Politikerkarrieren

Annalena Baerbock an der Columbia University: Die entscheidende Frage zur Berufung bleibt offen

Annalena Baerbocks Berufung an die Columbia University sorgt für Streit. Doch die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Wie lief das Verfahren ab?

10 Min
Baerbock postet am liebsten Baerbock und beschwert sich, wenn dann über Baerbock geredet wird.

Baerbock postet am liebsten Baerbock und beschwert sich, wenn dann über Baerbock geredet wird.

© instagram.com/abaerbock

Presse unerwünscht: Als die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung und die Berliner Zeitung bei der Columbia University in New York anfragten, ob man zu Annalena Baerbocks Antrittsvorlesung kommen dürfe, kam die Absage – angeblich nach Rücksprache mit Baerbock selbst. Ein kleiner Vorgang, der mehr über diese Debatte verrät als zwölf Tage Berichterstattung.

Denn öffentlich verhandelt wird längst nicht mehr, ob die Berufung an die Eliteuniversität sachlich begründet war, sondern auf welcher Seite man steht. Wer kritisiert, gilt als missgünstig. Wer verteidigt, gilt als parteiisch. Beide Lager streiten über dieselbe Person, nur mit umgekehrten Vorzeichen – und beide kommen dabei ohne die eine Frage aus, die zählt: Wie lief dieses Verfahren eigentlich ab?

Diese Konstellation ist kein Betriebsunfall der Debatte, sondern ihr Ergebnis. Sie speist sich aus drei Quellen, die selten zusammen betrachtet werden: aus Baerbocks eigener Kommunikationsstrategie, aus dem Reaktionsmuster ihrer Gegner und aus dem Verhalten von Medien, die in dieser Frage ihre professionelle Distanz aufgeben.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ist dafür kein Sonderfall, sondern das aufschlussreichste Beispiel, gerade weil dort gute Journalisten arbeiten, die in anderen Fällen sehr wohl zwischen Amt und Person unterscheiden können.

Die Personalisierung beginnt bei ihr selbst

Man kann das Phänomen nicht erklären, ohne bei Baerbocks eigener Praxis anzufangen. Sie hat von Beginn an auf Personalisierung gesetzt, und zwar strategisch, nicht versehentlich. Der Wahlkampf 2021 stellte Biografie, Familie und Alltagsnähe in den Mittelpunkt; Analysen ihrer Social-Media-Auftritte weisen einen deutlich höheren Anteil privater Einblicke aus als bei ihren männlichen Mitbewerbern.

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In New York setzte sich das fort und wurde noch verdichtet: das Taxi-Video mit High Heels, gelbem Cab und „Empire State of Mind“, der Besuch beim Go-to-Bagel-Spot, die unübersehbare Anspielung auf eine Fernsehserie über weibliche Selbstverwirklichung in Manhattan.

Baerbock selbst bestätigt die Zweifel

Ihre Begründung, das seien niedrigschwellige Formate, um jüngere Menschen für die Vereinten Nationen zu interessieren, ist plausibel und ehrlich vorgetragen. Nur löst sie den Einwand nicht auf, sondern bestätigt ihn.

Reichweite entsteht in diesen Formaten über die Person, nicht über die Institution. Wer sich zur Hauptfigur einer Erzählung macht, kann schwer beklagen, dass anschließend über die Hauptfigur gesprochen wird. Das ist der erste Widerspruch dieser Debatte: Baerbock kritisiert eine Personalisierung, die sie selbst als Instrument einsetzt.

Der Fall Helga Schmid

Der zweite Widerspruch wiegt schwerer, weil er nicht die Taktik betrifft, sondern die moralische Grundlage der Verteidigung. Baerbock hat den Satz geprägt, dass jede einzelne Frau mehr in der Politik zählt. Sie hat feministische Außenpolitik zum Markenkern gemacht und beschreibt Angriffe auf sich als geschlechtsspezifische Delegitimierung.

In der Sache hat sie damit recht; die Angriffsmuster gegen sie sind empirisch belegbar anders gelagert als jene gegen männliche Kollegen, von sexualisierten Fälschungen bis zu Kompetenzzweifeln, die an Stimme, Kleidung und Mutterschaft festgemacht werden.

Jede Frau zählt – wenn sie der eigenen Karriere nicht im Wege steht

Und dann ist da Helga Schmid. Die Spitzendiplomatin war 2024 als Präsidentin der UN-Generalversammlung nominiert, bevor Baerbock den Posten übernahm. Der Spiegel selbst wählte dafür ungeachtet der späteren Parteinahme für die Grünen-Politikerin einmal das Wort „weggeschnappt“.

Baerbocks Erklärung, die Nominierung sei unter anderen Bedingungen erfolgt und die vorgezogene Neuwahl habe die Lage verändert, ist formal nachvollziehbar. Sie ändert nichts daran, dass eine Frau mit jahrzehntelanger diplomatischer Laufbahn einer Politikerin weichen musste, die eine Anschlussverwendung suchte.

