Gasspeicher-Krise

Österreich hängt Deutschland bei der Gasreserve ab: „Wir gehen sparsam mit Steuergeld um“

Deutschlands Speicher sind historisch niedrig gefüllt. Doch die Gasreserve kommt erst 2027. Österreich ist längst weiter – und senkt die Kosten um 59 Prozent.

7 Min
Eine staatliche Gasreserve soll Deutschlands Versorgung in Krisen absichern. An Kosten und Umfang mehrt sich jedoch die Kritik.

Eine staatliche Gasreserve soll Deutschlands Versorgung in Krisen absichern. An Kosten und Umfang mehrt sich jedoch die Kritik.

© Peter Kneffel/dpa

Deutschland steuert mit historisch niedrigen Gasspeicherständen auf den Winter zu. Nach Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) waren die Speicher am 11. September nur zu 55,2 Prozent gefüllt. Seit Beginn der Datenerfassung vor 15 Jahren lag der Füllstand zu diesem Zeitpunkt nie niedriger. Die von der Bundesregierung geplante staatliche Gasreserve hilft in diesem Winter allerdings noch nicht: Sie soll erst zur Wintersaison 2027/28 zur Verfügung stehen.

Österreich ist deutlich weiter – und senkt nun auch noch die Kosten seiner strategischen Reserve. Für die Speicherung von 20 Terawattstunden (TWh) zahlt der Staat künftig 38,75 Millionen Euro pro Jahr, 59 Prozent weniger als bislang. Deutschland plant mit 24 TWh eine nur wenig größere Reserve, rechnet Informationen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge aber mit jährlichen Kosten von 150 bis 180 Millionen Euro. Hinzu kommen bis zu 1,5 Milliarden Euro für Aufbau und Erstbefüllung. Warum kommt die deutsche Reserve so spät – und weshalb soll sie so viel teurer werden?

Deutsche Speicherbetreiber zweifeln an Reiches Gasreserve

Die deutsche Speicherwirtschaft drängt angesichts der unsicheren Versorgungslage zur Eile. „Spätestens die Schließung der Straße von Hormus hat gezeigt, dass exogene Schocks jederzeit auftreten und massiv auf die Gasversorgung in Deutschland einwirken können“, sagt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES), auf Anfrage der Berliner Zeitung. Eine strategische Gasreserve solle deshalb schnellstmöglich eingerichtet werden.

Die Bundesregierung will ab 2027 rund 24 TWh Gas langfristig für größere Importausfälle, Sabotageakte oder andere schwere Störungen vorhalten. Das entspricht knapp zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität. Die Reserve soll im Krisenfall Zeit schaffen, alternative Importe zu organisieren, technische Störungen zu beheben und Abschaltungen von Kunden möglichst zu verhindern.

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) verteidigt den schrittweisen Aufbau. Erste Speicherkapazitäten sollen bereits für den Winter 2026/27 gebucht werden, die Befüllung soll im Sommer 2027 beginnen, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Um zusätzliche Preiswirkungen zu begrenzen, werde der Gaskauf über zwei bis drei Jahre gestreckt. Die Reserve soll zudem auf die Speicherzonen Nordwest, Nordost und Süd verteilt werden. Im Krisenfall entscheidet der Bundeslastverteiler bei der Bundesnetzagentur über ihren Einsatz.

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Finanziert werden könnte die Reserve laut BMWE über den Bundeshaushalt oder eine Umlage für alle Gaskunden. Für Verbraucher läge die Belastung dann im „sehr niedrigen Cent-Bereich“. Warum Deutschland mit jährlichen Kosten von 150 bis 180 Millionen Euro rechnet, während Österreich künftig 38,75 Millionen Euro zahlt, erklärte das Ministerium nicht. Die Sprecherin verwies lediglich auf unterschiedliche Speicherstrukturen. Die Größenordnung ist mit 20 beziehungsweise 24 TWh dennoch vergleichbar.

Das von Katherina Reiche (CDU) geführte Bundeswirtschaftsministerium will eine staatliche Gasreserve einführen. Finanziert werden soll sie über eine Gasumlage oder den Bundeshaushalt.

Das von Katherina Reiche (CDU) geführte Bundeswirtschaftsministerium will eine staatliche Gasreserve einführen. Finanziert werden soll sie über eine Gasumlage oder den Bundeshaushalt.

© Fabian Sommer/dpa

Die geschätzten Gesamtkosten von 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro hält Heinermann grundsätzlich für plausibel. Den größten Anteil mache der einmalige Gaskauf aus. Bei einem Preis von 40 Euro je Megawattstunde koste die Beschaffung von 24 TWh bereits 960 Millionen Euro. „Dabei ist es wichtig zu beachten, dass die Befüllungskosten nur einmalig anfallen“, erklärt der INES-Geschäftsführer. Die späteren Haltekosten seien deutlich geringer.

Unter den Speicherbetreibern bestehen allerdings Zweifel, ob die geplante Menge ausreicht. EWE hält 24 TWh angesichts möglicher Ausfälle kritischer Importinfrastruktur für „deutlich zu gering bemessen“. Notwendig sei vielmehr eine Reserve von rund 80 TWh. Der Berliner Gasimporteur SEFE fordert mindestens 50 TWh, um die Gasversorgung in einer Krise für wenigstens 28 Tage abzusichern. Die Speichertochter SEFE Storage könne an ihren Standorten in Jemgum, Rehden und im österreichischen Haidach signifikante Teile davon aufnehmen.

