Im Saale-Orla-Kreis südlich von Jena entsteht derzeit Thüringens erster Windpark in einem Waldgebiet – und das Projekt sorgt für hitzige Debatten. Auf elf Hektar Fläche wurden Bäume gerodet, Stahlbetonfundamente gegossen und Zufahrtswege angelegt. Der Windpark Schmieritz, ein rund 70 Millionen Euro teures Vorhaben der Suhler Firma meridian Neue Energien GmbH, soll bis Ende 2026 in Betrieb gehen und mit zehn Anlagen des Rostocker Herstellers Nordex Strom für bis zu 50.000 Haushalte erzeugen. Doch Windkraftgegner und Waldökologen äußern erhebliche Bedenken.
„Das ist ein Industriegebiet. Das hat mit Umweltschutz, Naturschutz absolut nichts mehr zu tun“, sagte Wolfgang Kleindienst, Kreistagsmitglied der Unabhängigen Bürgervertretung Saale-Orla-Kreis (UBV), gegenüber dem MDR-Magazin Umschau. Kleindienst kritisierte vor allem die bundespolitische Entwicklung: Man sei in Thüringen davon ausgegangen, dass das Thüringer Waldgesetz den Bau von Windkraftanlagen im Forst verhindere. Doch der Bund habe mit seinen Vorgaben die Weichen anders gestellt.
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Tatsächlich war der Bau von Windrädern in Thüringens Wäldern bis 2022 per Landesgesetz untersagt. Waldbesitzer klagten jedoch dagegen – mit Erfolg. Das Bundesverfassungsgericht entschied im September 2022, dass dem Freistaat die Gesetzgebungskompetenz für eine solche Regelung fehle, da das Bodenrecht Bundessache sei. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz 2023 (EEG 2023) erklärte der Bund den Ausbau erneuerbarer Energien zum „überragenden öffentlichen Interesse“ und räumte ihm in Abwägungsentscheidungen Vorrang vor dem Naturschutz ein. Im September 2024 genehmigte das Landratsamt den Bau.
Ökologe sieht nachhaltige Schäden
Befürworter der Windkraft im Wald argumentieren, die betroffenen Flächen seien durch Borkenkäfer und Trockenheit ohnehin stark geschädigt. Auch die meridian-Geschäftsführer Arnd Köhler und Anja Scholze verwiesen darauf. Pierre Ibisch, Waldökologe und Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, widersprach dieser Einschätzung jedoch im MDR-Interview: „Wir wollen ja, dass der Wald wieder gesünder wird. Wir wollen, dass dort, wo Fichtenplantagen abgestorben sind, in Zukunft ein Laubmischwald entsteht. Der wird beim Aufwachsen und in seiner Existenz beeinträchtigt sein durch diese Zerschneidung.“ Satellitenuntersuchungen zeigten laut Ibisch, dass durch Windkraftanlagen zerschnittene Wälder – etwa im brandenburgischen Großräschen – sich im Sommer besonders stark aufheizten und Bäume dort schneller absterben. Gerade im Klimawandel seien intakte Wälder als Verbündete für die Kühlung der Landschaft, die Frischluftbildung und auch für den Wasserhaushalt unverzichtbar.
Trotz der Kritik sind die Bauarbeiten vor Ort in vollem Gange. Im Minutentakt rollen Betonmischer an, um die 26 Meter breiten und bis zu vier Meter tiefen Fundamente zu gießen – insgesamt werden dabei rund 28.000 Tonnen Beton verbaut. Seit März werden die Türme aus Stahlbeton-Halbschalen und Stahlsegmenten errichtet, im Sommer sollen die Gondeln und Rotorblätter folgen. Die fertigen Anlagen werden mit 260 Metern Gesamthöhe gut 100 Meter höher als der Kölner Dom sein.
