Usedom

„Chef of the Year“ aus Namibia: In Deutschland muss sie als Lehrling anfangen

Sie hat Wettbewerbe in Dubai, Sharjah und Wales bestritten. In Zinnowitz beginnt Elizabeth Isai wieder als Azubi – wegen eines fehlenden Stücks Papier.

8 Min
Fast zwei Jahre wartete Elizabeth Isai. Jetzt arbeitet die international ausgezeichnete Köchin auf Usedom – als Auszubildende.

Fast zwei Jahre wartete Elizabeth Isai. Jetzt arbeitet die international ausgezeichnete Köchin auf Usedom – als Auszubildende.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Elizabeth Isai greift nach einem Baguette, legt Salat darauf, Hähnchen, Soße, schiebt es zur Seite und nimmt das nächste. In der À-la-carte-Küche des Hotel Baltic in Zinnowitz ist das gerade ihre Aufgabe. Seit wenigen Tagen arbeitet die 25-Jährige hier als Auszubildende im ersten Lehrjahr. Sie wirkt nicht unzufrieden damit, eher konzentriert, beinahe vergnügt, während sie sich durch den Stapel an vorbereiteten Utensilien arbeitet.

Eigentlich wollte das Hotel sie 2024 als Köchin einstellen. In dem Jahr wurde Isai in Namibia zum „Chef of the Year“ gewählt. Im Mai 2026 stand die 25-Jährige beim Finale der Global Chefs Challenge in Wales gegen die besten Köchinnen und Köche der Welt am Herd. Fast zwei Jahre hat sie darauf gewartet, in Deutschland überhaupt arbeiten zu dürfen. Jetzt, wo sie hier ist, belegt sie Sandwiches. „Für mich ist das ein Skandal“, sagt Hotelchef Tim Dornbusch, der ihr gegenübersitzt.

Elizabeth Isai: Eine internationale Spitzenköchin

Der Kontakt entstand Ende 2024 beiläufig, über eine Sprachnachricht von Hotelchef Tim Dornbuschs Cousin, der in Namibia lebt, dazu ein paar Fotos und Videos von Isais Arbeit. Dornbusch hat die Nachrichten noch gespeichert. „Und ich habe gesagt: Wir nehmen sie. Wir brauchen sie.“ So einfach, wie es zu Beginn schien, sollte es nicht werden.

Kochen ist für Elizabeth Isai längst Beruf und Leidenschaft. In Deutschland muss die preisgekrönte Köchin trotzdem noch einmal eine Ausbildung beginnen.

Kochen ist für Elizabeth Isai längst Beruf und Leidenschaft. In Deutschland muss die preisgekrönte Köchin trotzdem noch einmal eine Ausbildung beginnen.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

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Dass Elizabeth Isai Köchin werden würde, war für sie selbst früh klar. Ihr Vater arbeitete in Namibia in der Gastronomie. Sie stand als Kind neben ihm in der Küche, schaute zu, half irgendwann mit. „It was something in me“, sagt sie, übersetzt: „Das steckte einfach schon immer in mir drin.“

Später studiert sie Culinary Arts und beginnt, an Wettbewerben teilzunehmen, zunächst als Juniorin, dann bei den Senioren. Sie gewinnt Silber beim African Cup und im Mai 2025 schließlich den Afrika- und Nahost-Ausscheid der Global Chefs Challenge in Sharjah und löst damit das Ticket für das Finale in Wales. Bei solchen Wettbewerben sind Pflichtzutaten vorgegeben, in ihrem Fall ein namibischer Fisch, dazu Schokolade und Orange. Was daraus wird, liegt beim Koch. Darin, sagt sie, liege der Reiz: „Aus einer Vorgabe etwas Eigenes zu bauen.“ Kochen mache sie glücklich und stolz, manchmal sei es auch einfach nur aufregend.

„Sie ist eine richtige Köchin“, sagt Dornbusch, der mit seinem Mops Addi auf einem Ledersessel sitzt. „Dafür sollte sie auch entsprechend bezahlt werden.“ Dann sagt er noch, Isai müsste eigentlich nicht Lehrling sein, sondern in der Prüfungskommission sitzen. Stattdessen beginnt sie jetzt eine dreijährige Ausbildung, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, die, wie er es ausdrückt, „noch lernen müssen, ein Messer zu halten“.

