Handelsstreit

EU will Abhängigkeit von China verringern – Europas Unternehmen machen das Gegenteil

Brüssel fordert seit Jahren mehr Abstand zu China. Doch viele europäische Unternehmen bauen ihre Lieferketten dort weiter aus – aus einem einfachen Grund: Sie sehen kaum eine wirtschaftliche Alternative.

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BMW produziert den elektrischen Mini gemeinsam mit einem chinesischen Partner.

BMW produziert den elektrischen Mini gemeinsam mit einem chinesischen Partner.

© Jacob King/dpa

Die Europäische Union wirbt seit Jahren für sogenanntes „De-Risking“ – also dafür, wirtschaftliche Abhängigkeiten von China zu verringern, ohne die Beziehungen vollständig abzubrechen. Doch ausgerechnet viele europäische Unternehmen schlagen inzwischen den entgegengesetzten Weg ein. Nach Einschätzung der Europäischen Handelskammer in China werden ihre Lieferketten immer stärker mit China verflochten.

„Europa wird nicht weniger, sondern stärker von China abhängig“, sagte Jens Eskelund, Präsident der EU-Handelskammer in China, der South China Morning Post. China sei für viele europäische Unternehmen längst nicht mehr nur ein Absatzmarkt. Das Land sei zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihrer weltweiten Lieferketten geworden.

China-Lieferketten: Europas Firmen folgen dem Wettbewerbsdruck

Der Grund liegt nach Einschätzung der Handelskammer vor allem im Wettbewerbsdruck. Europäische Unternehmen müssten immer häufiger auf chinesische Zulieferer, Produktionsstandorte und Innovationszentren zurückgreifen, um preislich und technologisch konkurrenzfähig zu bleiben.

Bereits im April warnte Eskelund, Europa werde trotz aller politischen Debatten nicht unabhängiger von China. In einer Umfrage der Handelskammer gaben 26 Prozent der befragten Unternehmen an, ihre Lieferketten weiter nach China verlagern zu wollen – etwa doppelt so viele wie jene Firmen, die ihre Produktion aus China abziehen oder auf andere Länder verteilen möchten. Viele Unternehmen sähen diesen Schritt nicht als Wunsch, sondern als wirtschaftliche Notwendigkeit.

China wird zum Produktions- und Innovationszentrum

Auch die jüngste Geschäftsklimaumfrage der EU-Handelskammer zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung. Zwar berichten viele Unternehmen weiterhin von schwierigen Marktbedingungen in China. Gleichzeitig verbessert sich die Stimmung erstmals seit Jahren leicht. Eskelund erklärte dazu, China entwickle sich für zahlreiche europäische Firmen zunehmend zu einem wichtigen Standort für Innovation und hochwertige Produktion – nicht mehr nur für den Verkauf von Produkten.

EU-Kommission verfolgt einen anderen Kurs

Die Entwicklung steht im Widerspruch zur Strategie der EU-Kommission. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wirbt seit Jahren dafür, Risiken durch eine stärkere Diversifizierung von Lieferketten zu begrenzen. Erst vor wenigen Tagen stellte Brüssel neue Pläne vor, die Unternehmen in sensiblen Bereichen zu breiter aufgestellten Lieferketten verpflichten sollen. Zugleich will die EU mit dem geplanten Industrial Accelerator Act öffentliche Aufträge und Investitionen stärker an europäische Wertschöpfung binden, um die Abhängigkeit von China in strategischen Branchen zu verringern. Hintergrund sind unter anderem Chinas Exportbeschränkungen für seltene Erden und andere kritische Rohstoffe.

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Auch EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič drängt auf Fortschritte in den Handelsgesprächen mit Peking. Die EU sieht das wachsende Handelsdefizit mit China als nicht mehr tragfähig an. Im Jahr 2025 lag der chinesische Handelsüberschuss gegenüber der Europäischen Union bei 360,6 Milliarden Euro – rund 15 Prozent mehr als im Vorjahr. In den ersten Monaten des Jahres 2026 stieg er weiter.

Halbleiter zeigen Europas Dilemma

Wie groß die Abhängigkeit inzwischen ist, zeigt auch eine neue Studie des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien (EUISS) und des französischen Thinktanks Institut Montaigne. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Europas Halbleiterindustrie gleichzeitig von chinesischen Rohstoffen und amerikanischer Technologie abhängig ist. Chinesische Exportkontrollen für kritische Mineralien und Magnete sowie mögliche Lieferunterbrechungen im Fall einer Eskalation um Taiwan gehörten inzwischen zu den größten Risiken für Europas Industrie.

Zwischen geopolitischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität

Für viele Unternehmen ist China deshalb längst mehr als ein Absatzmarkt. Das Land bietet eingespielte Lieferketten, niedrige Produktionskosten, spezialisierte Zulieferer und ein dichtes industrielles Netzwerk. Gerade Maschinenbauer, Chemieunternehmen sowie Hersteller von Medizin- und Industrieprodukten sehen darin einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Damit wächst jedoch ein Widerspruch, der die europäische Wirtschaftspolitik zunehmend prägt: Während die EU strategische Abhängigkeiten abbauen möchte, vertiefen viele Unternehmen ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu China – nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil sie darin derzeit die besten Chancen sehen, im globalen Wettbewerb zu bestehen.

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