In einer kleinen Wohnung in der Weststadt von Halle sitzt Erich Gadde an seinem Wohnzimmertisch. Das Holz ist kaum zu erkennen, so viele Dokumente, Blätter in Klarsichtfolien, alte Fotos und Briefe liegen ausgebreitet vor ihm. Zwischendurch betritt seine Frau den Raum, sie hat in der Küche Kaffee und Gebäck vorbereitet. Mit zitternden Händen greift Gadde zu seiner Tasse. Er ist heute 83 Jahre alt, erkrankt an Lungenfibrose, doch keineswegs zu schwach, um für etwas zu kämpfen, das ihn seit 30 Jahren nicht loslässt.
Erich Gadde arbeitete ab 1959 im Plastwerk Ammendorf - einem Nachfolgebetrieb der früheren Chemischen Fabrik Buckau. Das Gelände im halleschen Stadtteil Ammendorf kennt er bis heute wie kaum ein anderer. Als Rangierleiter fuhr Gadde zweimal täglich über das direkt angrenzende Areal – die zwölf Hektar, auf denen bis 1945 die Orgacid GmbH stand, die größte Kampfstofffabrik des nationalsozialistischen Regimes. Heute ist von ihr kaum noch etwas zu sehen. Brennnesseln umranden das Gelände, dahinter ein verwittertes Verwaltungsgebäude mit Siegrune und Reichsadler am Eingang.
Erich Gadde erinnert sich noch genau an die Zeit und auch an die Warnung seines Bruders, als der 1953 zu ihm sagte: „Erich, dass du mir nicht aufs Gelände gehst. Die Bunker und so weiter, das ist gefährlich.“ Was er damals als kleiner Junge noch nicht wissen konnte: Die Warnung seines Bruders hallt bis heute nach. Und die Geschichte des Orgacid-Geländes ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Senfgas in Serie
Es war 1934, als die Kampfstofffabrik unter dem Tarnnamen Orgacid GmbH gegründet wurde, getragen von zwei Konzernen: der Auergesellschaft und der Chemischen Fabrik Buckau, die später Teil der Goldschmidt AG wurde. Hinter der zivilen Fassade stand das Heereswaffenamt. Ab 1937 lief die Produktion der Vorprodukte an, ein Jahr später begann die Herstellung des Kampfstoffs Lost, aufgrund seines Geruchs auch Senfgas genannt.
Fünf Millionen Euro für DDR-Kultzug „Vindobona“ – doch ein Problem bleibt
Lausitzer Literatenkontroverse: Peter Jokostra floh aus der DDR – und rechnete mit Strittmatter ab
Bis zum Ende des Krieges produzierte das NS-Regime in Ammendorf gewaltige Mengen: rund 26.000 Tonnen Lost. Heute weiß man, dass 86,2 Prozent der gesamten deutschen Senfgasproduktion hier stattfanden. Mehr als 5500 Tonnen wurden in über 61.000 Bomben verfüllt, und das per Vakuum, denn schon ein kleines Leck hätte verheerende Folgen gehabt.
Aus dem Archiv von Erich Gadde: Ein Jahr nach Kriegsende 1946 besetzen sowjetische Truppen das Gelände der Orgacid GmbH und sprengen alles.
© Sammlung/Erich Gadde
Nach Kriegsende 1945 besetzten US-Soldaten das Gelände. Sie fanden dort 625 Tonnen Senfgas und 600 Tonnen Arsenpulver vor. Ein Jahr später nahmen sowjetische Truppen das Gelände in Beschlag und sprengten alles. Von 74 Gebäuden blieben nur sieben übrig. Den überwiegenden Bestand an noch vorhandenem Lost verbrannten sie unkontrolliert im Kesselhaus des benachbarten Plastwerks. Heute, 80 Jahre später, stehen von den ursprünglichen Gebäuden nur noch zwei.
