Gerichtsurteil

27 Jahre für zwei Sekunden: Der BGH beendet den Kraftwerk-Streit

Moses Pelham nahm 1997 zwei Sekunden von Kraftwerk. Sechs Gerichte später ist es erlaubt – während längst über KI-Musik prozessiert wird.

Wolfgang Heise
Wolfgang Heise
8 Min
Die Pioniere der elektronischen Musik Kraftwerk klagten 27 Jahre gegen den Musikproduzenten Moses Pelham wegen Urheberrechten.

Die Pioniere der elektronischen Musik Kraftwerk klagten 27 Jahre gegen den Musikproduzenten Moses Pelham wegen Urheberrechten.

© imago stock&people via www.imago-images.de

Am Donnerstagvormittag hat der Bundesgerichtshof einen Streit beendet, der den Musikproduzenten Moses Pelham (55) schon sein halbes Leben beschäftigt. Es ging um zwei Sekunden Musik. Pelham hatte sie 1997 aus „Metall auf Metall“ von Kraftwerk genommen, Baujahr 1977, und unter ein Lied von Sabrina Setlur gelegt. Kraftwerk klagten 1999. Danach kamen Landgericht, Oberlandesgericht, Bundesgerichtshof, Bundesverfassungsgericht, Europäischer Gerichtshof, noch einmal Bundesgerichtshof, noch einmal Europäischer Gerichtshof. Jetzt ist es erlaubt. 27 Jahre für zwei Sekunden.

Man kann darüber lachen. Man kann es auch als das nehmen, was es ist: der mühsame Versuch, mit einer Praxis Schritt zu halten, die längst Alltag war, bevor der erste Anwalt sie bemerkte. Denn kopiert wurde immer. Die Frage war nie, ob genommen wird. Die Frage war stets, ob man es hört und ob man um Erlaubnis gefragt hat. Und wenn nicht, wer dafür geradesteht.

Der Disco-Sound entsteht in einem Moog der Beatles

München, Winter 1976/77, Studio Musicland im Keller eines Hochhauses. Giorgio Moroder arbeitet mit Donna Summer an „I Feel Love“. Im Raum steht ein Moog-Synthesizer, ein Schrank voller Kabel, geliehen vom Komponisten Eberhard Schoener. Sein Assistent Robby Wedel bedient ihn. Wedel legt einen Referenztakt auf Spur 16 und bindet die Maschine daran. Ab diesem Moment hält die Maschine den Takt, und der Mensch stellt nur noch ein. Es ist der Urknall des Disco-Sounds.

Die Sängerin Donna Summer wurde weltberühmt mit dem Disco-Evergreen „I Feel Love“. Dahinter steckte der Musikproduzent Giorgio Moroder.

Die Sängerin Donna Summer wurde weltberühmt mit dem Disco-Evergreen „I Feel Love“. Dahinter steckte der Musikproduzent Giorgio Moroder.

© Ron Wolfson/MediaPunch/IMAGO

Das Gerät hat eine Vorgeschichte. Es ist der Moog, der 1969 bei den Beatles in den Abbey-Road-Studios in London stand. Danach ging er zurück in Robert Moogs Werkstatt nach Trumansburg, ein Dorf im Bundesstaat New York, rund 300 Kilometer von der gleichnamigen Stadt entfernt. Dort kaufte Schoener ihn; seit 2019 steht er im Deutschen Museum. Auch das Rattern des Sequenzers stammte von Schoener. Er hatte es für sein Stück „Falling in Trance“ entwickelt und nannte es das Black-&-Decker-Prinzip, nach einem Werbespot, in dem der Firmenname im Stakkato gesprochen wurde. Sein Techniker Wedel soll den Kniff bei Moroder weitergegeben haben, so erzählt es Schoener. Aufgefallen sei es ihm erst, als er den Sound in einem Club auf Long Island hörte und den DJ fragte, was da laufe. Der sagte: Munichsound. Noch 1977 klagte Schoener auf seinen Anteil an „I Feel Love“. Er verlor.