Geschäftsführer Arnd Köhler rechtfertigte sich gegenüber der Ostthüringer Zeitung (OTZ) unter anderem damit, dass man bewusst mit dem bekannten Hersteller Nordex zusammenarbeite und auf chinesische Produkte verzichte. Zudem verwies er darauf, dass die Windräder im Schnitt etwa 200 Meter weiter von geschlossenen Ortschaften entfernt stünden als Anlagen an den meisten Offenlandstandorten in Thüringen. Meridian plant zusätzlich ein Batteriespeichersystem in der Nähe des Umspannwerks Muntscha, um bei sogenannten Dunkelflauten – also Phasen ohne Wind und Sonne – auf eigenen Strom zurückgreifen zu können. „So ein Speicher puffert schon etliche Stunden ab, ersetzt aber in Zeiten ohne Sonne und Wind die Gaskraftwerke noch nicht“, räumte Köhler ein.
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Aufforstung als Ausgleich
Für den Brandschutz sieht das Konzept ein internes Feuerlöschsystem in jeder Anlage, einen 30 Meter breiten, baumfreien Schutzring sowie mindestens zwei Löschwasserzisternen mit je 200 Kubikmetern Fassungsvermögen vor. Eine dritte Zisterne könnte freiwillig hinzukommen – auch weil die Gemeinde Schmieritz kein Geld für eigene Löschwasservorräte hat, wie Scholze erklärte. Im schlimmsten Fall werde ein 500-Meter-Schutzbereich gezogen und die Anlage brenne kontrolliert ab, da die Feuerwehr bei einem Windradbrand in dieser Höhe wenig ausrichten könne.
Als Ausgleichsmaßnahme für den Eingriff in die Natur soll eine 5,3 Hektar große Fläche in der Gemarkung Eineborn aufgeforstet werden, da im Saale-Orla-Kreis selbst keine geeignete Fläche angeboten werden konnte. Nach Inbetriebnahme sollen laut meridian rund 70 Prozent der befestigten Bauflächen zurückgebaut und mit Mutterboden aufgefüllt werden. In Abstimmung mit dem Forstamt werde ein naturnaher Mischwald gepflanzt, kündigte Scholze an. Für den späteren Rückbau jeder Anlage muss der Betreiber eine Sicherheitsleistung von rund 180.500 Euro hinterlegen.
Knapp 20 Flächeneigentümer, überwiegend aus der Region, stellten für das Projekt ihre Grundstücke zur Verfügung. Die jährlichen Pachtzahlungen bewegen sich laut Köhler vor Steuern zwischen 30.000 und 100.000 Euro pro Standort. Teilweise seien Gemeinwohlabgaben von fünf bis zehn Prozent vereinbart worden. Um die nächtliche Lichtverschmutzung zu reduzieren, sollen alle Anlagen mit bedarfsgerechter Nachtkennzeichnung ausgestattet werden – die roten Warnlichter blinken dann nur noch, wenn sich tatsächlich ein Flugobjekt nähert. Scholze räumte allerdings ein, dass bereits umgerüstete Anlagen „immer noch viel blinken“ und bei der Einstellung der Systeme Nachbesserungsbedarf besteht.
Bundesregierung hält an Zielen fest
Auch die Bundespolitik nimmt die Kontroverse wahr. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte beim politischen Aschermittwoch im Februar in Trier: „Es gibt erheblichen Widerstand gegen den Ausbau der Windenergie. Ich bekenne mich dazu, dass das notwendig und richtig ist, aber es muss so gemacht werden, dass es wirtschaftlich vernünftig ist und dass es von der Bevölkerung akzeptiert wird.“ Die aktuelle Bundesregierung hält gleichwohl an den Ausbauzielen für Windenergie fest, wie Köhler bestätigte.
Eine große Erweiterung des Windparks über die zehn genehmigten Anlagen hinaus plant meridian nach eigenen Angaben nicht – allenfalls um zwei bis drei weitere Windräder. Geschäftsführerin Scholze betonte den Unterschied zwischen ausgewiesenen Windvorranggebieten und den Prüfflächen im aktuellen Regionalplanentwurf. Eine Ausdehnung des Vorranggebiets W24 bis nach Moßbach und Dittersdorf halte sie für unwahrscheinlich.
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