Bundespressekonferenz

Abzug ohne Plan, Mieterschutz ohne Schutz, Kanzler ohne Empathie

Vier Themen, ein Muster: Die Bundesregierung kennt keine Zahlen, keine Härtefälle – und kein selbstkritisches Wort zum Auftritt des Kanzlers beim Bürgerdialog in Salzwedel.

7 Min
Regierungssprecher Stefan Kornelius (Mitte) hat ordentlich zu tun, um die Kommunikationspatzer seines Chefs schön zu reden.

Regierungssprecher Stefan Kornelius (Mitte) hat ordentlich zu tun, um die Kommunikationspatzer seines Chefs schön zu reden.

© IMAGO/M. Popow

Die Regierungspressekonferenz am heutigen Montag zeigte erneut ein bekanntes Muster der Berliner Kommunikation: Auf präzise Nachfragen folgen Verweise auf laufende Verfahren, auf Prüfungen oder auf politische Gesamtzusammenhänge. Besonders deutlich wurde das bei vier Themenkomplexen, die auch durch Fragen der OAZ in den Mittelpunkt rückten: die zurückgezogene Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland, Friedrich Merz’ Auftritt beim Bürgerdialog in Salzwedel, seine Selbstdarstellung im Spiegel-Interview, er nähme für sich in Anspruch, ein Bundeskanzler zu sein, der besonders intensiv auf den Osten schaut sowie die neuen US-Sanktionen gegen Kuba, die auch deutsche Unternehmen treffen.

Abschreckungslücke oder keine Lücke?

Breiten Raum nahm zunächst der Themenblock um das von Washington zurückgezogene Vorhaben US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren und mögliche Veränderungen bei der US-Truppenpräsenz in Deutschland ein. Das Verteidigungsministerium beschrieb dabei eine Drei-Säulen-Strategie: die Modernisierung des Taurus-Systems, die mögliche Beschaffung marktverfügbarer Systeme und die europäische Entwicklung eigener Deep-Strike-Fähigkeiten im Rahmen von ELSA. Die Abkürzung steht für „European Long-Range Strike Approach“, zu Deutsch: Europäischer Ansatz für weitreichende Schläge.

Auf den ersten Blick wirkte das wie eine geordnete Antwort auf den Wegfall der US-amerikanischen Stationierungspläne. Bei näherem Hinhören traten jedoch mehrere Unschärfen zutage. Einerseits war von einer notwendigen Schließung einer „Abschreckungslücke“ die Rede. Andererseits betonte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, in den NATO-Verteidigungsplänen entstehe durch diese Entwicklung keine operative Lücke. Beides zugleich ist erklärungsbedürftig: Wenn keine relevante Lücke entsteht, stellt sich die Frage, warum die Bundesregierung die Notwendigkeit betont, sie mit hoher Geschwindigkeit zu schließen. Wenn umgekehrt tatsächlich eine sicherheitspolitisch relevante Lücke bestände, wirkt die beschwichtigende Darstellung nur begrenzt überzeugend.

Die OAZ-Fragen zur Tomahawk-Stationierung

An diesem Punkt setzte die OAZ mit Fragen an, die weniger auf technische Details als auf die politische Konstruktion der Stationierung zielten. Die Erinnerung daran, dass die Tomahawk-Stationierung unter Olaf Scholz ohne Bundestagsbefassung eingeleitet worden war und die Systeme unter ausschließlicher US-Befehlsgewalt gestanden hätten, berührt einen zentralen Punkt: die Frage nach militärischer Kontrolle und politischer Verantwortlichkeit auf deutschem Boden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Stefan Kornelius reagierte darauf mit der Bemerkung, Stationierungsfragen seien keine Gefühlsfragen, sondern Fragen politischer Vernunft. Das war als Abgrenzung gegen psychologisierende Deutungen gemeint, ließ aber die eigentliche Frage offen, ob die Bundesregierung die neue Lage politisch eher als Problem oder als Entlastung bewertet.