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Die gerichtlichen Nebengeräusche wollte keiner hören. Moroder war der neue Disco-König. Da staunten sogar andere Größen im Musikgeschäft. David Bowie erzählte später, wie Brian Eno in Berlin ins Studio stürmte: „Ich habe den Klang der Zukunft gehört.“ Dann legte er die Platte auf und sagte, sie werde den Sound der Clubs für die nächsten 15 Jahre bestimmen. Eno behielt recht.

„Blue Monday“ besteht nur aus fremden Teilen

Sechs Jahre später, Manchester. New Order bauen „Blue Monday“, die meistverkaufte Maxisingle aller Zeiten. Man kann sie zerlegen wie eine Uhr. Der stampfende Auftakt stammt von Donna Summer, Band-Gründer Peter Hook hat das offen zugegeben. Der Rhythmus kommt von Klein + MBO, die Melodieführung von Sylvester, die Basslinie hatte Hook aus einem Italowestern von Ennio Morricone im Ohr. Der Chor am Ende ist ein echtes Sample: Kraftwerk. Von einer Klage Kraftwerks hörte man nie einen Ton.

Die Band New Order, vorher Joy Division, revolutionierte die Musikproduktion und erschuf den Welthit „Blue Monday“.

Die Band New Order, vorher Joy Division, revolutionierte die Musikproduktion und erschuf den Welthit „Blue Monday“.

© Andrew Catlin/Avalon/IMAGO

Eigen ist der Zusammenbau. Es war echte Handarbeit. MIDI, die Norm, über die elektronische Musikgeräte sich gegenseitig steuern, kam erst ein paar Monate später. New Order hatten mehrere Sequenzer im Studio, aber nichts, was sie zusammenbrachte. Es wurde improvisiert, bis alle Geräte synchron zusammenliefen. Pionierarbeit in der Musikproduktion, samt einem glücklichen Fehler: Gillian Gilbert schrieb die Tonfolge von Hand als Binärcode auf ein Blatt Papier und vergaß dabei eine Note. Genau das brachte den treibenden, galoppierenden Groove in das Stück. Deswegen ist es ein Original und klingt eben nicht nach Automat, obwohl es aus fremden Einzelteilen zusammengebaut wurde.

KLF machen aus dem Diebstahl ein Programm

Dann kam das wohl verrückteste Musikprojekt der letzten 40 Jahre – KLF. Wofür die drei Buchstaben stehen, haben die beiden Gründer Bill Drummond und Jimmy Cauty aus England nie verraten. Im Umlauf ist Kopyright Liberation Front, sinngemäß: Befreiungsfront gegen das Urheberrecht. Die beiden bauten ihre Platten aus fremden Platten, 1987, ohne zu fragen. ABBA und die Verwertungsgesellschaft zwangen ihr erstes Album aus dem Handel, den Rest der Auflage verbrannten die beiden selbst. Zwei Jahre später schrieben sie das Verfahren auf: „The Manual“, eine Anleitung zum Nummer-eins-Hit. „Nimm, was funktioniert hat. Zerleg es. Setz es neu zusammen. Sei bloß nicht originell.“ Sie beließen es nicht bei der Theorie. Danach folgten Welthits wie „What Time Is Love?“, „3 a.m. Eternal“ und „Justified & Ancient“, letzterer im Duett mit der Country-Sängerin Tammy Wynette. 1991 verkauften KLF mehr Singles als jede andere Band der Welt.

Dass es Regeln braucht, hat ein New Yorker Richter 1991 entschieden. Der amerikanische Rapper Biz Markie hatte für einen Song eine Passage aus „Alone Again (Naturally)“ verwendet, dem größten Hit des irischen Sängers und Komponisten Gilbert O’Sullivan aus dem Jahr 1972. Gefragt hatte er nicht. Der Richter Kevin Duffy eröffnete sein Urteil mit dem Satz: „Du sollst nicht stehlen.“ Das Album musste aus dem Handel. Seither ist es im HipHop gute Sitte, dass jedes Sample vorher vom ursprünglichen Künstler freigegeben wird. So sieht die Ordnung aus, die sich die Musik in 40 Jahren erstritten hat. Fragen, zahlen – oder etwas so Neues daraus machen, dass es als eigenes Werk durchgeht. Genau das hat der Bundesgerichtshof jetzt entschieden.

