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In den Beiträgen zur Ordnung der Zuwanderung wurden in der Pfingstausgabe der Berliner Zeitung interessante Vorschläge für ein gedeihliches Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften gemacht. Angesichts der Erkenntnis, dass es einerseits angesichts einer überalternden Gesellschaft zu einer multikulturellen Gesellschaft keine Alternative gibt, dass andererseits aber multikulturelles Zusammenleben nicht einfach nur etwas rhythmisch Beschwingtes und Buntes, wie der Karneval der Kulturen ist, sondern eine gewaltige gesellschaftliche Herausforderung. Welche sich nicht durch Kleinreden der damit einhergehenden Probleme lösen lässt. Aber auch nicht durch den guten Willen jener, die von den Reibungsflächen, etwa auf dem Wohnungsmarkt oder in der Grundschulbildung, am wenigsten betroffen sind. Die Beiträge kamen zu dem Schluss, dass die Respektierung der hiesigen gesellschaftlichen Ordnung klarer eingefordert werden sollte.
Doch genügt es nicht, die Integrationsbemühungen zu verstärken und die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens konsequenter durchzusetzen. Es gilt auch die empirische Erfahrung: Je heterogener eine Gesellschaft ist, je stärker die Werte und Gepflogenheiten voneinander abweichen, umso höher der Integrationsaufwand, umso größer die Zumutungen an die Toleranz aller Beteiligten. Zudem gilt die Einsicht: Je höher die Integrationsansprüche, umso höher ist die Herausforderung.
Daraus folgt zweierlei: Zum einen gilt es, bereits bei der Auswahl der Zuwanderer dafür Sorge zu tragen, dass die Heterogenität sich in zu bewältigenden Grenzen hält. Dass also das Zuwanderungsland möglichst integrationswillige und -fähige Menschen anspricht. Zum anderen gilt es, der Realität Rechnung zu tragen, dass viele derer, die wir als Arbeitskräfte brauchen und auch derer, die bei uns Schutz brauchen, keinen Wert darauflegen, dauerhaft im Zuwanderungsland zu bleiben und sich hier zu integrieren. Es gilt also die Herausforderung der Multikulturalität von zwei Seiten her zu reduzieren: Anforderungen herunterschrauben, Voraussetzungen verbessern.
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Im deutschen Arbeitsleben Fuß gefasst
Die Erfahrungen zeigen weltweit: Nicht alle, die anderswo Geld verdienen wollen oder Schutz suchen müssen, haben das Interesse, auf Dauer auszuwandern und im Zielland zu bleiben. Jene haben deshalb auch kein ausgeprägtes Bedürfnis sich dort zu integrieren. Anders als die europäischen Auswanderer in die USA im 19. Jahrhundert.
Für viele Arbeitsmigranten, denken wir an die türkischen Gastarbeiter in den Sechzigerjahren, war es ein schrittweiser Prozess. Erst wollten sie nur zeitlich befristet hier Kapital ansparen, um sich zu Hause eine Existenz aufbauen. Dann merkten viele von ihnen, dass die Bedingungen in der Türkei doch nicht ihren Bedürfnissen entsprachen und dass sie im deutschen Arbeitsleben Fuß gefasst hatten. Heute lebt und arbeitet die dritte Generation von ihnen hier und spricht oft besser Deutsch als Türkisch.
Andere, viele der italienischen und spanischen Arbeiter, gingen gerne wieder zurück, als die Situation zu Hause besser wurde. Wieder andere investierten hierzulande in eine Eisdiele oder Tapasbar. Für die wenigstens war die Integration von vornherein eine Einbahnstraße. Anders als für viele wohlmeinende Migranten-Unterstützungsagenturen, die alle hier Ankommenden am liebsten auf die Integrationsspur setzen möchten, sobald diese den Fuß auf deutschen Boden gesetzt haben.
Das Leben in zwei Welten
Durch Globalisierung und Digitalisierung hat sich die Tendenz, flexibel in zwei Welten leben zu wollen, verstärkt. Kann man doch nun täglich mit den Lieben zu Hause in Vietnam, in Senegal oder in Irak telefonieren. Zudem täglich die Fernsehnachrichten des Herkunftslandes gucken. Für jene, die beruflich erfolgreich waren, ist auch ein jährlicher Heimflug erschwinglich. Migrationsforscher nennen das „multinationale Lebenshaltungssysteme“. Die in solchen Systemen lebenden Menschen haben nur Interesse an einer teilweisen Integration im Gastland: Beruflich, soweit das für das Weiterkommen nötig ist. Privat eher nicht so sehr.
