Gasspeicher-Krise

3,14 Euro Verlust je MWh bei Gasspeichern: Jetzt reagiert die Bundesnetzagentur

Deutsche Gasspeicher liegen zwölf Punkte unter dem EU-Schnitt. Die Branche drängt auf Eingriffe. Jetzt antworten Bundesnetzagentur und Wirtschaftsministerium.

5 Min
Der LNG Tanker „Ocean Oasis“ von der chinesischen Reederei Cosco Shipping vor dem LNG-Terminal „Deutsche Ostsee“ in Mukran auf Rügen. Symbolbild.

Der LNG Tanker „Ocean Oasis“ von der chinesischen Reederei Cosco Shipping vor dem LNG-Terminal „Deutsche Ostsee“ in Mukran auf Rügen. Symbolbild.

© IMAGO/Joerg Boethling

Deutschland startet mit sehr niedrigen Füllständen seiner Gasspeicher in den September. Am 3. September waren sie laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) zu nur 53,67 Prozent gefüllt. Auf den ersten Blick mag das nicht wenig erscheinen. Doch knapp einen Monat vor Beginn der Heizperiode liegt der Füllstand auf einem historischen Tief.

Im EU-Durchschnitt sind die Speicher aktuell zu 65,85 Prozent gefüllt – gut zwölf Prozentpunkte mehr. Für Verbraucher erhöhen niedrige Speicherstände vor allem das Preisrisiko im Winter: Muss bei Kälte kurzfristig zusätzliches Gas auf dem Weltmarkt beschafft werden, kann das die Preise treiben. Treffen mehrere Belastungen zusammen, etwa eine längere Kälteperiode, Ausfälle wichtiger Importwege oder politische Spannungen mit den USA als wichtigstem LNG-Lieferanten, schrumpft zudem der Sicherheitspuffer der deutschen Gasversorgung.

Die Initiative Energien Speichern (INES), in der sich Betreiber wie Sefe Storage, Uniper, RWE, EWE und VNG zusammengeschlossen haben, fordert deshalb schnelle Entlastungen: Die Gebühren für den Gastransport zu den Speichern und die Konvertierungsumlage sollen wegfallen, vergünstigte Kredite die Gasbeschaffung erleichtern.

Gasspeicher: Händler machen 3,14 Euro Verlust je Megawattstunde

Denn das Einspeichern rechnet sich unter den aktuellen Marktbedingungen nicht. INES kommt in einer Modellrechnung vom 2. September auf einen Verlust von 3,14 Euro je Megawattstunde (MWh) für einen Gashändler, der Gas vor dem Winter einspeichert und im Winter wieder verkauft. Der Preisunterschied zwischen dem Einkauf und dem späteren Verkauf des Gases beträgt demnach derzeit minus 0,01 Euro je MWh. Hinzu kommen beispielhafte variable Kosten der Speichernutzung von 3,13 Euro.

Mit den vorgeschlagenen Entlastungen will INES diese Rechnung verbessern. Zusammen könnten die Abschaffung der Speicher-Netzentgelte und der Konvertierungsumlage sowie günstigere Finanzierungskosten die Kosten nach Berechnungen des Verbands um schätzungsweise 1,16 Euro je MWh senken. Rein rechnerisch bliebe gegenüber dem aktuell ermittelten Verlust von 3,14 Euro damit noch eine Differenz von 1,98 Euro je MWh.

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Bundesnetzagentur: Speicher-Netzentgelte bereits um 75 Prozent rabattiert

Bei einem der größten Kostenpunkte ist der Spielraum allerdings begrenzt: Die Netzentgelte an den Speicheranschlüssen sind bereits deutlich rabattiert.

„Die Netzentgelte an Erdgasspeicheranlagen werden zurzeit mit einem Satz von 75 Prozent rabattiert und damit bereits um einen beträchtlichen Betrag verringert“, erklärt eine Sprecherin der Bundesnetzagentur auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Hinzu kommt eine regulatorische Hürde. „Die Netzentgelte der Jahre 2026 und 2027 sind rechtsverbindlich veröffentlicht und können nicht ohne ein ordentliches Verfahren angepasst werden“, so die Behörde weiter. Eine vollständige Befreiung hatten Marktteilnehmer bereits bei der Festlegung der aktuellen Netzentgelte gefordert. Die Bundesnetzagentur entschied sich damals jedoch ausdrücklich für 75 Prozent Rabatt.

Die verbleibende Differenz könnte INES zufolge teilweise über zusätzliche Erlöse ausgeglichen werden. Dafür verweist der Verband auf sogenannte Long-Term-Options (LTO). Bei früheren Ausschreibungen lag das Umsatzpotenzial laut INES bei 3,50 Euro je MWh, bei Sonderausschreibungen sogar bei rund 9,70 Euro. Allerdings haben die bisherigen Ausschreibungen 2026 lediglich einen geschätzten Speicherfüllstand von acht bis neun Prozent abgesichert. INES sieht LTO deshalb nur als Teil eines größeren Maßnahmenpakets.

Wirtschaftsministerium hält staatliche Eingriffe für riskant

Das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche (CDU) beurteilt die aktuelle Lage weniger kritisch als die Speicherbranche. Nach Angaben des Ministeriums steigt der Füllstand derzeit. Am 17. August hatte er noch knapp unter 50 Prozent gelegen. Die meisten wichtigen Kavernenspeicher seien bereits zu 70 bis 90 Prozent gefüllt. Zudem seien die Vorbuchungen zuletzt auf 79 Prozent gestiegen. Das Ministerium wertet dies als Zeichen dafür, dass Händler weiterhin Gas einspeichern wollen.

Eine Gasmangellage im kommenden Winter erwartet das Ministerium nach aktuellem Erkenntnisstand dennoch nicht. Allerdings sei die Situation angespannter als in den beiden vergangenen Wintern. Niedrigere Speicherstände reduzierten den Puffer für außergewöhnliche Situationen.

Zu den konkreten Vorschlägen von INES will sich das Ministerium derzeit nicht festlegen. Eventuell notwendige Handlungsoptionen würden vorbereitet, damit der Staat bei einer Verschlechterung der Lage schnell reagieren könne. „Die Wintervorsorge liegt grundsätzlich bei den Gasunternehmen und Händlern“, teilte das Ministerium der Berliner Zeitung mit. „Ein staatlicher Eingriff ist kein risikoloses Instrument.“ Staatliche Gaskäufe könnten zusätzliche Nachfrage schaffen, Preise erhöhen und private Einspeicherungen verdrängen. Die marktliche Wintervorsorge dürfe dadurch nicht dauerhaft geschwächt werden.

Gleichzeitig erklärt auch das Ministerium die derzeit schleppende Einspeicherung mit den internationalen Marktbedingungen. Seit der militärischen Eskalation im Nahen Osten seien die Gaspreise erhöht und volatil. Einschränkungen an der Straße von Hormus entzögen dem Weltmarkt LNG-Mengen. Das verteuere die Beschaffung und verschlechtere die Wirtschaftlichkeit der Einspeicherung.

Deutschland verfüge heute allerdings über deutlich mehr Bezugsquellen als zu Beginn der Energiekrise. Neben Pipelinegas aus Norwegen stünden LNG-Terminals und Importe über europäische Nachbarländer zur Verfügung. Fehlende LNG-Mengen aus dem Nahen Osten würden derzeit teilweise durch höhere Lieferungen aus den USA ausgeglichen.

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