Manchmal, wenn ihm eine Kabinettssitzung zu langweilig war, schaltete Carlo Schmid ab. Dann zog er ein französisches Gedicht aus der Tasche und begann zu übersetzen.Eine Kostprobe seiner lyrischen Nebentätigkeit ist derzeit im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen. Zusammen mit zahlreichen anderen Dokumenten, die den Lebensweg des 1979 gestorbenen früheren Bundestags-Vizepräsidenten markieren. "Er war eine der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Sozialdemokrarie und der deutschen Nachkriegspolitik", sagte die Tübinger SPD-Bundestagsabgeordnete Herta Däubler-Gmelin bei der Eröffnung der Ausstellung "Carlo Schmid Demokrat und Europäer".Einfühlsam zeichnete sie das Leben des Hochschullehrers, Politikers und literarischen Schöngeistes nach, der wie kein anderer die Verbindung von Geist und Macht verkörperte. Einer der letzten großen Humanisten in Staatsämtern. Er glaubte nicht nur an die Macht ästhetischer Erziehung, sondern auch an die verwandelnde Kraft der Poesie. In der Ausstellung ist nachzulesen, was er im Versmaß einer Ode über Adenauer schrieb: "Hoch über allen thront Konrad, dem sinnenden Gotte vergleichbar, und wie es Fürsten geziemt, mischt er sich selten dem Volk."Geboren 1896 in Südfrankreich, aufgewachsen im Schwäbischen, war Schmid in "beiden Kulturen zu Hause". Als ihn Bundeskanzler Willy Brandt 1969 mit dem Amt des Koordinators für die deutsch-französische Zusammenarbeit betraute, hätte er keinen Besseren finden können Schmid war überzeugter Föderalist, deutscher Patriot und leidenschaftlicher Europäer zugleich. Mit der SPD tat sich der großbürgerliche Intellektuelle schwer. Daß sich die SPD von einer Klassen- zur Volkspartei wandeln müsse, hat er früher als andere erkannt. Aber seine Appelle stießen lange auf Widerstand wie auch sein frühes Plädoyer für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.Schmid, der den Dialog über die Parteigrenzen hinweg pflegte, war kein Parteipolitiker im engen Sinne. Er, einer der Väter des Grundgesetzes, galt als Staatsmann. Trotzdem blieb ihm ein Spitzenamt verwehrt. Bei der Bundespräsidentenwahl 1959 unterlag er dem Christdemokraten Heinrich Lübke. Ein Jahr später entschied sich die SPD für Brandt als Kanzlerkandidaten. Vielleicht meinte Schmid sich selbst, als er Heinrich Heines Worte zitierte: "Das Volk steinigt gern seine Propheten, um ihre Reliquien desto inbrünstiger zu verehren."Peter Pragal Die Ausstellung ist bis 27. Juli geöffnet, Montag bis Sonnabend 10 bis 18 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
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