Es ist eine Personalie, die Berlin seit Monaten umtreibt: Im Januar tritt die 17. Bundesversammlung zusammen, um das höchste Amt im Staat neu zu besetzen.
Frank-Walter Steinmeiers zweite Amtszeit endet mit Ablauf des 18. März 2027 – nach zwei Perioden ist für ihn gemäß Grundgesetz Schluss. Was sich seitdem entfaltet, ist ein Lehrstück über die Kluft zwischen dem, was die Parteizentralen wollen, und dem, was die Bürger tatsächlich denken.
Der Elitendiskurs läuft heiß
In den Parteizentralen von SPD, Grünen und Teilen der Union gilt seit Monaten fast als gesetzt: Nach zwölf männlichen Amtsinhabern müsse nun endlich eine Frau an die Staatsspitze. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte bereits im August 2025, er könne sich eine Frau als nächste Bundespräsidentin sehr gut vorstellen. Von den SPD-Frauen heißt es gegenüber dem Handelsblatt unmissverständlich, eine Frau im höchsten Amt sei „längst überfällig“.
Lieber Herr Gauck, willkommen in der Wirklichkeit
Als aussichtsreichste Kandidatin wird Ilse Aigner (CSU) gehandelt. Die bayerische Landtagspräsidentin wird von Parteichef Markus Söder forciert, der sich bereits im April 2026 für sie aussprach. In der Forsa-Eignungsumfrage vom August 2026 landete sie mit 26 Prozent auf Platz zwei – allerdings mit einem gewaltigen Bekanntheitsdefizit: 36 Prozent der Bundesbürger kennen sie schlicht nicht. Auf Platz 1 in der Umfrage landete übrigens Altbundeskanzlerin Angela Merkel.
Darf nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
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Ebenfalls ins Gespräch gebracht werden die frühere CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (19 Prozent Eignungszuspruch bei Forsa) sowie Hessens Ministerpräsident Boris Rhein, der in Unionskreisen als geräuschloser Kompromisskandidat ventiliert wird. Rheins Problem ist die Sichtbarkeit: Er kommt auf nur 11 Prozent Eignung, 62 Prozent der Deutschen kennen ihn nicht. Immerhin entspricht der 54-Jährige dem Wunsch vieler Bürger nach jüngeren Köpfen.
Das Phänomen Merkel: beliebt, aber unwillig
Alle Namen überstrahlt eine, die gar nicht antreten will: Angela Merkel. Laut Nachrichten Regional, das eine Meta-Analyse aller Umfragen vorgelegt hat, erreicht die Altkanzlerin bei Forsa 47 Prozent Eignungszuspruch – und distanziert damit das gesamte Feld um über zwanzig Prozentpunkte. Das Paradoxe: Gleichzeitig halten sie 48 Prozent für ungeeignet. Kaum eine Figur polarisiert das Land stärker.
Ist beim Mitte-Links-Lager beliebt, schließt bislang aber eine Kandidatur aus: Altkanzlerin Angela Merkel.
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Pikant ist, woher Merkels Rückhalt stammt. Im Mitte-Links-Lager ist die Zuneigung am größten: Bei den Grünen-Anhängern halten sie 75 Prozent für geeignet, bei der Linkspartei 70 Prozent. Dabei gelten ihre damaligen Weichenstellungen in der Migrations-, Energie- und Finanzpolitik heute als höchst umstritten – von der Grenzöffnung 2015 über den Atomausstieg bis zur Euro-Rettungspolitik. Dass knapp die Hälfte der Befragten sie trotzdem im Amt sehen möchte, zeugt von einer tiefen Sehnsucht nach Verlässlichkeit und unaufgeregter Amtsführung.
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Nur: Merkel mag nicht. Sie hat jede Ambition mehrfach zurückgewiesen. Beim WDR-Europaforum formulierte sie pointiert: „Ich war 16 Jahre lang Bundeskanzlerin. Dieses Amt braucht jemand, der mehr Kraft hat.“ Damit bleibt sie demoskopische Messlatte – reale Bewerberin ist sie keine.
Udo Di Fabio und der SPD-Widerstand
Obwohl die Rede von einer Frau war, kursieren in der CDU längst Männernamen. Prominentester: der frühere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio. Der 72-jährige Jurist aus Duisburg signalisierte gegenüber der FAZ klare Bereitschaft: „Wenn diese Republik zu einem Amt ruft, sagt man als Verfassungsrechtler, als Staatsrechtler nicht Nein."
Mit einem erfahrenen Juristen im Schloss Bellevue könnte Kanzler Merz ein Gegengewicht zu einer erstarkenden AfD schaffen. Doch die SPD dürfte nicht mitspielen, da sie auf eine Frau pocht – di Fabio selbst räumte ein, die Politik werde sich vermutlich „anders sortieren“.
Diente von 1999 bis 2011 als Richter am Bundesverfassungsgericht: Udo di Fabio.