Bei der nachfolgenden Generation, aufgewachsen in deutschen Kitas, mag das schon ganz anders sein. Sie integrieren sich dann aus eigenem Antrieb. Wollen vielleicht den Restriktionen ihrer Ursprungskultur, den Zwängen patriarchalischer Familienstrukturen entkommen. Oder sie leben in zwei Welten, manchmal die Vorteile beider Lebensformen genießend, manchmal eher zwischen diesen zerrissen.
Was daraus folgt? Es gilt, die Integrationserwartung und -ansprüche auf diese multinationale Realität einzustellen. Das widerspricht nicht der Forderung, dass alle, die hier leben und arbeiten, sich hier an die Gesetze und Regeln halten. Polygamie geht nicht. Zwangsverheiratung auch nicht.
Manche Regeln müssen vielleicht auch neu ausgehandelt werden: Kopftuch am Arbeitsplatz mag okay sein, Vollverschleierung aber nicht. Burkinis im Schwimmbad so tolerabel wie oben ohne, Belästigung gegen deren Trägerinnen aber strikt tabu. Für Schweinefleisch in der Kantine könnten ähnliche Regeln ausgehandelt werden wie für vegan. Multikulti erfordert Ausweitung der Toleranz, allerseits. Unrealistisch aber ist die Erwartung, dass alle, sobald sie hier eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, lupenreine Demokraten werden.
Aus all dem folgt, dass wir mit einem gewissen Grad an Multikulturalität mitsamt den damit verbundenen Zumutungen werden zurechtkommen müssen. Damit aber die Zumutungen der Multikulturalität für die Zuwanderungsgesellschaft in einem zumutbaren Rahmen bleiben, muss auch die Zuwanderung besser reguliert werden.
Wenn wir mehr ausländische Arbeitskräfte benötigen, wenn viele von diesen aber multinational aufgestellt sind, dann bleibt nur eine Möglichkeit: eine offensive, effektiv geregelte Einwanderungspolitik. Anstelle einer Politik, die aufnimmt, wer ankommt, ohne vorangehende Prüfung auf Eignung oder Schutzbedürftigkeit. Diese Politik, verbunden mit einem exzessiven bürokratischen Aufwand, der die zugewanderten Menschen unerträglich lange in Warteschleifen festhielt, ohne reale Möglichkeit, die Abgelehnten zurückzusenden, diese Politik maximierte die mit Einwanderung verbundenen Herausforderungen in Form von Heterogenitätszumutungen und Integrationskosten.
Ein türkischer Gastarbeiter hat im Jahr 1984 in Rüsselsheim einen Kollegen zu Besuch und zeigt ein Foto von Atatürk.
© Sommer/imago
Flüchtlingsboot im Mittelmeer mit Menschen aus Sudan, Eritrea, Bangladesch and Somalia
© Joan Galvez/imago
Auswahlverfahren vor den Landesgrenzen
Wie kann solch eine „offensive, geregelte Einwanderungspolitik“ aussehen? Sie muss dafür sorgen, dass die Zugewanderten möglichst gut zum Profil des Ziellandes passen. Sei es zum Arbeitskräftebedarf im Fall der Arbeitsmigration. Sei es zu den im Völkerrecht verankerten Schutzpflichten im Fall von Asylbewerbern. Hierzu muss das Auswahlverfahren der Einreise vorangehen, also außerhalb der Landesgrenzen stattfinden. Andernfalls käme es zu den bekannten, praktisch kaum lösbaren, Rückführungsproblemen für abgelehnte Bewerber. Oder aber zu einem für beide Seiten nicht erfreulichen Abtauchen in die Informalität.
Bei den Arbeitssuchenden gilt es zu unterscheiden zwischen qualifizierten Fachkräften und ungelernten Arbeitskräften. Beide werden hier benötigt. Bezüglich Integrationsbereitschaft und -bedarf gibt es zwischen den beiden Gruppen gleichwohl einen wichtigen Unterschied: Fachkräfte benötigen gute Sprachkenntnisse, oft auch eine Weiterbildung. Dies erfordert sowohl vonseiten der Zugewanderten als auch des aufnehmenden Landes einen hohen Aufwand. Einen Aufwand, der sich nur lohnt, wenn die Betreffenden eine langfristige Bleibeperspektive mitsamt Familiennachzug bzw. -gründung und entsprechender Wohnsituation haben. In diesem Fall ist für beide Seiten ein relativ hohes Maß an Integration wünschenswert. Die aufnehmende Gesellschaft hat ein hohes Interesse, dass solche Fachkräfte bleiben. Für die zugewanderten Fachkräfte ist es von Interesse, wenn ihnen nicht nur am Arbeitsplatz alle Tore zu einem erfüllten Leben offenstehen.
