Berufswahl

Ausbildung statt Studium: Lieber was mit den Händen machen?

Die Angst geht um vor der Künstlichen Intelligenz als Jobkiller. Die Unsicherheit steigert das Interesse an praktischen Jobs unter Berufsanfängern.

Cedric Rehman
Cedric Rehman
9 Min
Wo gehört welcher Stecker hin? Auszubildene für gewerblich technische Berufe bei der Deutschen Bahn.

Wo gehört welcher Stecker hin? Auszubildene für gewerblich technische Berufe bei der Deutschen Bahn.

© Jochen Eckel/imago

Der Geschäftsführer der Haun Heizung und Sanitär GmbH in Kreuzberg setzt auf die Überzeugungskraft eines guten Einkommens in unsicheren Zeiten. Insgesamt sei die Zahl der Auszubildenden mit Abitur immer noch gering, beklagt Thomas Haun.

„Wenn sich herumspricht, dass ein Meister als Geschäftsführer eines Zehn-Mann-Betriebes einen mittleren sechsstelligen Gehaltsbetrag erhalten kann, wird sich die Betrachtung gegebenenfalls ändern“, hofft Haun.

Haun ist Mitglied im Vorstand der Innung für Sanitär, Heizung und Klima (SHK) Berlin. Er spricht sich dafür aus, offensiver für die Chancen in Handwerksberufen bei der jungen Generation zu werben. „Gerade im Sanitär-, Heizungs- und Elektrohandwerk werden Fachkräfte gebraucht, damit Gebäude dauerhaft bewohnbar bleiben und die Versorgung mit Trinkwasser, Wärme und Strom funktioniert“, sagt Haun.

Die Botschaft ist nicht neu. Doch viele junge Menschen haben sie in vergangenen Jahren überhört. Handwerksbetriebe klagen seit Jahren über einen die Branche in der Existenz bedrohenden Fachkräftemangel.

Die Zahl der Studierenden ist gestiegen

Gleichzeitig stiegen die Studierendenzahlen in Deutschland auf 2,9 Millionen und damit rund vier Prozent mehr als vor einem Jahrzehnt. In Berlin wuchs die Zahl der Studierenden seit 2016 noch deutlicher, um 15 Prozent. Akademische Berufe lockten in vergangenen Jahren mit hohen Gehältern, Ansehen und Sicherheit. Die junge Generation fühlte sich umschmeichelt von der Wirtschaft. Der demografische Wandel könnte Nachwuchs schon in wenigen Jahren in vielen Branchen zur Mangelware machen, hieß es.

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Doch gerade ändert sich etwas grundlegend in der Arbeitswelt. Die Künstliche Intelligenz (KI) wirbelt alle Gewissheiten durcheinander. Ökonomen prognostizieren ein Aussterben vieler Berufe, die bisher ein gutes Auskommen und Prestige versprachen. Viele von ihnen erfordern ein Studium. Künftig könnten Maschinen sie übernehmen. Manche Wirtschafts- und Arbeitsmarktforscher ringen bei der Beschreibung der neuen Realität um Superlative.

Der Ökonom Erik Brynjolfsson von der Stanford-Universität in Kalifornien vergleicht die KI mit einem auf den Arbeitsmarkt zurollenden Tsunami. Der türkisch-amerikanische Wissenschaftler Daron Acemoglu erhielt 2024 den Wirtschaftsnobelpreis. Seine Vorhersage klingt gleichfalls düster. Acemolgu erwartet eine soziale Krise als Folge der KI-Revolution und Millionen Jobverluste.

Spitzenökonomen warnen vor Jobkrise

200 Spitzenökonomen und Tech-Unternehmer veröffentlichten im Sommer in den USA eine Erklärung. Wirtschaft und Arbeitsmarkt drohe in kurzer Zeit ein Umbruch, der die Industrielle Revolution in den Schatten stellen könnte.

Thomas Haun erkennt in dem vorhergesagten Epochenbruch zumindest eine Chance für das um Nachwuchs ringende Handwerk. „Das Studium mit dem Beruf des Energie- und Versorgungsingenieurs als Ziel ist auch nicht mehr sicher durch die KI“, erklärt er. Eine handwerkliche Ausbildung könne als Alternative zum Studium angesichts der Umwälzung die passendere Wahl für viele junge Menschen sein, findet er.

Ein Trend hin zu Ausbildungsberufen zeichnet sich seit einigen Jahren ab. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) verzeichnet 2026 erneut ein kräftiges Plus bei neuen Ausbildungsverträgen.

Mit dem Winkelschleifer am Material: Frauen holen auf im Handwerk.

Mit dem Winkelschleifer am Material: Frauen holen auf im Handwerk.

© K. Schmitt/imago

Laut ZDH wurden im ersten Halbjahr 2026 67.800 neue Verträge unterzeichnet. Das entspricht einer Steigerung von knapp fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr und der Wert ist der Höchststand seit sechs Jahren.