Österreich senkt Speicherkosten um 59 Prozent

Wie eine staatliche Gasreserve organisiert werden kann, zeigt Österreich. Das Land hält bereits 20 TWh für Krisensituationen vor und verteilt die Menge auf sämtliche österreichischen Gasspeicher. Die Speicherung ist nun bis zum 1. April 2029 gesichert. Während sie im laufenden Speicherjahr noch 94 Millionen Euro kostet, sinken die jährlichen Ausgaben 2027/28 und 2028/29 auf jeweils 38,75 Millionen Euro. Insgesamt zahlt Österreich für die beiden Jahre damit 77,5 Millionen Euro statt der ursprünglich veranschlagten 234 Millionen Euro.

Möglich wird die Kostensenkung nach Angaben des österreichischen Wirtschaftsministeriums durch veränderte Ausschreibungsbedingungen und ein neues Speicherprodukt. Weil das Gas langfristig für den Krisenfall vorgehalten wird, verzichtet Österreich auf die zusätzliche Buchung von Ein- und Ausspeicherkapazitäten. Auch der stärkere Wettbewerb zwischen den Speicherunternehmen, die günstigere Marktlage und die geringere Nachfrage nach Speicherkapazitäten drückten den Preis.

„Mit neuen Ausschreibungsbedingungen und einem eigens auf die strategische Gasreserve zugeschnittenen Speicherprodukt ist es gelungen, die jährlichen Kosten auf rund ein Drittel zu senken. Wir sichern damit die Gasversorgung Österreichs langfristig ab und gehen gleichzeitig sparsam mit Steuergeld um“, erklärte Wirtschafts- und Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer.

Allerdings lassen sich die deutschen und österreichischen Zahlen nur bedingt direkt vergleichen. Die 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro in Deutschland umfassen vor allem den noch ausstehenden Kauf des Reservegases und dessen erstmalige Einspeicherung. Bei den 38,75 Millionen Euro in Österreich handelt es sich dagegen um die jährlichen Kosten für die Lagerung einer bereits bestehenden und befüllten Reserve. Auffällig bleibt dennoch der große Abstand zu den für Deutschland erwarteten laufenden Kosten von 150 bis 180 Millionen Euro pro Jahr.

Auch die Speichersysteme unterscheiden sich. Österreich kann in seinen Speichern mehr Gas aufnehmen, als das Land innerhalb eines Jahres verbraucht. In Deutschland entspricht die gesamte Kapazität dagegen nur ungefähr einem Viertel des Jahresverbrauchs. Zuletzt waren die österreichischen Speicher zu rund 67 Prozent gefüllt. Diese Menge entspricht laut der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control etwa 87 Prozent des dortigen Jahresverbrauchs.

EWE und VNG warnen vor zu hohen Anforderungen

Ob Deutschland das österreichische Modell übernehmen kann, hängt nach Einschätzung der Branche vor allem von der geforderten Ausspeicherleistung ab. Wird auf dauerhaft gebuchte Ein- und Ausspeicherkapazitäten verzichtet, sinken zwar die Kosten. Im Ernstfall muss das Gas aber trotzdem schnell ins Netz gelangen.

INES warnt deshalb vor überzogenen, kostentreibenden Vorgaben. „Wird beispielsweise der Anspruch formuliert, dass die Gasreserve im Krisenfall sogar in wenigen Tagen oder Wochen vollständig zur Verfügung stehen muss, grenzt das die Auswahl möglicher Anlagen stärker ein“, sagt Heinermann. Bei den Leistungsanforderungen müsse ein vernünftiger Kompromiss zwischen Versorgungssicherheit und Kosten gefunden werden.

EWE betont ebenfalls, dass Speichertyp, Ausspeicherleistung und Reaktionsgeschwindigkeit den Preis maßgeblich beeinflussen. Die Abrufbedingungen müssten zugleich so klar gefasst werden, dass die Reserve den regulären Gas- und Speichermarkt nicht beeinträchtige. VNG verweist darüber hinaus auf die geografische Verteilung: Die Reserve werde nur dann zum wirksamen Schutz, wenn das Gas über die vorhandenen Netze auch dorthin transportiert werden könne, wo es in einer Krise gebraucht werde.

Gasreserve: Bundesregierung muss noch 2026 entscheiden

Für die Einführung zum Winter 2027/28 läuft der Bundesregierung nach Einschätzung von Uniper bereits die Zeit davon. Speicherkapazitäten für den folgenden Winter würden üblicherweise bis Ende März vermarktet. Die Rahmenbedingungen müssten deshalb noch in diesem Jahr festgelegt und die Ausschreibungen Anfang 2027 gestartet werden.

Uniper schlägt vor, das Gas abhängig von den Großhandelspreisen schrittweise in mehreren Tranchen zu kaufen. Die Speicherkapazitäten sollten bundesweit ausgeschrieben und sowohl Kavernen- als auch Porenspeicher einbezogen werden. Mit der Abwicklung könnte nach österreichischem Vorbild der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe beauftragt werden.

SEFE setzt dagegen auf einen eigenen „Winter Hedging Service“, der Händler in die Beschaffung und Absicherung einbindet. Das Unternehmen verspricht sich davon eine günstigere Organisation als bei einem rein staatlich gesteuerten Modell. Eine Einführung während der Einspeicherperiode von April bis November 2027 hält SEFE weiterhin für möglich.

Ob dieser Zeitplan eingehalten wird, hängt nun von der Bundesregierung ab. Die Speicherunternehmen erklären übereinstimmend, dass sie auf eine Ausschreibung kurzfristig reagieren könnten. Unklar bleibt hingegen, wie groß die Reserve am Ende wird, welche Ausspeicherleistung der Staat verlangt und wer das Gas beschafft. Zudem muss die Bundesregierung zeigen, ob sie beim Aufbau der Reserve so sparsam mit dem Geld der Gaskunden umgehen kann wie Österreich.

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