Preisgekrönt, aber bezahlt wie ein Anfänger

Ein Koch verdient in Namibia laut Dornbusch umgerechnet rund 300 Euro im Monat. In Deutschland hätte Isai als reguläre Auszubildende Anspruch auf Azubi-Tarif. Isai bekommt nach Angaben von Dornbusch jedoch mehr als die übliche Ausbildungsvergütung. Hintergrund ist, dass Drittstaatsangehörige für ihr Ausbildungsvisum einen gesicherten Lebensunterhalt nachweisen müssen. Der liegt zwar höher als ein normales Azubi-Gehalt, aber weit entfernt von dem, was eine international ausgezeichnete Köchin anderswo verdienen würde.

„Es fühlt sich sehr ungerecht an“, sagt Isai. Sie habe Qualifikationen und Erfahrung, habe in verschiedenen Hotels und Restaurants gearbeitet und jahrelang an Wettbewerben teilgenommen. Dem deutschen Staat hat das nicht gereicht. Er will die preisgekrönte Köchin nicht anerkennen.

Deutschland will Fachkräfte – und lässt Isai warten

Dabei hat Deutschland erst im November 2023 schrittweise sein Fachkräfteeinwanderungsrecht reformiert. Paragraf 81a Aufenthaltsgesetz – das sogenannte „beschleunigte Fachkräfteverfahren“ – erlaubt Arbeitgebern, gemeinsam mit der Ausländerbehörde für eine konkrete Person ein Verfahren anzustoßen, das Anerkennungswege verkürzen und den Weg zum Visum beschleunigen soll.

Am 18. November 2024 wandte sich das Hotel Baltic an die zuständige Behörde in Anklam. Im Dezember wurden Unterlagen für eine Anerkennungspartnerschaft nach Paragraf 16d Aufenthaltsgesetz zusammengesucht, im Januar 2025 die Anträge eingereicht. Anfang Februar lag eine Vorabzustimmung zur Beschäftigung vor. Im Frühjahr folgten Arbeitsvertrag, Formulare, Botschaftsdokumente, eine vorsorglich abgeschlossene Krankenversicherung.

Hotelchef Tim Dornbusch nennt Isais Fall einen „Skandal“ – fast zwei Jahre setzte er sich dafür ein, die namibische Spitzenköchin nach Usedom zu holen.

Hotelchef Tim Dornbusch nennt Isais Fall einen „Skandal“ – fast zwei Jahre setzte er sich dafür ein, die namibische Spitzenköchin nach Usedom zu holen.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Am 13. Mai lud Isai Unterlagen bei der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen hoch und zahlte eine Gebühr. Im Juli war die Sache laut Hoteldokumentation weiterhin in Bearbeitung. Am 24. November 2025, fast genau ein Jahr nach der ersten Anfrage, kam dann die Ablehnung durch die IHK Fosa, das ist die zentrale Anerkennungsstelle der deutschen Industrie- und Handelskammern für ausländische Berufsabschlüsse. In der Chronologie des Hotels zu dem Fall ist das Datum unterstrichen.

Elizabeth Isai war währenddessen in Namibia. Sie arbeitete weiter, nahm andere Jobs an, trat bei Wettbewerben an – und wartete. Auf die Frage, wie oft sie daran gedacht habe, den Traum, in Deutschland zu arbeiten, einfach hinzuschmeißen, antwortet sie, ohne lange zu überlegen: „Sehr oft.“ Ihre Großmutter väterlicherseits war Deutsche. Sie starb, als Isai etwa 15 Jahre alt war. Der Wunsch, selbst einmal nach Deutschland zu kommen, hatte sich in der Enkeltochter festgesetzt. Nun gab es sogar einen Arbeitgeber, der auf sie wartete. Das gab ihr Hoffnung, sagt sie.

Der Lebenslauf passt nicht ins deutsche Raster

Begründet wurde die Ablehnung von der IHK Fosa damit, dass Isais „Basic Skills Certificate Course“ keinen abgeschlossenen Berufsabschluss im Sinne des Berufsqualifikationsfeststellungsgesetzes belege. Das ist ein langes Wort, kurz: Einzelne belegte Kurse sind nicht dasselbe wie eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dabei ist der Beruf Koch in Deutschland gar nicht reglementiert. Ein Koch braucht, anders als etwa ein Arzt, keine staatliche Zulassung, um in einer Küche zu arbeiten.

Für Menschen aus Nicht-EU-Staaten zählt aber das Aufenthaltsrecht, und dort verlangt Paragraf 16d Absatz 3 eine im Herkunftsland staatlich anerkannte Berufsqualifikation mit mindestens zweijähriger Ausbildungsdauer. Wettbewerbskarriere, Titel, das Finale in Wales – all das war für dieses Verfahren irrelevant. Nicht Isais Kochpraxis war das Problem, nicht ihre Ergebnisse, nicht der Wille eines Arbeitgebers, sie einzustellen. Das Problem war ein Dokument, das eine bestimmte Form von Ausbildung bescheinigt, unabhängig davon, was jemand tatsächlich kann.