Hier entsteht die eigentliche Glaubwürdigkeitslücke. Der Grundsatz, dass jede Frau in der Politik zählt, gilt offenbar mit einer stillen Einschränkung: sofern sie der eigenen Karriere nicht im Weg steht.

Baerbock muss sich an ihrer feministischen Solidarität messen lassen

Wer Solidarität zum Prinzip erklärt, muss sie an den Fällen messen lassen, in denen sie etwas kostet, nicht an denen, in denen sie nützt. Genau das macht den Sexismus-Einwand angreifbar, und zwar nicht deshalb, weil er falsch wäre, sondern weil er selektiv wirkt, wenn er im eigenen Interesse eingesetzt und im Fall Schmid nicht mitgedacht wird.

Ein Argument, das nur in eine Richtung funktioniert, verliert seine Kraft auch dort, wo es zutrifft.

Die Gegner finden ein bereitetes Feld vor

Dass die Kritik an Baerbock häufig ins Persönliche kippt, muss man kaum belegen. Lebenslauf, Ehe, Halbmarathon, High Heels, Taxi-Video, dazu erfundene Geschichten bis hin zu sexualisierten Fälschungen. Das ist der bekannte und der am leichtesten zu verurteilende Teil des Bildes.

Interessanter ist der Mechanismus dahinter. Weil Baerbock selbst personalisiert, finden ihre Gegner ein vorbereitetes Angriffsfeld vor. Jedes Instagram-Video liefert Material für einen Prozess, den sie ohnehin führen. Das entlastet niemanden.

Die Selbstinszenierung erklärt, warum die Delegitimierung so anschlussfähig ist, sie macht sie nicht legitim. Aber sie erklärt, warum diese Debatte einen Sog entwickelt, dem sich am Ende auch jene nicht entziehen, die ihn eigentlich brechen müssten.

Warum sich Medien positionieren

Damit zum unbequemen Teil. Am 26. August 2026 titelte der Spiegel: „Und aus Übersee schallt der Chor der Baerbock-Missgünstigen“. Der Text ist nicht als Kommentar gekennzeichnet, während in derselben Themenliste andere Beiträge sichtbar als Meinung markiert sind. Das Wort „missgünstig“ beschreibt keine Position, sondern eine Motivation. Es erklärt Kritik, statt sie zu prüfen, und es fällt ein Urteil, bevor recherchiert wurde.

Entscheidend ist jedoch nicht dieser eine Titel, sondern das Muster dahinter. Der Spiegel macht die Personalisierung mit, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wenn Kritiker im Text lästern, spotten und Häme verbreiten, während Unterstützerinnen darauf hinweisen und verteidigen, dann ist das keine Beschreibung, sondern eine Bewertung, die sich in der Verbenwahl versteckt.

Bei Annalena Baerbock wird der Spiegel zum Swifty

Wenn eine Reportage mit einem Beitrag der Grünen-Fraktionschefin und Taylor Swifts „Shake It Off“ endet, ist diese Schlussposition eine Positionierung. Und wenn zur Verteidigung Freundschaften, Trennung und Playlist herangezogen werden, bestätigt die Verteidigung exakt jenen Modus, den sie beklagt. Sie schützt die Person, indem sie die Person zum Gegenstand macht.

Innerhalb von zwölf Tagen erschienen drei Beiträge in drei Tonlagen: Kritik aus Washington und Moskau als Gütesiegel gelesen, dann die parteiische Reportage, schließlich ein überraschend distanzierter Text, der von problematischer Vorgeschichte und vermasseltem Wahlkampf spricht.

Das ergibt keine Kampagne. Es ergibt etwas Aufschlussreicheres, nämlich eine Redaktion, die in der Person Baerbock keine stabile professionelle Distanz findet. Genau darin liegt der Befund auf der Metaebene: Wo die Person zum Bekenntnisobjekt wird, verlassen auch unabhängige Medien die Beobachterrolle und werden Teil der Lagerbildung.

Eine Absage zur Antrittsvorlesung

Ein kleiner Vorgang wirft auf all das ein präzises Licht. Die Berliner Zeitung fragte bei der Columbia University an, ob sie bei Baerbocks Antrittsvorlesung anwesend sein dürfe. Die Universität lehnte ab, nach eigener Auskunft in Rücksprache mit Baerbock. Presse war nicht erwünscht.

Für sich genommen ist das kein Skandal. Universitäten schützen Lehrveranstaltungen, vor allem in den USA. Studierende sollen ohne Kameras diskutieren können, das ist ein nachvollziehbares akademisches Interesse. Interessant wird der Vorgang erst im Kontrast zu allem anderen.

Annalenas Inszenierung, Baerbocks Abschottung

Hier verweigert eine Politikerin, die ihre Bagelbestellung filmt und ihre Taxifahrten vertont, ausgerechnet dort Öffentlichkeit, wo es um die inhaltliche Substanz der umstrittenen Berufung ginge. Die Selbstinszenierung ist offen, die Überprüfbarkeit ist geschlossen.