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Die Machtarithmetik ist knifflig: In der Bundesversammlung nach den jüngsten Verschiebungen kein Lager über eine eigene Mehrheit. Erfolgreiche Wahlvorschläge erfordern parteiübergreifende Deals.
TV-Persönlichkeiten hängen Politprofis ab
Die eigentliche Überraschung der Umfragen: Prominente aus Kultur und Medien hängen das halbe Kabinett ab. Bei Forsa kommt Günther Jauch auf 25, Hape Kerkeling auf 24 Prozent Eignungszuspruch – beide liegen damit vor Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (20 Prozent), die mit 63 Prozent Nichteignung sogar die höchste Ablehnung aller Kandidaten kassiert.
Kerkelings Zuspruch speist sich dabei weniger aus seiner Comedy-Vergangenheit als aus seinem vielbeachteten Engagement gegen die AfD. Eine Online-Petition auf der Campact-Plattform WeAct will ihn ins Amt bringen; Mitte Oktober zählte sie laut Spiegel rund 156.000 Unterschriften. Der Entertainer selbst bleibt im Ungefähren.
Zur Initiative sagte er dem Spiegel: „Das hat mich gerührt, und ich nehme es so ernst, wie es gemeint ist.“ Und weiter, mit Blick auf die entscheidende Partei: „Ohne die CDU würde es nicht gehen. Und die wird jemanden nach ihrer Vorstellung küren.“
Liebling des Anti-AfD-Lagers in der Bevölkerung: TV-Entertainer Hape Kerkeling.
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Hinter dem Trend steckt mehr als Prominenten-Reflex: 31 Prozent aller Bundesbürger wünschen sich ausdrücklich eine Person von außerhalb des klassischen Politikbetriebs – eine Art „Modell Gauck“. Bei Anhängern der Linken (43 Prozent) und der AfD (40 Prozent) überwiegt dieser Wunsch sogar die Nachfrage nach politischer Routine.
Der blinde Fleck: das Ost-West-Gefälle
Besonders brisant für unsere Leser ist ein Befund, der im Berliner Getümmel gern untergeht. Zwar geben bundesweit 58 Prozent an, die regionale Herkunft des Präsidenten sei ihnen gleichgültig. Doch dahinter verbirgt sich ein deutliches Regionalgefälle: In den ostdeutschen Bundesländern halten es 43 Prozent für wichtig, dass das nächste Staatsoberhaupt aus dem Osten stammt – während im Westen nur 25 Prozent einen Westdeutschen verlangen.
Wahl des Bundespräsidenten: Warum nicht mal keine Frau?
Dass unter den aktuell gehandelten Favoriten kaum ostdeutsche Namen auftauchen, birgt nach Einschätzung von Beobachtern das Risiko neuer Entfremdungsgefühle.
Was auch zählt: jung, zentristisch – und die AfD-Frage
Jenseits von Namen hat die Bevölkerung klare Erwartungen. Laut INSA fordern fast zwei Drittel (63 Prozent) einen Bundespräsidenten unter 60 Jahren – eine Hürde für Merkel (72), Jauch (70) oder Söder (60), aber ein Vorteil für Klöckner (53) oder Rhein (54). Gleichzeitig verlangt eine überwältigende Mehrheit eine Verankerung in der politischen Mitte; nur unter AfD-Anhängern wünscht sich eine relative Mehrheit von 42 Prozent einen dezidiert rechts-konservativen Amtsinhaber.
Möchte angesichts des wachsenden parlamentarischen Einflusses ihrer Partei erneut einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken: AfD-Bundessprecherin Alice Weidel.
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Apropos AfD: Parteichefin Alice Weidel deutete gegenüber dem Tagesspiegel an, erneut einen eigenen Kandidaten aufzustellen – auch wegen der gestiegenen Präsenz in der Bundesversammlung. Parallel fordert die Fraktion per Gesetzentwurf die Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk, was dem Amt laut AfD eine „höhere demokratische Legitimation“ verschaffen würde.
Unterm Strich zeichnen die Umfragen eine erstaunlich pragmatische Wählerschaft. Beim Geschlecht ticken die Bürger völlig anders als Berlin: Für 74 Prozent ist es laut Forsa vollkommen egal, ob eine Frau oder ein Mann folgt – selbst 68 Prozent der Frauen sehen das so. Eine Mehrheit für eine Frau findet sich nur im grünen und linken Milieu.
Entschieden wird am Ende in der Bundesversammlung – als Verhandlungsergebnis zwischen CDU/CSU, SPD und Grünen. Ob am 30. Januar 2027 erstmals eine Frau gewählt wird, ein Jurist vom Schlage di Fabios oder gar ein Überraschungskandidat: Die Messlatte liegt hoch. Die Bürger honorieren Format und Überparteilichkeit – und strafen reine Identitäts- oder Postenpolitik ab.
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