Der britische Pharmakonzern GSK, früher GlaxoSmithKline, will die Impfstoffproduktion vom traditionsreichen sächsischen Serumwerk nach Kanada verlegen. Betroffen sind nicht nur die Beschäftigten, sondern die ganze Region: Das Werk zählt zu den größten Arbeitgebern im Großraum Dresden und zahlt Tariflöhne – was in Ostdeutschland, wo die Industrie überwiegend kleinteilig strukturiert ist und selten nach Tarif entlohnt, keine Selbstverständlichkeit darstellt.
Gegen die Konzernpläne regt sich massiver Widerstand – von Betriebsrat und Gewerkschaften bis hinauf zum sächsischen Ministerpräsidenten. Rund 500 Menschen versammelten sich am Donnerstagnachmittag bei ungemütlichem Herbstwetter zu einer Kundgebung auf dem Dresdner Neumarkt. Dazu hatten der Betriebsrat und die Gewerkschaft IGBCE aufgerufen.
„Wir sind wie eine Familie“: Belegschaft fordert Zeit für Investorensuche
Für Peter Mißbach, Vorsitzender des Betriebsrats, ist die angekündigte Schließung eine „Katastrophe“. Er arbeitet seit 22 Jahren im Werk. „Wir sind wie eine Familie“, sagte er. „Mit der Schließung endet eine Epoche.“ Die Belegschaft fordert von GSK Zeit für eine seriöse Investorensuche sowie die Bereitschaft, den Standort funktionsfähig zu erhalten und gegebenenfalls zu verkaufen. Bis zu einer Lösung dürfe es keinen „Ausverkauf von Anlagen oder Personal“ geben, so die zentrale Forderung.
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Peter Mißbach ist der Vorsitzende des Betriebsrats bei GSK Dresden: Er will für sein Werk kämpfen.
© Adrian Schintlmeister/Ostdeutsche Allgemeine
Als Argumente gegen die Schließung führen die Beschäftigten an, dass seit 1992 in Dresden Impfstoffe produziert würden, die über eine Milliarde Menschen geschützt hätten. Die Entscheidung sei kurzfristig finanziell motiviert und ignoriere Kompetenz und Historie des Standorts. Zudem widerspreche eine Schließung den europäischen und deutschen Zielen zur medizinischen Versorgungssicherheit, wie sie etwa im „Critical Medicines Act“ festgehalten sind.
Zuletzt hatte das Werk vor allem saisonale Grippeimpfstoffe vom Antigen bis zur Fertigspritze produziert. Zusätzlich bestehen Kapazitäten für pandemische Grippeimpfstoffe. Bei Hepatitis-Impfstoffen erfolgt nach GSK-Angaben die Formulierung und Abfüllung.
Kretschmer schaltet sich ein
Rückendeckung erhält die Belegschaft von der sächsischen Landesregierung. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach bei der Kundgebung: „Das Werk in Dresden, das Serumwerk Dresden, wird auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gebraucht.“ In Deutschland gingen pro Monat 15.000 Industriearbeitsplätze verloren – das könne so nicht weitergehen. Kretschmer hat seinen Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) nach London entsandt, um mit dem Konzern zu verhandeln. „Wir erwarten von diesem Unternehmen, dass es sich kooperativ zeigt.“ Die Landesregierung will zudem einen Investor für den Standort finden.
Für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist die Rettung des Standortes Chefsache: Er sprach bei der Kundegbung zur Belegschaft.
© Robert Michael/dpa
Mit Blick auf die gesellschaftliche Debatte um Impfungen mahnte Kretschmer: „Wir brauchen ein vernünftiges Verhältnis zu Technologie, zu Innovation, zu diesem großen Segen, dass man mit Impfstoffen die schwersten Krankheiten verhindern kann.“
Besonders schwer trifft die Schließung die Nachwuchskräfte. Max Thielemann, Vertreter der Jugend- und Auszubildendenvertretung, verweist darauf, dass die Ausbildung bei GSK mehrfach durch IHK und Hochschulen ausgezeichnet und das Unternehmen als „vorbildlicher Ausbildungsbetrieb“ eingestuft wurde. Derzeit seien 16 Auszubildende direkt betroffen. Ein bereits verhängter Ausbildungsstopp habe deren Zahl kontinuierlich reduziert. Einige werden ihre Ausbildung voraussichtlich nicht bei GSK beenden können.
Die Schließung treffe nicht nur die Auszubildenden selbst, sondern auch Berufsschulen und duale Hochschulpartner, für die GSK in einer von Fachkräftemangel geprägten Region ein verlässlicher Anker gewesen sei. Der Verlust des Standorts stelle einen schweren Schlag für die Ausbildungslandschaft in Dresden dar und gefährde die Versorgung mit qualifiziertem Nachwuchs.
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Am 17. Oktober feiert das Werk seinen 115. Geburtstag. Doch Feierlaune dürfte wohl nur bei den wenigsten Beschäftigten aufkommen. Wie es bei GSK in Dresden weitergeht, ist unklar. Sollte der Konzern seine Pläne wie angekündigt umsetzen, wird das Werk voraussichtlich im Herbst 2027 schließen. Die Demontage der Anlagen soll bis zum Sommer 2028 erfolgen.
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