Gesundheit

„Das ist doch unsinnig“: AOK-Chefin kritisiert geplantes Aus von telefonischer Krankschreibung

Die Koalition will die telefonische Krankschreibung streichen. Die AOK hält das für falsch. AOK-Chefin Carola Reimann sieht keinen Missbrauch

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Die Bundesregierung will die telefonische Krankschreibung abschaffen.

Die Bundesregierung will die telefonische Krankschreibung abschaffen.

© Hannes P Albert/dpa

Die Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, hat sich klar gegen das geplante Ende der telefonischen Krankschreibung ausgesprochen. Einen Missbrauch der Regelung könne sie nicht erkennen.

Damit stellt sich die Chefin der größten gesetzlichen Krankenkasse gegen ein Vorhaben von Union und SPD. Die Koalition hatte sich Anfang Juli darauf verständigt, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und zusätzlich ein ärztliches Attest schon ab dem ersten Krankheitstag zur Pflicht zu machen.

Für Beschäftigte, Arztpraxen und Arbeitgeber geht es dabei um eine Frage mit Alltagsfolgen: Wer krank ist, müsste künftig womöglich wieder häufiger persönlich in die Praxis.

Warum die AOK die telefonische Krankschreibung behalten will

Reimann verteidigt die Regelung vor allem mit dem Infektionsschutz. „Gerade bei Infektionswellen ist sie ein gutes Mittel, um Ansteckungen zu vermeiden und medizinisches Personal zu schützen“, sagte sie den Funke-Zeitungen.

Ein Anstieg unberechtigter Krankmeldungen sei ihr nicht aufgefallen. Auch in der Corona-Zeit habe sich das Verhalten nicht verschoben: „Während Corona haben wir keine Veränderung im Krankschreibungsverhalten der Ärzte gesehen“, so Reimann.

Wie oft wird überhaupt telefonisch krankgeschrieben?

Die telefonische Krankschreibung ist bislang kein Massenphänomen. Solche Fälle machen aktuellen Zaheln zufolge nur rund ein Prozent aller Krankschreibungen aus.

Erlaubt ist sie derzeit ohnehin nur eingeschränkt: Für persönlich bekannte Patientinnen und Patienten sowie bei Infektionserkrankungen für höchstens eine Woche.

Auch der allgemeine Krankenstand ist zuletzt leicht gesunken. Bundesweit ging die Zahl der Fehltage von 23,9 auf 23,3 Tage zurück. Bei der AOK Nordost sank der Wert 2025 im Schnitt von 22,0 auf 21,6 Tage.

Attestpflicht ab dem ersten Tag: „Das ist doch unsinnig“

Auch den zweiten Teil des Koalitionsbeschlusses lehnt Reimann ab: die geplante Pflicht, schon ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzulegen.

„Wenn ab dem ersten Tag eine Krankschreibung vorliegen muss, bindet das eine unglaubliche Kapazität, die wir für die Versorgung nicht zur Verfügung haben. Das ist doch unsinnig“, sagte sie.

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Sie verweist darauf, dass Arbeitgeber schon heute ein Attest ab dem ersten Tag verlangen könnten. „Eine Pflicht in der Breite halte ich für falsch“, so Reimann.

Was die Koalition Anfang Juli beschlossen hat

Union und SPD hatten sich Anfang Juli im Koalitionsausschuss auf ein Reformpaket verständigt. Teil davon sind das Aus für die telefonische Krankschreibung und die verpflichtende Vorlage eines Attests ab dem ersten Erkrankungstag.

Betriebe sollen davon abweichen können. Möglich sei das laut Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) „durch einzelvertragliche Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmer und Betrieb oder durch Betriebsvereinbarung oder durch Tarifvertrag“. Wie genau die Attestpflicht ausgestaltet wird, ist nach der Kritik daran noch offen.

Kritik auch von Ärzten, Verbraucher- und Sozialverbänden

Reimann steht mit ihrer Ablehnung nicht allein. Der Vorstandsvorsitzende des Hausärzteverbands, Markus Blumenthal-Beier, nannte den Beschluss zur telefonischen Krankschreibung laut Berliner Zeitung „katastrophal“; die Koalition nehme eine Überlastung der Hausarztpraxen billigend in Kauf.

Michaela Schröder von der Verbraucherzentrale sprach gegenüber der Berliner Zeitung von einem „klaren Rückschritt“. Studien zeigten, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankmeldungen führe.

VdK-Präsidentin Verena Bentele warnte, Menschen schleppten sich eher krank zur Arbeit, wenn kurzfristige Krankschreibungen verkompliziert würden.

Reimann warnt zugleich davor, die Debatte über zu viele Fehltage politisch zu verkürzen. Durch die elektronische Krankschreibung würden Arbeitsunfähigkeitsdaten heute vollständiger erfasst. Die elektronische Meldung war 2022 eingeführt worden. Seither werden laut Berliner Zeitung vor allem kurze Erkrankungen von bis zu 14 Tagen besser erfasst – was das Gesamtniveau der erfassten Fehltage erhöht hat.

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