Die Nachricht kam im September: Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) plant, sein traditionsreiches Dresdner Serumwerk bis zum Sommer 2028 vollständig zu schließen. Das drohende Aus beträfe 641 Mitarbeiter. Doch soweit soll es nicht kommen. Da sind sich Stadt, Landesregierung, Betriebsrat und Gewerkschaft einig.
Dresden steht hinter seinem Serumwerk, ist dann auch das Motto, unter dem die IG BCE und der Betriebsrat am kommenden Donnerstag zu einer Demonstration in Dresden aufrufen. Die Initiatoren haben drei konkrete Forderungen an die Konzernleitung. Sie wollen von GSK ausreichend Zeit für eine seriöse Investorensuche sowie die Bereitschaft, das Werk als funktionsfähigen Standort zu verkaufen. Es dürfe zuvor keinen Ausverkauf von Mensch und Maschinen geben. Das wertvolle Fachwissen und die Produktionskapazitäten in Europa müssten erhalten bleiben.
Laut dem Betriebsratsvorsitzenden Peter Mißbach könnte das Werk in Zukunft weit mehr als nur Grippeimpfstoffe herstellen. „Dresden könnte den ganzen Impfpass abfüllen“, so der Gewerkschafter. Betriebsrat und IG BCE arbeiten seit einigen Tagen an einem belastbaren Zukunftsplan. Gemeinsam mit externen Fachleuten wird geprüft, welche neuen Impfstoffe, Medikamente oder Auftragsproduktionen nach Dresden geholt werden könnten, welche Partnerschaften, Investoren oder neuen Eigentümermodelle möglich sind, um den Standort zu erhalten.
Reisehighlights Reisehighlights exklusiv für Sie
Mehr
Gesundheitsamt des Landkreises Bautzen impft kostenlos gegen Grippe
Eine Woche nach dem GSK-Schock: Gewerkschaft entwickelt Zukunftsplan für Dresden
Dabei spielen auch Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle, wie das europäische Gesetz über kritische Arzneimittel. Es soll die Produktion wichtiger Medikamente in Europa stärken und bei politischen Entscheidungen nicht nur den niedrigsten Preis, sondern auch die Versorgungssicherheit und vorhandene Produktionskapazitäten berücksichtigen.
Zurzeit sind es vor allem große Mengen an Grippeimpfstoffen, die in Dresden für den Weltmarkt hergestellt und abgefüllt werden. Hinzu kommen Impfstoffe gegen Hepatitis. Zu Spitzenzeiten wurden im Dresdner Werk bis zu zwei Millionen Impfdosen pro Woche hergestellt.
Während der Corona-Pandemie kam dem Werk eine besondere Bedeutung zu. Hier wurden keine Corona-Impfungen hergestellt. Stattdessen entschied GSK damals, die Grippeimpfstoffproduktion in Dresden unter Volllast weiterlaufen zu lassen. So sollte eine zusätzliche Belastung der Krankenhäuser durch schwere Grippewellen parallel zu Corona abgewendet werden.
Nun sinke aber weltweit die Nachfrage nach Impfstoffen, auch durch eine wachsende Impfskepsis, begründet der Konzern seine Schließungspläne. Er will die Produktion in Kanada bündeln. Das Werk in Dresden soll, so die Pläne, bis Ende 2027 weiterlaufen. Danach sind noch sechs Monate für die komplette Abwicklung des Standortes eingeplant.
Ministerpräsident moniert schlechten Stil
Werden die Pläne Realität, ginge eine 115-jährige Firmengeschichte zu Ende. Doch damit wollen sich weder die Betroffenen selbst noch die Politiker abfinden. Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) erklärte, die Nachricht von der geplanten Schließung des Impfstoffwerks bis 2028 treffe die Stadt „bis ins Mark“. Ein Standort mit über 100-jähriger Tradition lasse sich nicht einfach so aufgeben, weshalb er gemeinsam mit dem Betriebsrat, der Gewerkschaft (IGBCE) und der Landespolitik Handlungsspielräume ausloten wolle. Hilbert selbst ist am Donnerstag verhindert. Als Vertreter der Stadt wird deshalb Wirtschaftsbürgermeister Jan Pratzka (CDU) an der Demonstration teilnehmen.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) rügte den britischen Pharmakonzern für den Umgang mit seinen Mitarbeitern. „Morgens auf den Hof gebeten zu werden, um zu erfahren, dass in zwei Jahren Schluss ist – so geht man nicht mit Menschen um, die über Jahrzehnte für einen Betrieb eingestanden sind!“, so Kretschmer, der am Donnerstag vor den Demonstranten sprechen wird.
Er betonte, dass Deutschland und Europa aus der Corona-Pandemie hätten lernen müssen, dass man in Krisen dringend auf solche heimischen Produktionsstätten angewiesen sei. Kretschmer forderte GSK auf, soziale Verantwortung zu zeigen und mahnte gleichzeitig bessere Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland an, da beispielsweise die Energiekosten in Kanada deutlich niedriger seien.
Sachsens Kampf für neue Gaskraftwerke und gegen die Krise
Ostdeutsche Chemie verliert fast 1000 Jobs – jetzt wächst die Angst vor einem Kahlschlag
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) sprach von einem schlechten Stil des Unternehmens. Das Unternehmen hatte gegenüber dem Betriebsrat schon vorher Einsparpläne angekündigt. Nach Informationen der Ostdeutschen Allgemeinen war zunächst vom Wegfall von 200 Stellen die Rede, was einem Drittel der Belegschaft entsprechen würde.
Der Demonstrationszug startet am 8. Oktober 2026 um 16 Uhr direkt vor dem Werkgelände in der Zirkusstraße 40. Für 16.30 Uhr ist eine zentrale Kundgebung auf dem Dresdner Neumarkt geplant, bei der unter anderem der Betriebsratsvorsitzende Peter Mißbach, Francesco Grioli als Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE und Stephanie Albrecht-Suliak, Landesbezirksleiterin der IG BCE, sowie zahlreiche Mitarbeiter zu Wort kommen sollen. Dresden gibt sein Serumwerk nicht auf – so lautet ihre gemeinsame Botschaft.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]