Die Liste
Dass Erich Gadde sich mit der Geschichte der Kampfstofffabrik so gut auskennt, ist nicht allein seiner Zeit als Rangierleiter geschuldet. Es ist auch eine familiäre Verwurzelung, die ihn bis heute nicht loslässt. „Mein Bruder Wolfgang hat 1953 angefangen, mein Schwiegervater 1954, und ich persönlich ab 1959“, sagt er. „Dadurch haben wir besonderen Regionalbezug zu den ganzen Abläufen, was da passiert ist.“ Auch seine Frau lernt er hier kennen. 1966 heiraten sie in der betriebseigenen Villa, in der ihre Familie wohnt.
Wir sind die letzten Zeitzeugen, die noch irgendwas belegen können.
Erich Gadde
Doch die Geschichte hat auch eine andere Seite. Sein Bruder Wolfgang stirbt zu früh, genau wie viele andere, die hier gearbeitet haben. Die Schwiegermutter erkrankt an einem Hirntumor, der Schwiegervater an Hautkrebs, seine Frau leidet seit Jahren an Depressionen. Bei Gadde selbst diagnostizieren die Ärzte Lungenfibrose. Irgendwann beginnt er, die Namen aufzuschreiben. Nicht nur die seiner Familie, sondern auch die seiner ehemaligen Kollegen, Nachbarn und Anwohner. Heute stehen rund 70 Namen auf dieser Liste. Die Diagnosen reichen von Leukämie über Pankreaskrebs bis Hodenkrebs und Hirntumor. Auch die Todesdaten notiert Gadde akribisch. Er führt eine Liste, die niemand führen wollte, aber jemand musste es tun. „Wir sind die letzten Zeitzeugen, die noch irgendwas belegen können“, sagt Gadde.
86 Millionen für den Abriss: Honeckers geheimes DDR-Krankenhaus wird zur Kostenfalle
Irina Liebmann über das Ende von DDR und Palast: „Die Leiche, sie hat sich bewegt!“
Wie sehr die Geschichten ineinandergreifen, wird ihm 2019 bewusst. Bei einem Treffen mit ehemaligen Kollegen, seinen Freunden, kommt das Gespräch zufällig auf Krankheiten. „Auf einmal hieß es: Du, Erich, was hast du denn? Ich sage: Ich habe Lungenfibrose. Da sagt der eine: Erich, ich auch. Der Nächste: Ich auch“, erzählt er. Aus dem Treffen heraus gründet sich die Bürgerinitiative Orgacid.
Im Jahr 2019 entsteht die Bürgerinitiative „Orgacid“. In ihrem Namen wird am 27. Februar 2024 eine Infotafel aufgestellt, die beschreibt, was sich auf dem Gelände zugetragen hat.
© Felix Adler/Ostdeutsche Allgemeine
Gaddes Liste der Geschädigten, wie er sie nennt, landet beim Robert-Koch-Institut, beim Gesundheitsamt Halle und bei Abgeordneten. Antworten bekommt er jedoch kaum. Ein Arzt im Gesundheitsamt teilt ihm telefonisch mit, es bestünden keine Kausalitäten und Zusammenhänge. Ein Speziallabor in Bremen bietet an, Anwohner und ehemalige Beschäftigte auf Arsen zu untersuchen. Die Stadt lehnt die Kostenübernahme ab. Eine juristische Beweiskraft hat Gaddes Liste nicht.
Das Kartell des Schweigens
„Massive Überschreitungen.“ Und: „Keine erhöhte Gefährdungslage.“ Beide Sätze stammen aus derselben Stadtverwaltung. Sie liegen 15 Tage auseinander. Am 12. Februar dieses Jahres stellt Simon Kuchta im Umweltausschuss der Stadt Halle die Ergebnisse einer aktuellen Grundwasseruntersuchung vor. 30 Messstellen, ein klarer Hotspot entlang der Chemiestraße – dort, wo das alte Orgacid-Gelände an Wohnhäuser grenzt. „Es konzentriert sich auf den Bereich des Sanierungsbrunnens“, sagt Kuchta. „Da haben wir zum Teil massive Überschreitungen der lost-typischen Verbindungen.“ Auch erhöhte Werte von Chloroform werden gemessen.
