87 Prozent der Brandenburger sind mit ihrem Leben zufrieden, 81 Prozent nennen ihre Finanzen gut oder sehr gut – und 54 Prozent sagen, ihr Land entwickle sich in die falsche Richtung.
Wer diese Zahlen isoliert liest, mag sie für einen Widerspruch halten.
Wer sie neben die Monitore aus Erfurt, Magdeburg, Wiesbaden und Stuttgart legt, erkennt ein System.
Potsdam: Die Regierung befragt das Volk
Der „Brandenburg-Monitor“, aus dem diese Zahlen stammen, ist eine Auftragsarbeit der Staatskanzlei in Potsdam. Alle zwei Jahre lässt die Landesregierung vom Umfrageinstitut Forsa erheben, wie es den Menschen geht. In diesem Jahr wurden 1088 Landesbewohner befragt, erstmals auch 14- und 15-Jährige.
Das Ergebnis, diese Woche von Staatskanzleichefin Kathrin Schneider vorgestellt, ist vernichtend, ein Zeugnis des Scheiterns, das sich die Regierung selbst hat ausstellen lassen: Nur 43 Prozent sind mit ihrer Arbeit zufrieden (2024: 46), 51 Prozent nicht.
Der Landesregierung vertrauen 36 Prozent, dem Landtag 35 – die Feuerwehr hingegen kommt auf 98. 76 Prozent halten den Staat für überfordert, 65 Prozent das Land für schlecht auf Krisen vorbereitet. Und fast jeder Zweite (47 Prozent, 2024: 27) erwartet, dass es ihm künftig schlechter gehen wird.
Wenn Kritik zum Wahrnehmungsproblem wird
Darin liegt der eigentliche Widerspruch – nicht in den Zahlen, sondern im Umgang mit ihnen. Eine Regierung, die ihr Scheitern dokumentieren lässt, sollte Respekt für die Transparenz verdienen, meint man.
Doch Schneiders Lesart, die Stimmung koppele sich von den Fakten ab, weil Brandenburg niedrige Arbeitslosigkeit und hohes Wachstum habe, macht aus dem Befund ein Wahrnehmungsproblem der Bürger.
Das verlassene Dorf Haidemühl: SPD-Fraktionschef sieht hier wohl blühende Lanschaften.
© Kai Horstmann/imago
SPD-Fraktionschef Lüttmann erklärt Brandenburg zur „dynamischsten Region Deutschlands“. Während 54 Prozent der Befragten das Land auf dem falschen Weg sehen, sieht der Sozialdemokrat einen „klaren Auftrag“ – zur Fortsetzung des Kurses seiner Partei. Dit wird nicht jut enden, denkt sich der Wähler zu Recht.
Berlin als Schuldadresse
Die Schuldadresse lautet Berlin, Kanzler Merz. Dabei ist der Monitor noch das mildere Urteil: Im Infratest-Ländertrend lag die neue SPD-CDU-Koalition nach 100 Tagen bei 28 Prozent Zufriedenheit.
Was die Regierung übersieht, steht in ihrer eigenen Problemliste. 2024 nannten 24 Prozent Zuwanderung als drängendstes Problem, 2026 noch 13. An die Spitze rückte der Rechtsruck (21 Prozent), gefolgt von Bildung (15), Wirtschaft (13, verdoppelt) und Klima (zwölf, von vormals acht).
Die Problemliste: Migration verschwindet, die Sorge bleibt
Die Sorge um den Arbeitsplatz stieg von neun auf 16 Prozent, die um die Zukunft der Kinder auf 65. 81 Prozent fühlen sich unsicherer als vor fünf Jahren – wegen Kriegsgefahr und Radikalisierung, nicht wegen Kriminalität.
Nur 18 Prozent glauben, dass es gerechter zugehen wird. Das ist keine Entkopplung von der Realität. Das ist eine Bevölkerung, die ihren Wohlstand für geliehen hält und niemanden sieht, der ihn garantiert. Zwei Drittel befürworten Bundeswehr- und Rüstungsansiedlungen: Der Wunsch nach einem handlungsfähigen Staat ist größer als der Glaube an ihn.
Der Osten: dasselbe Muster, andere Zahlen
Isoliert gelesen ist der Brandenburg-Monitor ein Potsdamer Ereignis. Im Verbund wird er zum Normalfall.
Im Thüringen-Monitor 2025 fühlen sich 90 Prozent dem Land verbunden, 90 Prozent befürworten die Demokratie – Rekord in 25 Jahren –, aber nur 44 Prozent sind mit ihrer Praxis zufrieden; der Landesregierung vertrauen 29 Prozent, der Bundesregierung 21.
In Sachsen-Anhalt sind 90 Prozent mit dem Leben im Land zufrieden, 60 Prozent blicken optimistisch auf die eigene Zukunft, aber nur 17 Prozent auf die des Landes; 83 Prozent fürchten, künftig nicht mehr in Frieden zu leben.
Gute eigene Lage, schlechte Aussichten fürs Land
Der Sachsen-Monitor 2023 fand 72 Prozent, die ihre wirtschaftliche Lage gut nannten, aber nur 53 Prozent, die das über Sachsen sagten. Im Mitteldeutschen Revier steigt 2026 die Zufriedenheit mit dem Strukturwandel auf 39 Prozent, während die regionale Lebensqualität von 75 auf 68 Prozent fällt – und wer vor Ort Veränderung sieht, blickt optimistischer nach vorn.
Aufwind im Osten: Brandenburg ist glücklicher als Gesamtdeutschland!
