Als das ethnologische Museum noch in Dahlem war, galten die Pfeile immer als legendär. „Was machen wir mit den Pfeilen“, hieß es oft, „wir können doch nicht 150 Pfeile zeigen, die will doch keiner sehen.“ Jetzt aber im Humboldt-Forum sind es rund 150 Pfeile, die an der Decke kreisförmig aufgehängt sind. Gelbe, rote, grüne, manche mit Widerhaken, manche mit Federn am hinteren Ende. Alle gesammelt vor mehr als 100 Jahren.
Das Humboldt-Forum ist nun endlich komplett. Die rund 20.000 Exponate sind auf 16.000 Quadratmetern ab jetzt vollständig für das Publikum zu sehen. Gezeigt werden Exponate aus Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, Ozeanien – und aus Berlin. Der Eintritt für die ethnologische Sammlung wird noch bis zum Ende des Jahres kostenlos sein.
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Roth: Humboldt Forum bleibt eine Baustelle
Doch es ist auch klar, selbst wenn jetzt alle Vitrinen frisch geputzt und vom Staub befreit sind, das Gebäude am Schlossplatz wird weiterhin den Charakter einer Baustelle behalten. Besonders in dem Raum mit den Benin-Bronzen wird das thematisiert. Dieser Ausstellungsteil ist vor einem Jahr inhaltlich noch einmal komplett überarbeitet worden, um der Herkunft der Objekte gerecht zu werden. Fast ausschließlich lässt sich diese auf eine Strafexpedition der Briten im 19. Jahrhundert zurückführen. Anschließend gingen die berühmten Bronzen an Museen in der ganzen Welt, Paris erklärt deren Herkunft offen im Museum, das British Museum tut das noch nicht. Berlin will es jetzt offenlegen.
Zu sehen sind knapp 50 der 168 Bronzen in der Ausstellung. Es sind Leihgaben aus Nigeria, die jetzt gezeigt werden. „Es wird ein Wechselkonzept sein“, sagt der Ethnologe und Direktor des Humboldt-Forums Lars-Christian Koch. „Wir werden hier immer wieder andere Objekte ausstellen, und es werden weiterhin Originale sein.“ Das gelte nicht für alle Objekte in dieser Ausstellung, sagt er und zeigt auf einen königlichen Thronhocker des Oba Eresoyen: „Dieser Hocker wird zum Beispiel bald zurück nach Nigeria geschickt.“ Immer wieder werde sich etwas verändern. „Wenn sich etwas verändert, wird man das immer gleich in der Ausstellung sehen können.“
130 Partner aus aller Welt
Kulturstaatsministerin Claudia Roth konnte diesem Baustellencharakter zur Eröffnung auch etwas Gutes abgewinnen: „Das kann ja auch etwas Positives sein, wo etwas Neues entsteht, aufgebaut wird, wo auch mal etwas anders gemacht und der Bauplan verändert wird.“ Das Humboldt-Forum werde kein Ort der Selbstbespiegelung sein, sondern ein Ort der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte – „in Kooperation mit denen, die international von unserer Geschichte zu Opfern gemacht worden sind, unter uns gelitten haben“.
Immer wieder betonen die Mitarbeiter des Museum, dass man mit Einheimischen aus den Ländern zusammengearbeitet habe. Von rund 130 angereisten Partnerinnen und Partnern aus aller Welt ist die Rede. Das sei auch wegen der Pandemie und anderer Visa-Restriktionen nicht leicht gewesen. Sie wurden nach Berlin eingeladen, und mit ihnen wurde besprochen, wie mit einzelnen Objekten zu verfahren sei. Dürfen Frauen bestimmte Objekte anschauen? Sind bestimmte Gegenstände im weitesten Sinne „heilig“? Haben bestimmte Objekte heute eine andere Bedeutung als zum Zeitpunkt ihrer Sammlung?