Lost vs. lost-typische Verbindungen
In einem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung am 27. Februar nimmt Kuchtas Vorgesetzter eine andere Haltung ein. Steffen Johannemann, Leiter der städtischen Umweltbehörde, sagt: „Außerhalb des ehemaligen Werkgeländes gibt es keine Hinweise auf eine erhöhte Gefährdungslage.“ Eine mögliche Erklärung für die Funde liefert er gleich mit: Vielleicht stammten sie gar nicht von der ehemaligen Kampfstofffabrik, sondern seien Folge eines Sabotageakts 1989 im benachbarten Plastwerk, bei dem Lösungsmittel ausgetreten seien. Chemisch betrachtet ist das keine plausible Erklärung, denn Lösungsmittelaustritte erzeugen keine Lost-Abbauprodukte.
Drei Wochen nach Johannemanns Interview meldet sich die Bürgerinitiative Orgacid zu Wort. In einer Stellungnahme an die Mitteldeutsche Zeitung erklärt sie: „Sie sind auf dem besten Weg, durch Verschleierung, Verdrängung und Falschaussagen ein Kartell des Schweigens über diese Umweltlast zu legen.“ Was fehle, seien Bewertungen der Luftanalysen und Bodenproben für die gesamte belastete Fläche. Die Stadt schränkt ihre eigenen Befunde und damit ihre Aussagekraft selbst ein: Mit den Werten von 2018 seien die aktuellen Messungen nicht vergleichbar, andere Messstellen seien verwendet worden. Eine notwendige Trendanalyse ist damit nicht möglich.
Von 30.000 Flächen mit DDR-Altlasten erst 4700 saniert
Ende der Friedenspolitik: Sieben Musterungszentren entstehen in Ostdeutschland – hier die Standorte
Auf eine Anfrage der OAZ an die Stadt Halle antwortet Pressesprecher Drago Bock ausweichend. Hier heißt es beispielsweise: „Im Ergebnis der in den frühen 90er-Jahren durchgeführten Untersuchungen und Sicherungsarbeiten ergab sich kein weiterer Handlungsbedarf.“ Wie realistisch die Aussagen der Stadt sind, weiß ein Mann, der den Orgacid-Fall bereits seit mehr als 30 Jahren beobachtet.
Ein Brief von 1995
Der Professor im Ruhestand Johannes Preuß ist Geograf sowie Spezialist für Kampfstoffe und Rüstungsaltlasten. Er war tätig an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Im Laufe von 40 Jahren hat er mehr als 50 Standorte untersucht. Mit dem Orgacid-Gelände beschäftigt er sich seit über 30 Jahren. Er ist überzeugt: Die Stadt Halle hat wichtige Informationen und Erkenntnisse nicht wahrgenommen. Sein Anliegen ist nicht Schuldzuweisung, sondern Aufklärung im Sinne von methodisch sauberer Abarbeitung einer Fragestellung.
Am 1. März 1995 schreibt Preuß einen Brief an die Stadtverwaltung Halle. Er bietet sein selbst recherchiertes Aktenmaterial an und stellt fest: Das damals vorliegende Gutachten enthalte „wesentliche, zur Beurteilung des Gefährdungspotenzials erforderliche Informationen nicht“. Geantwortet hat ihm die Stadt nie. 30 Jahre später ist Preuß auf Umwegen zurück. Im Auftrag der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft des Landes Sachsen-Anhalt (MDSE) erstellt er ein Sondergutachten. Der Stadtrat Halle hat ihn im Mai 2025 einstimmig in das Fachgremium zur Aufklärung berufen.
Von dem alten Gelände der „Orgacid“ in Halle Ammendorf ist heute nur noch wenig zu sehen. Man erkennt jedoch gut, dass die Vegetation an vielen Stellen ausgesetzt ist.
© Felix Adler/Ostdeutsche Allgemeine
Was Preuß seit Jahrzehnten fordert, ist methodisch eindeutig: eine historisch-genetische Studie. „Es geht im Grunde darum, dass man eine Rekonstruktion vornimmt eines Werkes auf der Grundlage von Akten, Plänen, Luftbildern, Befragungen und Zeitzeugen“, erklärt er. Eine solche Studie zeigt, wo im Boden tatsächlich Schadstoffe vermutet werden müssen und wo nicht. Erst danach könne man gezielt graben, prüfen, bewerten. Genau diese Studie liegt nun bald vor: 470 Seiten, mehr als 200 Abbildungen, Material aus deutschen, amerikanischen und russischen Archiven.
