Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Wer erlebt, wie alle in der ersten Klasse ein blaues Pionierhalstuch tragen und einer in seiner kleinen Faust in der Hosentasche ein Kreuz hält, dem wird irgendwann bewusst, in dem Moment eine Lektion fürs Leben geschenkt bekommen zu haben. Solche Haltepunkte markieren dann bestenfalls einen Wandel im eigenen Denken, einen Wendepunkt im Fühlen, eine Veränderung im Handeln. Aus Unwichtigem wird Wichtiges oder umgekehrt.
Das Kind mit dem Marterholz war nicht mutig, es brauchte den Glauben als Gewissheit der Nächstenliebe. Die Welt lässt sich so für beide Seiten leichter ertragen, wird sie in Gut und Böse aufgeteilt. Es reicht, auf den anderen zu zeigen und ihm seine Eigenschaft mit dem Finger zuzuweisen. Es braucht nicht mal Sprache dafür, jeder weiß, wer im Besitz der absoluten Wahrheit ist, notfalls wird ein bisschen nachgeholfen. Ohne Dogmen kann es keinen Glauben geben, Liebe und Hoffnung schon.
Mein Klassenkamerad wohnte direkt gegenüber der Polytechnischen Oberschule „Hermann Matern“ in Karl-Marx-Stadt und mit direkt, meine ich direkt. Es gab dort eine überschaubare Siedlung aus Einfamilienhäusern mit kleinen Vorgärten, in denen im Sommer die Pfingstrosen blühten und kleine Kinder in Zinkwannen badeten. An den Fassaden waren klapprige Fensterläden montiert, um sich je nach Jahreszeit vor Hitze oder Kälte zu schützen.
Michael nahm mich eines Tages dahin mit, rüber auf die andere Seite, mit in seine Welt, in der man vorm Mittagessen kurz innehielt, sich bei den Händen fasste und das Vaterunser betete – den Dank für Essen, Trinken, Kleidung, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld und Gut sprach, um Vergebung und Schutz vor Unheil bat. Dass das Böse nur als Mangel an Gutem existiert wie Dunkelheit wegen der Abwesenheit von Licht, ist Theologie. Davon verstehe ich nichts – dass mein Schulfreund nicht mit auf die Klassenfahrt ins Pionierlager fahren durfte, schon.
Unsere Daumen sind die perfekten Befehlsempfänger, sie reflektieren nicht, sie richten …
© Bernd Feil/M.i.S./imago
Die Suche nach den richtigen Worten
Zu mir nach Hause kam er nie, weder an guten noch an schlechten Tagen. An unserem Esstisch gab es Stulle mit Brot. Das tägliche Paternoster meines Vaters widmete sich dem Sieg des Sozialismus, wie sich die Welt endlich zum Besseren wenden kann, wenn Egoismus, Lieblosigkeit, Zerstörungswut und Ungerechtigkeit überwunden sind, in einer Zukunft, die ich noch erleben werde. Er war gelernter Kaufmann, kannte sich also mit Zahlen sehr gut aus. Vorn ist das Licht, kannst du es sehen?
Das Brechen moralischer Regeln galt innerhalb der Partei als Sünde, noch schlimmer die Zerstörung von Beziehungen: der Beziehung zu Marx, Engels und Lenin, zu den Mitmenschen und zur sozialistischen Lebensweise. Nicht in die Finsternis zu geraten, das war also für Michael und mich der Ranzen, den es zu tragen galt. Kindheitsmuster aus Tischgebeten unser Proviant.
Seither ist weit mehr Zeit vergangen als übrig bleibt, um die Verheißungen der Zukunft einzulösen. Längst bin ich selbst der Vater, sogar Großvater – suche nach den richtigen Worten, ringe nach Luft, schon beim geringsten Versuch irgendeine Form von Welt- und Gedankenordnung für die Meinen zu erbitten – natürlich ganz modern, vom Universum. Nichts ist einfacher, als aus einem Wald, in dem man sich verirrt hat, wieder herauszufinden – lauf einfach immer geradeaus, mein Junge. Aber so einfach ist es längst nicht mehr.
Ein paar Typen aus Silicon Valley, die es nicht böse meinten, haben ein Dickicht aus Nullen und Einsen zu unendlichen Welten geformt, barbarische Welten, in denen wir es uns jederzeit gemütlich machen können. Am Smartphone hängend, in klimatisierten Räumen lungernd, Raspberry-Mojito-Proteinlimonade schlürfend, in Echtzeit Hinrichtungen zelebrierend, Kommentare wie Head-Shots ballernd. Dieselben Daumen, die aus dem Primaten den Homo sapiens formten, treiben uns mit jedem Tipp in eine digitale Devolution. Der Knochen aus „2001: Odyssee im Weltraum“ ist zurück auf unsere Köpfe gefallen.
Lauf weiter, Thomas: Ein Ossi im Hansa-Park
Zwischen Kultur und Moral: Wem gehört die Heimat?
Das Mantra der Grenzlosigkeit
Irdische und himmlische Leerstellen müssen besetzt sein, der zivilisierte Mensch kann nicht anders. Im Wachkoma vollzieht er deshalb tribalistische Rituale am virtuellen Endgerät, grölt, pöbelt, macht ungehemmt Jagd auf alles und jeden, der sich bewegt.
Das ist echter Livestyle: Man muss sich nicht mal umziehen oder erst aufwendig eine Klan-Robe anfertigen lassen, um jene moralischen Normen abzustreifen, die man von den Verfolgten vehement einfordert. Folge einfach dem Mantra der Grenzenlosigkeit. Du kannst alles sein, alles machen, alles glauben. Am besten, sei dein eigener Gott. Kein Halten und kein Halt auf freier Strecke.
Unsere Epoche wird eines Tages als Barbarei des Überflusses in die Geschichtsbücher eingehen. Es braucht keinen bürokratischen Apparat, keine kalte Maschine mehr, die den Menschen entmenschlicht, indem sie ihn verwaltet. An unseren Händen klebt kein Blut, wir machen uns als Kläger und Richter nicht die Finger schmutzig. Unsere Daumen sind die perfekten Befehlsempfänger, sie reflektieren nicht, sie richten.
Um folgenden Kommentar aus 521 Zeichen zu tippen, brauchte Stefan T. gerade mal eine Minute. 60 Sekunden für eine nach §§ 26, 111 StGB strafbare öffentliche Aufforderung zu einer Straftat gegen mich selbst.
„Wenn Du also der Meinung bist, daß das was gerade über dad Wetter berichtet wird Hysterie ist und Du deswegen Angst hast Dein Kind fängt deswegen mit Drogen oder Alkohol an dann hab ich einen Tipp fpr Dich: Wenn Dein Kind in einem Alter ist in dem es versteht was da gerade passiert wird es verstehen dass genau Du einer von denen bist die im Weg standen um das kommende Unheil zu verhindern. Das beste was Du tun kannst ist Dich umzubringen ... dann bist Du Deinem Kind kein Hinderniss mehr auf dem Weg zur nötigen Erkenntnis. [sic]“
Wer dagegen die Hände zum Gebet faltet, hält inne, wer inne hält, wartet ab, wer abwartet, denkt nach, wer nachdenkt, handelt nicht voreilig, wer nicht voreilig handelt, tötet nicht. Gleichermaßen haben sich Kommunisten und Christen zeitlich wohl etwas vertan. Das kann passieren.
Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer und Autor der Kolumnenserie Polemika – unsachlich & persönlich.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]