Damit wird sichtbar, was diese Kommunikationsstrategie eigentlich leistet. Sie erzeugt maximale Sichtbarkeit bei minimaler Angreifbarkeit, weil sie selbst bestimmt, welche Bilder entstehen. Öffentlichkeit als selbst kuratiertes Produkt, nicht als Zumutung. Genau diese Asymmetrie ist der Kern des Vorwurfs, den die Verteidiger nicht entkräften: Wer Nähe herstellt, wo sie nützt, und Distanz einfordert, wo sie schützt, betreibt keine Kommunikation, sondern Reichweitensteuerung.

Und es verschärft die Leerstelle der Berichterstattung. Es gibt eine Redaktion, die zum Vorgang selbst recherchieren wollte, statt zur Debatte über den Vorgang. Sie kam nicht hinein.

Der Kontrast Wadephul

Wie sehr die Achse der Kritik bei Baerbock verrutscht, zeigt der Vergleich mit einem Fall, den dasselbe Haus behandelt hat. Nach dem Scheitern der deutschen Sicherheitsratskandidatur am 3. Juni 2026 titelte der Spiegel: „Die Portugiesen jubeln, die Österreicher feiern. Und Deutschland? Ist blamiert.“ Der Leitartikel sprach von der Quittung für Arroganz und fehlende Prinzipien.

Das ist härter als alles, was in den Baerbock-Texten steht. Die These, der Spiegel schone Amtsträger grundsätzlich, ist damit erledigt. Der Unterschied liegt nicht in der Schärfe, sondern im Blickwinkel.

Bei Wadepul fehlt eine vergleichbare Personalisierung

Bei Wadephul geht es um Verfahren, Ergebnis und Verantwortung. Keine Ehe, kein Freizeitverhalten, kein Kleidungsstil, keine Playlist. Die Kritik bleibt im Amt und ist gerade deshalb wirksam, weil sie überprüfbar bleibt.

Bei Baerbock verschiebt sich die Achse zur Person, und zwar bei Angriff und Verteidigung gleichermaßen. Darin liegt der geschlechtsspezifische Befund, und er ist präziser, als beide Lager ihn führen. Es ist nicht so, dass Baerbock härter kritisiert würde. Es ist so, dass bei ihr die Person mitverhandelt wird, wo bei männlichen Kollegen das Amt verhandelt wird. Das Paradox besteht darin, dass dieser Befund von genau jenen mitproduziert wird, die ihn beklagen.

Was offenbleibt, und warum das kein Zufall ist

Wir haben zwölf Tage Berichterstattung des Spiegels verfolgt. Nach Lektüre ist nicht geklärt, wie die Berufung an der Columbia School of International and Public Affairs zustande gekommen ist. Ob es eine Ausschreibung gab oder einen Vorschlagsweg. Wie lang der Vertrag läuft, wie hoch das Lehrdeputat ist, wie die Stelle finanziert wird.

Und vor allem, ob es zeitliche Überschneidungen zwischen dem UN-Amt und den Verhandlungen über die Professur gab, was die eigentliche Compliance-Frage wäre. Sie wird nicht einmal erkennbar gestellt.

Die Personalisierung verdrängt den Journalismus

Dass diese Fragen offenbleiben, ist keine Randnotiz, sondern die logische Folge der Personalisierung. Eine Debatte, die um Loyalität kreist, braucht keine Verfahrensrecherche. Wer die Person verteidigt, prüft nicht, weil Prüfung als Misstrauen erscheint. Wer die Person angreift, prüft ebenfalls nicht, weil das Urteil schon feststeht.

Der Preis dafür ist erheblich: Solange diese Fragen offen sind, lässt sich weder seriös behaupten, die Kritik sei berechtigt, noch, sie sei bloß Missgunst. Die Überschrift vom Chor der Missgünstigen behauptet Letzteres trotzdem, und darin liegt ihr eigentlicher Fehler.

Der Ausweg wäre banal und ist deshalb schwer

Er hieße, das Amt vom Menschen zu trennen. Bei Wadephul gelingt das mühelos, bei Baerbock nicht. Das liegt nicht an einer Verschwörung und nicht an einer besonders bösartigen Öffentlichkeit, sondern an einem Zusammenspiel: einer Politikerin, die ihre Person zur Botschaft macht, Gegnern, die genau dort ansetzen, und Medien, die statt Distanz eine Haltung anbieten und dabei glauben, damit einer Frau in der Politik zu helfen.

Sie tun das Gegenteil. Wer Baerbock wirksam gegen personalisierte Angriffe verteidigen will, müsste aufhören, sie personalisiert zu verteidigen. Wer sie kritisieren will, müsste aufhören, die Person zu meinen, wenn er das Verfahren prüfen sollte. Und wer über beides berichtet, müsste kenntlich machen, wann er berichtet und wann er urteilt.

Am Ende bleibt eine einzige, immer noch unbeantwortete Frage: Wie kam diese Berufung konkret zustande? Es hat bereits eine Redaktion versucht, das vor Ort zu klären. Sie durfte nicht kommen.

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