Doch der Stadt Halle, sagt Preuß, fehle nicht nur diese Studie. Es fehle das gesamte Vorgehen davor. „Da kommt jeder mit dem Wort Sanierung. Nein, es muss überhaupt mal eine erste Erkundung der Gefahr gemacht werden. Das ist bis heute nicht wirklich erfolgt.“
Die Untersuchungsgrenze
Der deutliche Widerspruch zu den Aussagen der Stadt und damit der Knackpunkt der Geschichte ist folgender: „In einem Fall wurde tatsächlich eine Lostprobe gefunden. Und zwar vier Meter unter der aufgeschütteten Oberfläche“, sagt Preuß. Doch tiefer als diese vier Meter sollte nicht gegraben werden. „Sie sollten quasi am Gras von damals aufhören. Und auf diesem Gras liegen eben bis zu drei Meter Auffüllung.“ Was unter den ehemaligen Gebäuden liegt, wurde nie systematisch geprüft.
Der Sowjetsoldat vom Treptower Park – die wahre Geschichte eines Lebensretters
Im Schatten der Geschichte: Wie Briefe aus dem NS-Gefängnis zu einem Roman werden
Dass dort etwas im Boden liegt, ist nicht erst seit gestern bekannt. Der Vorfall, den Preuß schildert, ereignete sich 1975, in der DDR. Auf dem Gelände sollte damals eine Fabrik gebaut werden. Bei Baggerarbeiten stoßen die Arbeiter zunächst auf ein Rohr mit einer braunen, öligen Flüssigkeit. Ein Mann klettert in die Grube, will eine Probe nehmen und kommt mit Verätzungen wieder hoch. Er wird ins Krankenhaus gebracht. Bei den anschließenden Probebohrungen für die Baumaßnahme notieren die Geologen zwischen drei und sieben Metern Tiefe ein einziges Wort: „verseucht“. Der damalige Oberbürgermeister stoppt das Bauvorhaben. Dennoch wird auf dem Gelände später gebaut – auf einer 2,80 Meter dicken Erdschicht.
Wie man eine Altlast vergisst
Nach 80 Jahren liegt noch immer keine abschließende Gefahrenbewertung für das Gelände der ehemaligen Kampfstofffabrik Orgacid in Halle-Ammendorf vor. Auf die Frage, woran das liege, antwortet die Stadt Halle mit einem Verweis auf Untersuchungen aus den frühen 1990er-Jahren. Damals habe sich „kein weiterer Handlungsbedarf“ ergeben. Was zwischen 1956 und 2026 auf dem Gelände geschehen ist und vor allem, was nicht geschehen ist, lässt sich als eine Reihe verpasster Gelegenheiten erzählen.
Schon Mitte der 1950er-Jahre empfiehlt der Toxikologe Prof. Karlheinz Lohs die Sperrung des Geländes für 50 Jahre. 1978 wird diese Empfehlung zwar bekräftigt, allerdings mit einer Einschränkung, die alles veränderte: Es dürfe wieder gebaut werden, sofern zuvor drei Meter Erde aufgeschüttet würden.
Die wohl größte verpasste Gelegenheit kommt mit der Wende. 1990 stellt der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer vier Millionen D-Mark für die Sanierung des Geländes bereit, das Land Sachsen-Anhalt steuert weitere zwei Millionen bei. Sechs Millionen D-Mark, mit denen die Aufklärung beginnen könnte. Doch 1993 zieht die Stadt 2,5 Millionen D-Mark wieder zurück. Begründung: Niemand wisse so recht, was damit zu machen sei.
Seit 30 Jahren sammelt Erich Gadde akribisch alles, was mit der Orgacid zu tun hat. Das Foto zeigt einen Anschluss, der wahrscheinlich zum Abfüllen des Giftgases verwendet wurde.