Der ZDH sorgt sich trotz Azubi-Boom allerdings weiter um den Fachkräftemangel. 16.000 Ausbildungsplätze blieben in diesem Jahr unbesetzt. Rund 200.000 Stellen sind in der Branche insgesamt offen. Der Verband wirbt nun mit „KI-sicheren“ Handwerksjobs um weiteren Nachwuchs, in der Hoffnung, diese Lücke zu stopfen. Im Handwerk müsse sich niemand vor der KI fürchten, lautet das Mantra.

Auch die Berliner Handwerkskammer freut sich über das gesteigerte Interesse der jungen Generation an einer Arbeit in einem Ausbildungsberuf. Elektro-, Sanitär- und Heizungs- und Klimatechnik-Betriebe verzeichneten einen „größeren Zulauf an Auszubildenden“, erklärt die Sprecherin Elke Sarkandy.

Handwerkskammer wirbt mit KI-sicheren Jobs

Sie bezeichnet die drei Handwerkssparten als „Klimaberufe“, die für Azubis besonders attraktiv seien. „Die Nachfrage nach diesen Fachkräften wird angesichts der Energiewende und des technologischen Wandels weiter an Bedeutung gewinnen“, sagt sie.

Wie viele Berliner Azubis sich in diesem Ausbildungsjahr gegen ein Studium entschieden haben, weil die KI sie verunsichert hat, wisse die Handwerkskammer nicht, erklärt die Sprecherin. Sie verweist aber wie der ZDH auf eine angebliche Sicherheit vor dem mutmaßlichen Jobkiller KI als Anreiz für junge Menschen, in das Handwerk zu gehen.

KI könne in Handwerksberufen zwar bei der Planung von Aufgaben unterstützen. „Die praktische handwerkliche Umsetzung bleibt jedoch immer Aufgabe des Menschen“, sagt Sarkandy.

Die Verunsicherung junger Menschen gegenüber den eigenen Perspektiven hat auch die Universitäten erreicht. Unsicherheit sei in vielen Gesprächen spürbar, sagt Katrin Niemann von der Studienberatung an der Freien Universität (FU). „Das Thema KI wird aber selten explizit angesprochen“, sagt die Studienberaterin.

Viele Krisen erschwerten derzeit die Entscheidung für ein Studium. Niemann nennt die Wirtschaftsflaute, den Mangel an bezahlbaren Wohnungen und die Frage, wie Studierende ihr Studium angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten, besonders in Großstädten wie Berlin, überhaupt noch finanzieren können. „KI spielt dann noch mit rein“, sagt sie.

Es werde selten gefragt, welches Studium in Hinsicht auf die spätere berufliche Karriere überhaupt noch Sinn ergebe. „Wenn KI angesprochen wird, wollen viele wissen, welche Berufe mit einem bestimmten Studium offenstehen“, sagt Niemann.

Geisteswissenschaftler haben es vorgemacht

Sie rät jungen Menschen zu einer Offenheit, die in bestimmten Studienfächern schon immer Voraussetzung war. Geisteswissenschaftler gelten als Generalisten auf dem Arbeitsmarkt. Sie müssen sich seit jeher aus den im Studium erworbenen Qualifikationen einen späteren Job basteln. „Ich glaube, dass das in der heutigen Zeit auch für Studiengänge der Natur- oder Ingenieurwissenschaften gilt“, sagt Niemann.

Niemann rät Studierenden aller Fachrichtungen zu Praktika und dem Erwerb von Zusatzqualifikationen im Umgang mit KI. Junge Menschen lernten in einem Studium die grundsätzliche Fähigkeit, selbstständig Probleme zu lösen. „Das bleibt auf jeden Fall wichtig“, sagt Niemann.

Vielleicht ist die Entscheidung für ein Studienfach heute sogar besonders leicht. Kaum jemand redet noch von Fächern, die den sicheren und gut bezahlten Traumjob garantieren. Noch vor einigen Jahren wurde ein Studium der sogenannten Mint-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik fast schon als patriotische Pflicht gegen den  Fachkräftemangel angepriesen. „Es gilt immer noch: Was eine Person erfüllt und gerne macht, wird in der Regel auch gut gemacht“, sagt Niemann.

Der Arbeitsmarktforscher Simon Janssen vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hat einen ähnlichen Rat für junge Menschen in der Berufsorientierung. „Ich würde danach entscheiden, was mich interessiert und mich fragen, wie wichtig mir hohes Einkommen oder Jobsicherheit sind“, sagt Janssen.

Vorhersagen über die Zukunft einzelner Berufe erscheinen Janssen angesichts der KI-Entwicklung im Moment ein wenig wie Kaffeesatzleserei. „Wir wissen nicht, wie die technische Entwicklung in fünf Jahren aussieht und welche Auswirkungen das haben wird“, sagt der Nürnberger Arbeitsmarktforscher.