„Deutschland war mein Traum“: Kolumbianischer Ökonom erkennt das Land kaum wieder
Fragen und Skalen sind nicht deckungsgleich, ein Ranking verbietet sich. Aber die Richtung ist identisch: Mir geht es gut, meinem Land geht es schlecht, und die Politik hat damit nichts zu tun – im schlechtesten Sinne. Das wäre die ostdeutsche Geschichte, wenn der Westen nicht dieselbe erzählte.
Der Westen: milder, aber nicht immun
Der Hohenheimer Demokratie-Monitor 2026 misst den Abstand mit identischer Frage: Mit dem Funktionieren der Demokratie im eigenen Bundesland sind 55 Prozent im Westen zufrieden, 37 im Osten. Rechtspopulistische Weltbilder: 21 zu 16 Prozent. Der Unterschied ist real – und er ist einer der Intensität, nicht der Art.
Zukunftstour in Hildesheim: Finanzminister Lars Klingbeil spricht mit Schülern über morgen. Wie die Zukunft bezahlt wird, bleibt offen.
© Thomas Koehler/imago
In Niedersachsen überwiegt erstmals seit 2019 die Unzufriedenheit mit der Demokratie. In Nordrhein-Westfalen gelten 42 Prozent als „fragile Demokraten“; bei den 14- bis 18-Jährigen brach die Demokratiezufriedenheit seit 2023 um 30 Punkte ein.
Was die Menschen trennt – und was nicht
In Bayern sank sie binnen eines Jahres von 76 auf 71 Prozent. Das Saarland beschreibt in seinem ersten Monitor exakt den Brandenburger Befund: gute Gegenwart, düstere Zukunft, Wirtschaft als Kernsorge.
Der Deutschland-Monitor liefert eine Schlüsselerklärung: Bei Lebenszufriedenheit und Veränderungsbereitschaft gibt es kaum Ost-West-Unterschiede. 95 Prozent wollen, dass Leistung über Aufstieg entscheidet; 80 Prozent glauben, dass es tatsächlich Vermögen und Beziehungen tun.
Bei 125.500 Euro Nettovermögen pro Haushalt im Osten gegenüber 257.100 im Westen ist das keine Stimmung, sondern Erfahrung. Was die Menschen trennt, ist nicht die Himmelsrichtung, sondern die Frage, ob der Staat funktioniert.
Der Bund als Brandbeschleuniger
Und hier schließt sich der Kreis. Die Bundesregierung fiel im ARD-Deutschlandtrend von 40 Prozent Zufriedenheit im Juni 2025 auf zehn Prozent im Oktober 2026; nur 31 Prozent der Unionsanhänger und 18 Prozent der SPD-Anhänger stehen noch hinter ihr.
85 Prozent halten Reformen für nötig, 59 Prozent finden die konkreten falsch, 80 Prozent die Lasten ungerecht verteilt. Das Vertrauen in den Staat liegt bundesweit bei 32 Prozent.
Landesregierungen haben Spielraum
Woidke und Schneider haben also recht, wenn sie auf Berlin zeigen. Nur: Wer auf Berlin zeigt, erklärt nicht, warum Hamburg bei 52 Prozent Regierungszufriedenheit liegt, Schleswig-Holstein bei 58, Hessen stabil bei 47 – und Brandenburg bei 28.
Der Hohenheimer Monitor zeigt, dass Landesebene (51 Prozent) und Kommunen (59) stabil bleiben, während der Bund (39) absackt. Landesregierungen haben Spielraum. Einige nutzen ihn.
Die einfache Lösung
Hessen und Baden-Württemberg bieten nicht per se eine Idylle. Aber sie zeigen, was geht. In Hessen befürworten 95,4 Prozent die parlamentarische Demokratie, 64,3 Prozent sind mit ihrer Praxis zufrieden – rechnerisch 20 Punkte über Thüringen, bei aller Vorsicht gegenüber unterschiedlichen Fragen. 85 Prozent fühlen sich ihrer Gemeinde verbunden.
Berlin-Monitor 2025: Wieder geht es um „Haltung zeigen“, politische Strategien sucht man vergeblich
Ost-West-Kluft bei Umfrage zur Demokratie: Im Osten sind 71 Prozent unzufrieden
Die schwarz-rote Landesregierung hielt im Februar 2026 47 Prozent Zustimmung, praktisch unverändert gegenüber Juni 2025, während der Bund abstürzte.
In Baden-Württemberg lag die Demokratiezufriedenheit auf Landesebene 2025 bei 63 Prozent, zehn Punkte über dem Bundeswert; 97 Prozent wünschen sich die „Politik des Gehörtwerdens“ fortgesetzt.
Zuhören statt auf Berlin zeigen
Das Rezept ist unspektakulär: wirtschaftliche Substanz, die Menschen spüren; eine Regierung, die zuhört, bevor sie erklärt; eine Landespolitik, die sich nicht hinter dem Bund versteckt. Mecklenburg-Vorpommern bewies 2026 sogar, dass sich ein Negativtrend drehen lässt – von 42 auf 49 Prozent binnen zweier Monate.
Der Brandenburg-Monitor ist deshalb kein Misstrauensvotum, wie die AfD behauptet, sondern eine Handlungsanweisung. 92 Prozent leben gern in Brandenburg. 65 Prozent sorgen sich um ihre Kinder. 71 Prozent wollen soziale und medizinische Absicherung.
Die Botschaft steht im bestellten Bericht
Die Menschen sagen ihrer Regierung sehr genau, was sie brauchen: Wohlstand, der bleibt, Schulen, die funktionieren, einen Staat, der im Ernstfall da ist.
Das ist keine komplizierte Botschaft.
Sie muss nur jemand lesen wollen, der sie bestellt hat.
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