© Felix Adler/Ostdeutsche Allgemeine
Im selben Jahr, im Juni 1993, gibt die damalige Umweltdezernentin Dagmar Szabados offizielle Entwarnung: Vom Orgacid-Gelände gehe keine Gefahr aus. Wenige Monate später weisen die Gutachter der Firma HPC Lost-Abbauprodukte im Boden nach. Auch die Sanierungsfirma Lenz hatte schon 1991 entsprechende Befunde dokumentiert. Bereits 1992 hatte das Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt eine Sanierung als „unumgänglich“ bezeichnet. Geantwortet hat darauf niemand. Trotzdem wurden Teile des Geländes nach der Wende verkauft. Heute teilt es sich in viele Parzellen mit unterschiedlichsten Eigentümern: privatwirtschaftliche Firmen, Privatpersonen, Bundes- und Landesgesellschaften.
Auch das Grundwasser, der einzige systematische Anhaltspunkt, blieb über Jahre unbeobachtet. Zwischen 2005 und 2018 erfolgte kein durchgängiges Monitoring – 13 Jahre lang. Auf die Frage nach dieser Lücke antwortet die Stadt nicht direkt. Sie verweist lediglich auf „mehrere Untersuchungskampagnen“ vor 2022 und auf die 2021 vorgelegte historisch-genetische Recherche, die das aktuelle Monitoring fachlich begründe.
Niemandsboden
Auch die Eigentumsfrage blieb über Jahrzehnte ungeklärt. Ausgerechnet ein zentraler Belastungsschwerpunkt gehörte formell niemandem. Erst 2025 ermittelte das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen einen Eigentümer. Der hat Klage gegen den Bescheid eingereicht. Wann das Verfahren entschieden ist, weiß niemand.
Ostrock-Revolution: Die vergessene Geschichte der TBA-Combo im NVA-Dienst
Rolling Stones: So haben ihre Fans 1965 die Berliner Waldbühne zerlegt – mit Folgen für die DDR
Bemerkenswert ist außerdem, wie sich die Position der Stadt zur Eigentumsfrage selbst verschiebt. Galt sie 2024 noch als Hauptproblem, heißt es heute in der Stellungnahme an diese Zeitung: Die Eigentumsverhältnisse seien „für die aktuellen Untersuchungen nicht relevant“. Preuß sieht das anders. Die Rückführung aller Grundstücke in Bundeseigentum sei notwendig.
Aus Halle, Berlin und London
In den letzten Monaten beginnt sich etwas zu bewegen. Im Mai 2025 fasst der Stadtrat Halle einen einstimmigen Beschluss: Eine endgültige Gefährdungsabschätzung soll bis Ende 2026 vorgelegt werden, und ein Fachgremium soll die weiteren Schritte begleiten. Jenes Fachgremium, in dem auch Prof. i.R. Preuß Mitglied ist. Die Umsetzung dieses Beschlusses läuft jedoch schleppend. Akteneinsicht hat ihm die Stadtverwaltung bis heute nicht gewährt. Im Februar bestätigte Umweltamtschef Johannemann der MZ, Preuß arbeite an einem Sondergutachten. Dass der Stadtrat denselben Wissenschaftler einstimmig ins Fachgremium berufen hat, erwähnte die Stadt gegenüber der OAZ nicht.
Auf einem alten Bild aus Erich Gaddes Sammlung kann man das gesamte Areal der Kampfstofffabrik Orgacid GmbH vor der Sprengung sehen.
© Sammlung/Erich Gadde
Auch auf Bundesebene wächst der Druck. Im August 2025 reicht Erich Gadde im Namen der Bürgerinitiative eine Petition beim Deutschen Bundestag ein. Sein juristisches Argument: Die Orgacid gehörte bis 1945 zum Sondervermögen des Deutschen Reiches. Da die Bundesrepublik dessen Rechtsnachfolge antritt, sei eine anteilige Finanzierungspflicht des Bundes nach Artikel 120 des Grundgesetzes zu prüfen. Die Petition wird derzeit im Ausschuss verhandelt. In vergleichbaren Fällen hat der Bund Sanierungen längst mitfinanziert: in Munster, am Dethlinger Teich in Niedersachsen.