Bisher gibt es laut Janssen keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass KI junge Abiturienten vom Studium abschrecke und in die Ausbildungsberufe treibe. Einen Aufwärtstrend bei den Auszubildenden mit Abitur habe es Jahre vor dem KI-Boom seit Ende 2022 gegeben. Damals wurden KI-Chatbots wie ChatGPT und Bildgeneratoren erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich.

Abiturienten sind schon lange bei Betrieben beliebt

Eine Erklärung könnte sein, dass manche Ausbildungsbetriebe schon länger gerne Abiturienten in der Hoffnung auf bessere Qualifizierung als Azubis anstellen, sagt Janssen. Vieles spreche aus seiner Sicht nach wie vor für ein Studium nach dem Abitur statt einer Ausbildung.

„Im Durchschnitt verdienen Menschen in akademischen Berufen immer noch mehr als im Handwerk“, erklärt der Forscher. Auch die Arbeitslosigkeit sei unter Akademikern trotz eines Anstiegs auch in vermeintlich krisensicheren Technikberufen seit 2023 niedriger als in der Gesamtwirtschaft.

Berufseinsteiger hätten in einer ökonomisch angespannten Lage schon immer schwierigere Bedingungen gehabt. „Daher ist es momentan schwer zu sagen, inwiefern der aktuelle Anstieg der Arbeitslosigkeit in technischen Berufen auf KI zurückzuführen ist“, sagt Janssen. Betriebe versuchten in schwierigen Zeiten in der Regel erst einmal, ihre Belegschaften zu halten, erklärt der Arbeitsmarktexperte.

KI könnte auch Handwerksjobs gefährden

Handwerksberufe sind laut Janssen im Vergleich zu Akademiker-Jobs auch keineswegs so KI-sicher, wie es manche Vertreter des Handwerks jungen Menschen derzeit glauben machen. KI könnte etwa die Softwareentwicklung in der Robotik revolutionieren. „Wir haben Bauroboter im Einsatz. Beim Autobauer BMW in den USA stehen humanoide Roboter am Band“, sagt er. Niemand wisse, über welche Fähigkeiten Roboter in Zukunft verfügen könnten.

Die Nachfrage nach Handwerkerleistungen könnte auch sinken, weil Chat-Bots die kostenlose Selbsthilfe nach dem Do-it-yourself-Prinzip vereinfachten. Ihre Dienste könnten für sparsame Verbraucher gerade in ökonomisch schwieriger Zeit verlockend sein.

Die Wirtschaftskrise und die geopolitischen Konflikte lasteten eben auch auf dem Handwerk, erklärt der Experte. Und ein Ende der weltweiten Spannungen sei derzeit so wenig absehbar wie die technischen Grenzen der KI.

Noch übernehmen Menschen den Kundenkontakt

Der Azubi Janos Schienmann freut sich, dass er in den ersten Wochen seiner Ausbildung als Immobilienkaufmann bei der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH (WBM) auch schon Kontakt mit Mietern und Mietinteressierten hatte. Der soziale Aspekt an seiner Ausbildung mache ihm Spaß und gebe ihm Sicherheit. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine KI das mal ersetzen kann“, sagt er.

So sehen das auch manche Ökonomen. Sie halten Jobs, die auf zwischenmenschlichem Austausch und emotionaler Intelligenz beruhen, wie etwa Sozialarbeit, für ziemlich krisensicher angesichts der KI-Entwicklung. Schienmann hat das Fachabitur abgelegt und zunächst ein duales Studium bei der Polizei begonnen. Auch bei dieser Entscheidung habe sein Eindruck eine Rolle gespielt, dass KI wohl auch künftig keine Kriminellen jagen könne, schildert er.

Während des Studiums erlebte Schienmann allerdings, wie stark die KI das Lernen beeinflusst. „Viele Studierende schreiben heute Hausarbeiten mithilfe der KI“, sagt der Azubi.

An der Berufsschule wird auf Tests gelernt

An der Berufsschule wird Wissen dagegen regelmäßig durch Tests nachgefragt. Auf die müsse er sich vorbereiten, indem er sich wirklich mit dem Lernstoff befasse, erklärt der 20-Jährige. Der Azubi erzählt, dass sich in seinem Umfeld viele Freunde mit Abitur oder Fachabitur eine Ausbildung als Alternative zum Studium vorstellen könnten.

Er selbst ist froh über seine Entscheidung. „Ich will mit praktischer Erfahrung in den Beruf starten“, sagt der Azubi. Niemand kann ausschließen, dass mithilfe von KI entwickelte Superroboter auch den Job eines Immobilienkaufmanns etwa bei Wohnbesichtigungen oder im Umgang mit Mietern irgendwann übernehmen. Vorstellen mag es sich der Azubi nicht – wohl nicht nur er.

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