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Kein Grund, Wanderarbeit als inhuman zu verdammen
Anders ist die Situation bei der Mehrzahl der ungelernten Arbeitskräfte. Jenen, die als Hilfskräfte im Bau- oder Reinigungsgewerbe, in der Gastronomie, als Landarbeiter, als Haushaltshilfen oder als Paketzusteller hier benötigt werden. Für sie genügen oft rudimentäre Sprachkenntnisse und kurze Anlernzeiten. Oft handelt es sich um junge Männer oder Frauen, die nicht die Absicht haben, dauerhaft auszuwandern. Was sie suchen, sind temporäre Arbeitsmöglichkeiten, wo man in begrenzter Zeit möglichst viel Geld – zum Zwecke der Familien- oder Betriebsgründung zu Hause – sparen oder nach Hause überweisen kann.
Dies entspricht der in Afrika und Südasien verbreiteten Tradition der temporären Wanderarbeit. Dies entspricht auch der Praxis der zirkulären Arbeitsmigration in Ländern wie Singapur oder den arabischen Golfstaaten. Die Arbeitskräfte werden von Rekrutierungsbüros in ihren Heimatländern ausgewählt, erhalten einen befristeten Arbeitsvertrag zusammen mit Arbeitsvisum, Hin- und Rückflugticket und Unterkunftsgarantie.
Ja, diese Systeme werden aus Perspektive arbeitsrechtlicher Errungenschaften in reichen Sozialstaaten oft kritisiert wegen niedriger Löhne, schlechter Arbeitsbedingungen, auch weil sie keine freie Arbeitsplatzwahl im Zielland erlauben. Doch aus Sicht von Menschen ohne Erwerbschancen in ihrer Herkunftsregion ist ein garantierter fester Arbeitsplatz mit Billigunterkunft sehr viel attraktiver als eine teure und gefährliche Reise als „Asylsuchender“ nach Europa ohne gesichertes Bleiberecht, ohne gesicherte Erwerbsmöglichkeit und bei kaum erschwinglichen Unterkünften.
Europäer haben also wahrlich keinen Grund, das System der Wanderarbeit in den Golfstaaten oder in Singapur als inhuman zu verdammen. Temporäre Wanderarbeit kann den Einkommensbedürfnissen der Migrierenden und dem Arbeitskräftebedarf der Zielländer auf eine rechtlich geregelte und sichere Weise gerecht werden.
Diese kann auch Integrationsaufwand und die multikulturellen Zumutungen minimieren. Mit arbeitsrechtlichen Anpassungen für temporäre Arbeitsmigration können sie die ausländischen Arbeitskräfte besser schützen als die verbreiteten Schwarzarbeitsverhältnisse.
Bundesminister des Innern, Alexander Dobrindt, und Staatsministerin Natalie Pawlik, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration
© dts Nachrichtenagentur/imago
Die Sehnsucht nach einer besseren Existenz
Wir müssen uns also von der Vorstellung lösen, dass alle, die hier in Europa mal ordentlich Geld verdienen wollen, deshalb auch zu guten europäischen Mitbürgern gemacht werden müssen. Der Spruch „wir suchten Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen“ gilt auch für temporär hier Arbeit Suchende. Aber wir sollten akzeptieren, dass sehr viele dieser Menschen sich nach nichts anderem sehnen, als sich mit hier verdientem Geld zu Hause eine bessere Existenz aufzubauen.
Solch ein offenes Tor für Arbeitssuchende würde es diesen ersparen, den teuren, unsicheren und mühsamen Umweg als Asylbewerber zu nehmen. Diejenigen aber, die primär Schutz vor Verfolgung und Krieg suchen und diesen in den Erstaufnahmeländern nicht finden können, müssen dort ein völkerrechtlich abgesichertes Prüfverfahren bekommen.
Ein Auswahlverfahren für Migrierende in den Herkunftsregionen ist also keine ausgrenzende Schikane. Sie ist Pfeiler einer sicheren Brücke hin zu einer gesicherten Existenz im Zielland. Und Schritt zu einer Einwanderungspolitik, die Konflikte in den Zuwanderungsländern minimiert.
Theo Rauch hat sich als Professor für Wirtschaftsgeografie (nun im Ruhestand) und in der entwicklungspolitischen Praxis auch mit Fragen der Migration, insbesondere in Afrika und in asiatischen Ländern, befasst.
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