückendeckung holte sich die Verwaltung bei der Justiz. Das Verwaltungsgericht Magdeburg und das Oberverwaltungsgericht Naumburg bestätigten, dass die Nutzungsuntersagung verhältnismäßig war. Mehr noch: Die Magdeburger Richter forderten die Bauaufsicht in der Begründung explizit dazu auf, wegen der hohen Gefahrenlage keinerlei Kompromisse einzugehen, um Leib und Leben der Menschen auf dem Platz effektiv zu schützen.

„Vor Gefahr für Leib und Leben schützen? Ich lache mich kaputt“, kontert ein sichtlich verärgerter Badegast die behördlichen Argumente. Am 13. August 2026 eskalierte die Situation erneut, als Jochen Nöske offiziell zu einem großen „Volksbadetag“ einlud, um den Bürgern trotz der Sperrung den Zugang zum See zu ermöglichen.

Die Polizei machte den Platz jedoch schon in den frühen Morgenstunden komplett dicht und entfernte den protestierenden Betreiber erneut vom Gelände. „Ich bin mit brutaler Polizeigewalt von meinem eigenen Grund und Boden gezogen worden. Die Treppe, über die sie mich geschleift haben, hat mir den gesamten Rücken aufgerissen. Ich sehe aus wie ein Reibebrett“, schildert Nöske den Einsatz.

Am 2. April wurde der Campingplatz durch die Polizei geräumt, am Tag darauf Viola Hesse leblos aufgefunden. Die Camper nehmen Abschied von ihrer Freundin.

Am 2. April wurde der Campingplatz durch die Polizei geräumt, am Tag darauf Viola Hesse leblos aufgefunden. Die Camper nehmen Abschied von ihrer Freundin.

© Alexander Schumann für Ostdeutsche Algemeine

Er versteht die Härte nicht: „Es ist mir völlig unbegreiflich, mit welcher brutalen Gewalt den Menschen das Baden verboten werden soll. Das Volk schwitzt im Sommer, und den Herrschaften in den Amtsstuben ist das völlig egal.“ Auch der Badegast ärgert sich über die verschlossenen Tore: „Wir wollten hier einfach nur friedlich baden gehen. Im Internet stand, dass das Baden erlaubt sei – kein einziger Hinweis auf ein Verbot, es wurde ja sogar explizit eingeladen. Man hätte wohl einen Zaun zwischen dem Campingareal und dem Strand ziehen sollen. So ein Aufriss! Das hat hier die ganzen Jahre über problemlos funktioniert. Diese Sperrung ist völlig überflüssig.“

Die Feuerwehr betont unterdessen, den Betreiber bei der Suche nach brandschutztechnischen Lösungen stets unterstützt zu haben. So seien die Einsatzkräfte dreimal mit Löschfahrzeugen vor Ort gewesen: „Stellproben ergaben dabei, dass ein Löschwasserbrunnen die wirtschaftlichste Alternative wäre“, betont Michael Kieler, Feuerwehrchef der Egelner Mulde. „Leider wurden diese Absprachen von Herrn Nöske nie umgesetzt.“ Für Nöske ist das Beharren auf dem Brunnen hingegen reine Schikane: „Wir haben zweimal versucht, einen Brunnen bohren zu lassen – aber es ging technisch einfach nicht, weil dort extrem dicke Lehmschichten im Boden liegen.“

Zum bürokratischen Slapstick geriet die Sperrung jedoch erst durch die Intervention der lokalen Brandschützer. Um das Gelände komplett abzuriegeln, hatte der Salzlandkreis tonnenschwere Betonblöcke direkt vor die Zufahrten des Campingplatzes gewuchtet. Das Problem: Damit waren auch die offiziellen Rettungswege für den Ernstfall blockiert. Feuerwehrchef Michael Kieler kommentiert das Vorgehen der Kreisverwaltung mit ernstem Ton, kann ein kleines Lächeln aber nicht unterdrücken: „Es ist natürlich nicht hinnehmbar, dass Herr Nöske mit Brandschutzmängeln konfrontiert wird und dann ausgerechnet die Feuerwehrzufahrten versperrt werden.“

Nachdem der Feuerwehrchef eine unmissverständliche Ansage in Richtung Salzlandkreis gemacht hatte, musste dieser prompt wieder mit schwerem Gerät anrücken und die Betonklötze vor einer Zufahrt entfernen.

Für die Zukunft hofft Michael Kieler auf eine friedliche Einigung: „Wir sollten jetzt alle wieder sachlich und zielorientiert an einer dauerhaften Öffnung des Schachtsees arbeiten.“

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