Ähnlich verhielt es sich bei der Nachfrage, ob der Kanzler grundsätzlich kein Problem darin sehe, dass US-Mittelstreckenraketen, die auch atomar bestückt werden können, in Deutschland hätten stationiert werden können, die ohne jede deutsche Kontrolle einsetzbar gewesen wären. Die Antwort von Kornelius verwies darauf, dass von atomarer Bestückung nicht die Rede gewesen sei. Das trifft formal zu, geht aber an der politischen Debatte vorbei. Denn die gesamte Befehls- und Verfügungskette sowie Zielauswahl der Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden hätte ausschließlich unter US-Kommando gestanden und somit auch die Entscheidung, diese atomar zu bestücken.

US-Truppenabzug: viel Spekulation, wenig Kenntnis

Nicht weniger auffällig war der Umgang mit Donald Trumps Aussage, es könnten „viel mehr“ als 5.000 Soldaten aus Deutschland abgezogen werden. Auf die Frage, ob die Bundesregierung eine Vorstellung davon habe, was dieses „viel mehr“ bedeuten könnte, kam keine belastbare Auskunft. Stattdessen wurde auf das enge und intensive Kooperationsverhältnis mit den USA verwiesen.

Auch hier entstand ein Spannungsverhältnis: Einerseits wird die Partnerschaft als eng und verlässlich beschrieben, andererseits konnte die Bundesregierung nicht darlegen, was eine so zentrale Ankündigung des US-Präsidenten konkret für Deutschland bedeuten würde. Ob dies an fehlenden Informationen oder an fehlender Bereitschaft zur öffentlichen Einordnung lag, blieb offen.

Eine Lockheed Martin C-130 Hercules der U.S. Air Force startet von der US-Airbase Ramstein und fliegt vor einer Radarkuppel über bewaldetem Gelände: Die Basis gilt als Dreh- und Angelpunkt von US-Interventionen in Europa, Afrika und in Nahost.

Eine Lockheed Martin C-130 Hercules der U.S. Air Force startet von der US-Airbase Ramstein und fliegt vor einer Radarkuppel über bewaldetem Gelände: Die Basis gilt als Dreh- und Angelpunkt von US-Interventionen in Europa, Afrika und in Nahost.

© Boris Roessler

Merz in Salzwedel: Empathielücke? Bitte beim Sprecher nachreichen

Ein weiterer Schwerpunkt betraf den Auftritt von Friedrich Merz beim Bürgerdialog in Salzwedel. Dort hatte eine schwer an Hautkrebs erkrankte Frau die Frage gestellt, warum beim Gesundheitssystem gespart werde, während bei den Regierungsgehältern Erhöhungen im Raum stünden. Merz entgegnete, eine Erhöhung der Regierungsbezüge habe „zu keinem Zeitpunkt im Raum gestanden“.

Die OAZ fragte nach, wie diese Aussage mit einem Gesetzentwurf von Mitte April 2026 zusammenpasse, der unter anderem eine Erhöhung des Kanzlergehalts um satte 65.000 Euro vorsah. Kornelius versuchte die Einordnung über die juristische Konstruktion: Es habe sich um die Umsetzung eines Verfassungsgerichtsurteils zu Beamtengehältern gehandelt; Minister hätten auf mögliche Erhöhungen verzichtet. Diese Erklärung beschreibt den administrativen Zusammenhang, beseitigt aber nicht die Tatsache, dass eine Diskussion über höhere Regierungsbezüge sehr wohl existierte.

Auch die Nachfrage zum Ton des Kanzlers in Salzwedel und ob dieser plane, sich zu entschuldigen blieb ohne selbstkritische Einordnung. Kornelius wies die Beschreibung einer schroffen Reaktion zurück und verwies auf die schwierige persönliche Lage der Fragestellerin. Damit verlagerte sich die Antwort vom mutmaßlich unangebrachten Verhalten des Kanzlers auf die Situation der Bürgerin.

