Schwerstarbeit

33 Tage, kein freier Tag: Polin verdient 3633 Euro mit Erdbeerpflücken in Deutschland

Eine Polin pflückte 33 Tage Erdbeeren in Deutschland: 310 Stunden, 13,90 Euro Mindestlohn, 3633 Euro Verdienst nach Abzug der Kosten.

5 Min
Erdbeerernte im Akkord: Rund 243.000 Saisonarbeitskräfte arbeiten in der deutschen Landwirtschaft, die meisten aus Rumänien und Polen. (Symbolbild)

Erdbeerernte im Akkord: Rund 243.000 Saisonarbeitskräfte arbeiten in der deutschen Landwirtschaft, die meisten aus Rumänien und Polen. (Symbolbild)

© Imago/Rainer Unkel

Agata Witoń hat ihre Erdbeersaison in Deutschland auf TikTok abgerechnet, Posten für Posten. 33 Tage am Stück, kein Wochenende, am Ende 3633 Euro.

Seitdem streitet Polens Netz darüber, ob sich das gelohnt hat. Die Warschauer Tageszeitung Rzeczpospolita hat den Fall aufgegriffen, das Portal Wirtualna Polska hatte ihn zuerst beschrieben.

Erdbeeren pflücken in Deutschland: 310 Stunden in 33 Tagen

Witoń arbeitete auf einer deutschen Plantage, meist neun bis zehn Stunden täglich. Macht 310 Stunden zu einem Stundenlohn von 13,90 Euro brutto, nach Angaben des Blattes 4309 Euro.

Davon gingen ab: 330 Euro Unterkunft, also zehn Euro pro Nacht. Ein Vorschuss von 200 Euro für Essen und laufende Ausgaben. Dazu 96 Euro Sprit und 58 Zloty Autobahngebühr für die Fahrt.

Übrig bleiben 3633 Euro, umgerechnet rund 15.336 Zloty.

Die Abrechnung hat eine kleine Lücke

Wer nachrechnet, stolpert. Zieht man die genannten Posten vom Bruttolohn ab, landet man bei gut 3680 Euro. Die Zeitung nennt eine Zwischensumme von 3729 Euro, ohne alle Positionen aufzuschlüsseln. Rund 50 Euro bleiben unerklärt.

Der zweite Punkt wiegt schwerer. In der Rechnung taucht keine Lohnsteuer auf. Sozialabgaben fallen bei einer kurzfristigen Beschäftigung tatsächlich weg, Steuern nicht.

Bei typischen Erntearbeiten in einem land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb kann der Arbeitgeber pauschal mit fünf Prozent abrechnen und die Steuer selbst tragen. Die 3633 Euro sind damit ein Brutto-minus-Kosten-Wert. Ein sauberes Netto ergibt sich daraus nicht.

13,90 Euro sind der deutsche Mindestlohn

Der Betrag, über den Polen diskutiert, ist keine Verhandlungsleistung. 13,90 Euro sind seit dem 1. Januar 2026 exakt der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland. Zum 1. Januar 2027 steigt er auf 14,60 Euro.

Rechnet man ihre Kosten gegen, landet Witoń effektiv bei 11,72 Euro pro Stunde.

Der Vergleich, der die Debatte eigentlich entscheidet, steht auf der deutschen Seite: Eine Vollzeitkraft zum Mindestlohn kommt auf rund 2343 Euro brutto im Monat. Witoń hat in 33 Tagen fast zwei solcher Monatslöhne erarbeitet. Sie hat nicht besser verdient als eine deutsche Vollzeitkraft, sie hat länger gearbeitet – 310 Stunden statt der üblichen 173 pro Monat.

Was in Polen an dem Betrag hängt

Der polnische Mindeststundenlohn liegt 2026 bei 31,40 Zloty brutto, umgerechnet gut sieben Euro. Die 15.336 Zloty entsprechen etwa drei polnischen Brutto-Monatsmindestlöhnen.

Genau daran entzündet sich die Diskussion unter dem Video. Eine Nutzerin schrieb, auf Dauer lasse sich so nicht leben, für einen Monat seien 15.000 Zloty aber eine coole Sache. Andere verwiesen auf Wohnverhältnisse und Wetter und zollten trotzdem Respekt.

Ein Kommentar fiel knapper aus: Für so viele Stunden körperlicher Arbeit sei das nicht besonders viel.

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90-Tage-Regel: Warum 33 Tage am Stück gehen

Seit Januar 2026 dürfen Saisonkräfte in der Landwirtschaft 90 Tage oder 15 Wochen sozialversicherungsfrei arbeiten, vorher waren es 70 Tage. Die schwarz-rote Koalition wollte damit Obst- und Gemüsebetriebe entlasten.

Die Gewerkschaft IG BAU hält dagegen. Ohne Sozialversicherung fehle den Erntehelfern der Zugang zur gesetzlichen Krankenkasse, die stattdessen üblichen Gruppenversicherungen deckten Vorsorge und chronische Erkrankungen oft nicht ab.

Und die 33 Tage ohne freien Tag? Das Arbeitszeitgesetz erlaubt Sonntagsarbeit in der Landwirtschaft ausdrücklich, verlangt aber innerhalb von zwei Wochen einen Ersatzruhetag. Ob es den gab, sagt Witońs Abrechnung nicht. Auch ihren Arbeitsort nennt sie nicht.

Erdbeerernte 2026: niedrigster Wert seit 1995

Ihre Saison fällt in eine Branche auf dem Rückzug. Das Statistische Bundesamt erwartet für 2026 nur noch 71.300 Tonnen Freiland-Erdbeeren, 11,3 Prozent weniger als 2025 und der niedrigste Wert seit 1995. Die Anbaufläche schrumpfte auf 7830 Hektar.

Rund 243.000 Saisonarbeitskräfte waren zuletzt in der deutschen Landwirtschaft im Einsatz, der weit überwiegende Teil aus Rumänien und Polen.

Brandenburg fällt aus dem Trend: Dort legte die Freilandernte laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg um 43 Prozent auf 940 Tonnen zu, wie die Bilanz der Spargel- und Erdbeerernte 2026 zeigt. Beim Spargel nannte die Behörde neben der Trockenheit ausdrücklich fehlende Erntehelfer als Grund für das Minus.

Polen erntet mehr Erdbeeren als Deutschland

Die Geografie liefert die Pointe. Polen ist mit rund 30.000 Hektar das größte Erdbeeranbauland Europas, Deutschland folgt mit deutlichem Abstand.

Eine Polin fährt also in ein Land mit weniger Erdbeeren, um dort Erdbeeren zu pflücken. Es geht um den Stundensatz.

Was die Rechnung wirklich zeigt

Die spannendere Zahl steht nicht in Witońs Abrechnung, sondern in der Erntestatistik. Deutschland zahlt inzwischen den dritthöchsten Mindestlohn der EU und bekommt seine Felder trotzdem nicht mehr voll.

Wenn 13,90 Euro nicht reichen, um 33 Tage Bücken attraktiv zu machen, werden 14,60 Euro es auch nicht richten. Der Streit unter dem TikTok-Video ist damit weniger eine polnische Angelegenheit als eine Vorschau darauf, wo die deutsche Erdbeere in fünf Jahren wächst.

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