Sogar aus dem Ausland kommt Aufmerksamkeit. Der britische Schriftsteller Joe Dunthorne veröffentlichte 2025 sein Buch „Kinder des Radiums“. Ein ganzes Kapitel widmet er Erich Gadde und der Bürgerinitiative in Ammendorf.
Methodik statt Revolution
Was eine richtige Sanierung bedeuten würde, weiß Preuß bereits. „Es geht nicht darum, das Land Sachsen-Anhalt schlecht zu machen oder die Stadt Halle oder die ganze Geschichte“, macht er im Interview deutlich. Es gehe auch nicht um eine Sanierung, sondern vielmehr darum, eine erste, methodisch saubere Untersuchung durchzuführen. 30 Jahre seien nun vergangen, die Zeit könne niemand mehr zurückdrehen. „Egal, wie das gelaufen ist, wir machen jetzt die Untersuchung, und wenn es erforderlich ist, später mehr.“
Wie eine Sanierung in der Praxis aussieht, weiß Preuß aus eigener Erfahrung. In der hessischen Stadt Allendorf, einer der wenigen tatsächlich sanierten Rüstungsaltlasten Deutschlands, hat er Anfang der 90er-Jahre selbst mitgearbeitet. Von D-Mark zu Euro umgerechnet, wurden 160 Millionen Euro dort eingesetzt. Auf einem Gelände, das 45-mal so groß ist wie das Ammendorfer. Hochgerechnet auf die Fläche der ehemaligen Orgacid GmbH läge der Sanierungsbedarf damit bei rund vier Millionen Euro. „Sagen wir mal, das kostet das Doppelte, dann ist das bei dem kleinen Objekt noch ziemlich wenig“, sagt Preuß. Eine Größenordnung, die für die Stadt Halle allein zu stemmen wäre – Förderungen vom Land hinzugerechnet. Auch der Zeitrahmen sei überschaubar: Zwei bis drei Jahre würden für die Erstuntersuchung reichen, schätzt Preuß. Was danach folgen müsste, hängt vom Befund ab: Sicherungsmaßnahmen, gezielte Bodenarbeiten, im Extremfall eine Traglufthalle. Doch ohne die Erstuntersuchung wisse niemand, was wirklich nötig sei.
Was Preuß fordert, ist keine Revolution. Es ist die Anwendung einer erprobten Methodik. Und es ist, wie er selbst sagt, praktische Demokratie. „Alle müssen das Material haben, müssen sich das vortragen lassen oder selber lesen. Dann treffen sie ihre Entscheidung. So soll es sein.“
Was bleibt
Erich Gadde sitzt wieder an seinem Wohnzimmertisch. Vor ihm: die Aktenordner, die Klarsichtfolien, die alten Fotos. Seine Frau bringt eine zweite Tasse Kaffee. „Ich habe vorgesorgt, wenn ich mal nicht mehr bin“, sagt er. „Ich habe alles schriftlich.“
Erich Gadde hat seit 1959 selbst auf dem Gelände gearbeitet, auf dem auch die Orgacid angesiedelt war. Hier hat er auch seine Frau kennengelernt und geheiratet.
© Felix Adler/Ostdeutsche Allgemeine
Sein Bruder Wolfgang ist tot. Sein Schwiegervater, seine Schwiegermutter, viele Kollegen. Die Liste wird länger. Die Zeit wird knapper. „Die Menschen brauchen Offenheit, Klarheit und Information“, hatte Johannes Preuß gesagt. „Sie wollen nicht mehr und nicht weniger als wissen, was Sache ist.“
Auf der Chemiestraße, zwischen Kreisel und Eisenbahnstraße, fließt unter dem Asphalt vermutlich stark kontaminiertes Grundwasser in Halle. Auf der einen Seite der Mauer: Brennnesseln, Brombeersträucher, Stille. Auf der anderen Seite: Wohnhäuser. Gärten. Tomaten, Bohnen und Salat.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]