Vor Gericht geht es jetzt um KI-Musik

2026 geht es einen Schritt weiter. Vor Gericht steht nicht mehr Mensch gegen Mensch, sondern Mensch gegen Maschine – genauer: gegen die Firmen, die sie betreiben. Deren Argument: Bei uns bleibt nichts Erkennbares übrig, also muss auch niemand gefragt werden. Das Landgericht München I sah das im Juli anders und gab der GEMA gegen den KI-Musikdienst Suno recht. Ende August haben Sony und Warner in Kalifornien geklagt, gegen die Firma hinter dem Chatprogramm Claude. Zehntausende Kompositionen sollen ins KI-Training gegangen sein, „Eye of the Tiger“ steht in der Klageschrift. Ausgerechnet dieser Song. Sylvester Stallone wollte für „Rocky III“ eigentlich Queen. Die Band gab ihren Titel „Another One Bites the Dust“ nicht frei. Also bestellte er bei einer zweitklassigen Band aus Chicago etwas Ähnliches, und Survivor lieferten. Der Nachbau wurde größer als das Vorbild. Erlaubt war er, weil das Werk geschützt ist, nicht die Machart.

Genau dort verläuft die Grenze, um die jetzt in der juristischen Debatte über KI-generierte Musik gestritten wird. Der Unterschied liegt nicht im Kopieren. KLF wollten, dass man den Diebstahl hört. Der ganze Witz funktionierte nur, weil jeder ABBA erkannte. Ein KI-Modell macht das Gegenteil. Es löst die Quelle so lange auf, bis niemand mehr mit dem Finger draufzeigen kann.

KLF verbrannten eine Million britische Pfund

Früher gab es immer jemanden, der geradestand. KLF zogen ihre ABBA-Platte zurück, mussten vor Gericht, verbrannten den Rest. Sie produzierten ihre Charthits und gingen 1992 auf die wohl ultimativste Art von der Bühne: Bei den Brit Awards traten sie mit einer Krawallband auf, zertrümmerten ihren eigenen Hit und feuerten Platzpatronen über die Köpfe des Publikums. Ihr Promoter sagte anschließend jenen einen Satz, der geblieben ist: „KLF hat das Musikgeschäft verlassen.“ Kurz darauf löschten sie ihr gesamtes Werk. Zwei Jahre später verbrannten sie eine Million Pfund, ihr eigenes Geld. 2004 erklärte Drummond, aufgenommene Musik habe sich erledigt, und gründete einen Chor, der nur live singt und nichts aufnimmt.

Heute bauen die beiden KLF-Gründer und -Zerstörer eine Pyramide. Sie steht in Birkenhead, einer Hafenstadt mit gut 110.000 Einwohnern auf der Halbinsel Wirral, gegenüber von Liverpool auf der anderen Seite des Flusses Mersey. In jeden Ziegel sind 23 Gramm Asche eines Toten eingebrannt. Wer dabei sein will, meldet sich zu Lebzeiten an und zahlt 99 Pfund. Einmal im Jahr, am Samstag um den 23. November herum, werden die Ziegel der vergangenen zwölf Monate eingesetzt. Fertig ist der Bau bei 34.592 Ziegeln und sieben Metern Höhe. Nach eigener Rechnung dauert das mehr als 300 Jahre.

Es ist die langsamste Antwort, die zwei Menschen einer Maschine geben können, die in einer Sekunde tausend Lieder ausspuckt. Ausgerechnet in Birkenhead: Der dortige Volkspark, 1847 angelegt, war der erste öffentlich finanzierte Park der Welt. Durch seine Kopie kann man in New York spazieren. Es ist der Central Park.

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