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Die Ausstellung ist bunt, abwechslungsreich und bietet dank der vielen großen Räume den Exponaten Raum, sodass man sie von allen Seiten betrachten kann. Wer möchte, kann sich an Medienterminals intensiv mit einzelnen Objekten auseinandersetzen. Wie schon im vorher offenen Teil der Sammlung sind zwischendurch immer wieder große Lagerschränke aufgebaut, ähnlich einem Lagerraum, die auch die Vielfalt der Sammlung zeigen – wie eben im Fall der großen Anzahl an Pfeilen. Sogar „Fakes“ sind darunter, also Objekte, auf die Sammler in Südamerika einst hereingefallen sind.
Sammlungsdirektor Lars-Christian Koch erzählt von Angehörigen der mexikanischen Botschaft, die von den Fälschungen nicht weniger begeistert waren als von den Originalen. „Die Leute wussten damals schon sehr genau“, sagt er, „was sie kopieren.“ Die Fälschungen sind in der Tat sehr detailreich. Die Objekte sollten die Sammlerleidenschaften der Reisenden befriedigen. Gleichzeitig sollen sie so präsentiert werden, dass jeder sie auch millimetergenau in Augenschein nehmen kann.
Teppiche, Kleidung, Goldschmuck – ganz nah
Auch das fällt auf in der Ausstellung: Die Objekte sind nicht immer hinter Glas ausgelegt, sondern häufig sehr zugänglich in den Raum gestellt. In den häufig abgedunkelten Räumen sind sie eher wie Designerstücke in einem teuren Luxuswarenhaus angestrahlt und ausgelegt. Teppiche, Kleidung, Goldschmuck, Steinskulpturen – das Auge kann sich bis auf wenige Millimeter nähern.
Ein Höhepunkt in dieser Hinsicht ist der Museumsteil mit den Männerhäusern aus Palau. Sie gehörten mit den echten Booten aus Ozeanien zum Besten, was die Sammlung in Dahlem zu bieten hatte. Im Humboldt-Forum bekommen die Häuser einen eigenen Saal. Ein Männerhaus ist aus über 245 Einzelteilen wiederaufgebaut worden, auch dank der Hilfe von Einheimischen. Die Palmenblätter auf dem Dach konnten dabei nicht wiederverwendet werden, weil sie nach fast 50 Jahren in Dahlem vollkommen verstaubt waren.
Insgesamt bleibt es eine Sammlung von Objekten aus der ganzen Welt, die jetzt auf der Museumsinsel zusammengestellt worden ist. Das Konzept stammt aus der Zeit der Kuriositätensammlungen und ist in sich ethnozentrisch: Im Zentrum der Hauptstadt werden in einem Ort Dinge aus aller Welt ausgestellt. Kulturstaatsministerin Claudia Roth äußerte trotzdem die Hoffnung, dass die eurozentristische Perspektive überwunden werden könnte. „Afrikanische Museen, afrikanische Kulturschaffende haben uns immer wieder gesagt“, sagt sie, „wie wichtig es ist, dass wir im Hier und Jetzt ankommen.“ Diese Ausstellung erfülle das. So sollten von Indigenen gestaltete Ausstellungen zu sehen sein, „die es noch nie irgendwo gab“.
Damit meint sie sicherlich vor allem den Raum der Omaha, dort sind mehrere Objekte ausgestellt, die von Ureinwohnern aus dem Nordosten von Nebraska stammen. Die Ausstellung wurde von ihnen zusammengestellt, und sie bleibt bis auf Weiteres auch ohne Beschriftung. Wer wissen möchte, was er sieht, in welchen Ritualen einzelne Gegenstände benutzt werden, könne das anhand der dezent ausgelegten Kataloge erkunden. Der Besucher soll sich anstrengen. Im Raum selbst sind nur die Objekte zu sehen, ohne Label, aber die braucht es im Raum mit den Pfeilen auch nicht. An der Wand steht groß, etwas missverständlich: „We talk, you listen.“ Im Grunde meinen die Ausstellungsmacher: Du sprichst, wir hören zu. Aber das haben doch hoffentlich alle verstanden.
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