Elizabeth Isai in der Küche des Baltic Hotels in Zinnowitz. Für die 25-Jährige ist es der erste Job in Deutschland.

Elizabeth Isai in der Küche des Baltic Hotels in Zinnowitz. Für die 25-Jährige ist es der erste Job in Deutschland.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Ende Dezember 2025 suchte das Hotel noch einmal bei der IHK Neubrandenburg nach einem Ausweg. Das Ergebnis: entweder eine nachgewiesene, abgeschlossene zweijährige Kochausbildung oder eine Ausbildung in Deutschland. „Es gibt keine andere Möglichkeit“, sagt Dornbusch. Er machte Isai das Angebot für eine dreijährige Ausbildung zur Köchin. Sie nahm an. Warum? Sie zuckt mit den Schultern: „Weil ich nach Deutschland wollte. Weil ich kochen will.“ Nach mehr als einem Jahr Warten sei es für sie keine Option mehr gewesen, aufzugeben.

Warum das Baltic Nachwuchs im Ausland sucht

Dornbusch würde sie lieber ihrem Können entsprechend einsetzen und bezahlen. „Wegen der aufenthaltsrechtlichen Vorgaben erhält sie ohnehin mehr als eine gewöhnliche Ausbildungsvergütung“, sagt er. Auf den Vorwurf, Unternehmen holten Menschen aus Afrika oder Asien, weil sie ihnen weniger zahlen könnten, reagiert er gereizt.

„Rund 20 Menschen aus Vietnam arbeiten bereits im Haus, keiner davon zu einem günstigeren Satz als die deutschen Mitarbeiter, im Gegenteil“, sagt er. Hintergrund ist, dass Drittstaatsangehörige für ihr Ausbildungsvisum einen gesicherten Lebensunterhalt nachweisen müssen. „Es ist eine Bullshit-Story, dass wir günstig die Ausländer holen“, sagt er.

Es werde immer schwerer, junge Menschen aus der Region für die Hotellerie zu gewinnen. Früher habe sein Hotel 30 oder 40 deutsche Auszubildende gehabt. „Wenn uns die jungen Leute aus der Region die Türen einrennen würden, nehmen wir die natürlich.“ Tun sie aber nicht.

Hotelchef: „Wem schadet es, wenn sie hier kocht?“

Und genau deshalb ärgert ihn Isais Fall so. „Deutschland sucht Fachkräfte, die Hotellerie sucht Personal, auf Usedom fehlen junge Leute: Und dann gibt es eine 25-Jährige aus Namibia, die unbedingt kommen will, internationale Erfahrung mitbringt und einen Arbeitsplatz sicher hat“, sagt er. Trotzdem braucht es fast zwei Jahre, bis sie tatsächlich in der Küche steht. Nicht als Fachkraft, sondern als Auszubildende.

„Wem schadet es?“, fragt Dornbusch. „Wem in diesem Land schadet es, wenn ein qualifizierter Mensch nach Deutschland kommt und kocht?“ Er habe sie schließlich nicht auf gut Glück einreisen lassen wollen, sondern mit Arbeitsvertrag. „Ich will sie. Ich brauche sie. Sie ist top.“

Seit vier Tagen ist Isai an diesem Tag in Deutschland. Bald wird sie zur Berufsschule fahren. Dort hat sie dann Blockunterricht, dann arbeitet sie wieder in der Küche im Hotel, später hat sie wieder Schule. Viel von Usedom hat sie noch nicht gesehen, bis zum Strand sind es von ihrem Arbeitsplatz nur wenige Meter. Das gefällt ihr.

Was sie in diesen ersten Tagen am meisten beschäftigt: dass sie es überhaupt geschafft hat, nicht aufzugeben. „Da ist diese Erleichterung, endlich in dem Kapitel angekommen zu sein, auf das ich so lange gewartet habe“, sagt sie auf Englisch. Am Herd sei alles egal. Da zähle nur, was auf dem Teller landet.

Elizabeth Isai will hier in Deutschland, auf Usedom, im Baltic bleiben. Sie will kochen. Das tun, wofür sie ausgezeichnet wurde, auch wenn es bedeutet, dass sie durch eine Ausbildung muss. Als im Gespräch das Wort „ehrgeizig“ fällt, versteht sie es zunächst nicht. „Ambitious“, übersetzt es Dornbusch. Isai nickt und lächelt. Ja, das passe wohl zu ihr.

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