Merz im Spiegel-Interview: viel Bezug auf den Osten, wenig Konkretes

Ähnlich verlief der Themenblock zum Spiegel-Interview des Kanzlers. Merz hatte dort letzte Woche erklärt, er nehme für sich in Anspruch, ein Kanzler zu sein, der besonders intensiv auf den Osten schaue. Die OAZ fragte nach zwei oder drei konkreten Maßnahmen, an denen sich dieser Anspruch messen lasse.

Die Antwort blieb allgemein: häufige Reisen, Gespräche mit ostdeutschen Ministerpräsidenten, allgemeine Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik. Auf die Nachfrage nach messbaren Kriterien wie Personalentscheidungen, Prioritäten bei Infrastruktur oder stärkerer ostdeutscher Repräsentanz in Führungspositionen folgte keine konkrete Benennung. Stattdessen erklärte Kornelius, der Kanzler verfolge im Osten dieselbe Agenda wie im Westen, und stellte die Trennung zwischen ost- und westdeutschen Anliegen infrage.

Gerade darin lag ein bemerkenswerter Widerspruch: Zunächst wird die besondere Aufmerksamkeit für den Osten als politischer Anspruch formuliert; sobald nach konkreten Belegen gefragt wird, verliert die Unterscheidung plötzlich an Bedeutung.

Neue Kuba-Sanktionen treffen auch deutsche Unternehmen

Besonders zurückhaltend fiel die Reaktion auf die Fragen zu den neuen extraterritorialen US-Sanktionen gegen Kuba aus. Die OAZ fragte, wie die Bundesregierung Maßnahmen bewertet, die auch deutsche oder europäische Unternehmen treffen und ob sie darin einen Eingriff in die europäische Souveränität sehe.

Die Antwort blieb ausweichend. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes verwies lediglich darauf, dass es sich um Maßnahmen der US-Regierung handle. Auch die Nachfrage, ob sich Berlin auf EU-Ebene für die Aktivierung des sogenannten Blocking-Mechanismus zum Schutz europäischer Unternehmen einsetze, wurde nicht inhaltlich beantwortet. Es handle sich um ein EU-Instrument, über interne Debatten werde nicht gesprochen.

Damit vermied die Bundesregierung eine klare politische Position zu einer Frage, die über Kuba hinausweist: Wie reagiert Europa, wenn die USA Sanktionen mit extraterritorialer Wirkung verhängen und dadurch wirtschaftliche Entscheidungen in EU-Mitgliedsstaaten beeinflussen?

Mieterschutz und Mehrbelastung

Auch der Komplex Gebäude-Energie-Gesetz zeigte ein bekanntes Kommunikationsmuster. Auf die Frage, wie eine Regelung, die für manche Mieter zu höheren Belastungen als bisher führt, gleichzeitig als Stärkung des Mieterschutzes dargestellt werden könne, blieb die Antwort im Wesentlichen bei der Formel des Kompromisses. Dass eine pauschale 50:50-Aufteilung in bestimmten Fällen eine Verschlechterung gegenüber der bisherigen CO₂-Stufenregelung bedeutet, wurde nicht inhaltlich aufgegriffen. Die Sprecher hielten dennoch an der Darstellung fest, Mieter würden besser gestellt.

Fazit

Die Bundesregierung wollte bei dieser Regierungspressekonferenz zugleich Entschlossenheit, Kontrolle und politische Klarheit vermitteln. Zurück blieb jedoch vor allem der Eindruck einer Kommunikation, die heikle Punkte eher umkreist, als sie präzise auszuleuchten. Gerade dort, wo es um Souveränität, soziale Belastungen oder den politischen Stil des Kanzlers ging, wurden Widersprüche nicht aufgelöst, sondern in Verfahrenssprache überführt. Die Fragen lagen auf dem Tisch. Die Antworten oft nur daneben.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner