Dagmar Manzel spielt, singt, liest und inszeniert. Sie hat sich die Freiheit mit ihrem vielgleisigen beruflichen Einsatz verdient und genießt ihr Leben und ihre Arbeit jenseits der medienbetrieblichen Eitelkeiten. Woher diese einnehmende und beispielgebende Gelassenheit kommt, was Gewohnheit mit Liebe zu tun hat und warum sie die ewige Ost-West-Sortierung für die falsche Unterscheidung hält, darum geht es in unserem Gespräch. Wir haben es aus Anlass ihres neuen Films „Alte Liebe“ von Andreas Dresen geführt. Darin spielt sie an der Seite von Joachim Król eine Frau, die mit über sechzig Jahren noch lange nicht genug hat.
Frau Manzel, wir wollen über den Film „Alte Liebe“ sprechen. Bei so einem Titel ist ein charmanter Gesprächseinstieg nicht so leicht.
Wieso? Liebe ist doch wichtig, ob jung oder alt, ist doch wurscht.
Es geht um den Alltag von zwei miteinander verheirateten Menschen in ihren Sechzigern. Er kümmert sich um den Garten, sie kann von ihrer Arbeit in der Bibliothek nicht lassen und fürchtet sich vor dem Absprung in den Ruhestand. Das klingt erst einmal recht alltäglich. Womit hat das Drehbuch, hat der Stoff Sie gekriegt?
Ich habe zuerst den zugrunde liegenden Roman gelesen von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder und war, im besten Sinne, sehr gut unterhalten über diese bissig-ironischen und selbstkritischen Dialoge. Das Drehbuch hebt sich davon in vielen Dingen noch einmal ab, aber ja: Gezeigt wird eine vierzigjährige Beziehung, mit all ihren Verwüstungen, vergrabenen Träumen und Notwendigkeiten des Zusammenlebens.
Die Schauspielerin
„Alte Liebe“ feiert am 30. September Premiere im Kino International, regulärer Filmstart ist am 8. Oktober.
Und das eigentliche Drama dreht sich um die Rettung dieser Liebe?
Ja, was könnte wichtiger sein? Dass die beiden das schaffen, oder schaffen könnten, trotz Eifersucht und Vorwürfen, auch wenn sie einander mit ihren beiden Lebenswürfen fürs Alter zwischendurch völlig fremd gegenübersitzen. Harry mahlt Kaffee, hört dem Rotkehlchen zu, schneidet den Rittersporn zurück und öffnet im Affekt mitten am Tag ein Bierchen. Lore sieht ihren Mann an, erblickt ein Loch und eine Leere, gerät in Panik und denkt: Das kann es nicht gewesen sein, ich brauche Anregung, ich verblöde zu Hause, wenn ich aufhöre zu arbeiten. Der Film erzählt, wie sie es schaffen, einander dennoch zu begegnen oder einander zu erkennen, im besten Sinne.
Dagmar Manzel über Dresen und Stieler
Was haben Andreas Dresen und Laila Stieler an dem Roman geändert?
Sie haben vor allem komprimiert. Viele Nebenstränge sind weggefallen. Sie haben ein Kammerspiel daraus gemacht. Das hat mich gereizt, ich liebe es, so zu arbeiten und mit diesen Leuten: Die Kamera macht keine Verrenkungen, sie dringt nicht ein, sondern beobachtet. Andreas lässt uns die Szenen durchspielen, er gibt uns Freiraum zum Improvisieren.
Bei Freiräumen denke ich an eine bestimmte Szene: eine lange Einstellung, in der Lore ihre demente Mutter anblickt und auf einmal in Tränen ausbricht. Können Sie beschreiben, was da beim Spielen passiert ist?
Das ist eine Szene, die gar nicht im Buch stand. Liane Düsterhöft spielt meine Mutter, sie ist eine zauberhafte Kollegin, ein feiner Mensch, wir haben uns sofort ins Herz geschlossen. In der Szene dusche ich sie, wir setzen uns hin und sie blickt mich an – ich habe gar nichts gesagt, und Andreas ließ die Kamera laufen. Und so entstand dieser berührende Moment. In der letzten Zeit habe ich häufiger mit dementen Menschen zu tun – eine meiner liebsten Kolleginnen kämpft damit; ich habe sie letztens besucht, und sie hat mich nicht erkannt. Und dann beim Drehen entstand dieser Moment, in dem ich dachte: Das zerreißt dich, wenn ein Mensch, dem du alles anvertraust, den du liebst, der dich aber nicht mehr kennt – wenn der dir auf einmal mit seinem Blick begegnet, und du hast das Gefühl, der erkennt dich auf einmal doch und der versteht alles.
Warum „Alte Liebe“ im Osten spielt
Andreas Dresen und Frau Stieler haben nicht nur gekürzt und konzentriert, sondern auch die Handlung in den Osten verlegt. Was ist da mit den Figuren passiert?
Der Roman handelt von zwei Alt-68ern, die sich an der jetzigen Situation in der Bundesrepublik abarbeiten, mit ihren Idealen, ihrem eher linken Ansatz, und irgendwie geht alles ein bisschen über den Jordan. So wie Andreas und Laila arbeiten, war klar, dass sie, wenn sie dieses Buch adaptieren, auf ihre Erfahrungswelt zurückgreifen. Da ist es nur folgerichtig, dass die beiden Figuren aus dem Osten kommen und etwas jünger sind. So kommt mir Lore näher, so habe ich einen direkten Zugang, weil ich selbst aus der DDR komme und diese Zeit und die Wendezeit erlebt habe.
Es gibt auch ein paar schöne konkrete Bezugspunkte. Aus Martin Walser und Daniel Kehlmann, die im Roman vorkommen, wurden im Drehbuch Christoph Hein und Clemens Meyer.
Dresen hat von beiden Romane verfilmt: „Willenbrock“ und „Als wir träumten“. Sie haben beide zugesagt mitzumachen, was ich wunderbar fand – es sind wunderbare und lustige Auftritte.
Dagmar Manzel und Joachim Król in „Alte Liebe“
© Frédéric Batier/Kordes Film/Pandora Film
Warum hat man nicht gleich einen Stoff aus dem Osten genommen, statt einen Westroman abzuwandeln?
Warum nicht? Alle Romane werden bei der Verfilmung abgewandelt und dabei, wenn es gut geht, um ein paar Perspektiven bereichert. Eine vierzigjährige Beziehung im Osten oder im Westen, im Norden oder Süden, hat eine über Himmelsrichtungen hinweg verallgemeinerbare Dramatik. Sie ist anders verortet, es spielen andere politische Grundfeste hinein, die man als junger Mensch kennengelernt oder gelebt hat. Aber am Ende sind das Varianten des Verstehens oder Nichtverstehens, der Akzeptanz oder der Eifersucht oder der Ignoranz. So etwas hat man überall, wo Menschen eine Ehe führen. Und der Humor von Elke Heidenreich ist sehr bissig, sehr ironisch, manchmal sehr selbstkritisch – das deckt sich mit unserem Berliner Humor. Es kam gut zusammen, war organisch und nicht angeschafft.
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Es ist also keine DDR- oder Ostgeschichte geworden?
Eben nicht. Diese Grenzziehung zwischen Ost und West nervt mich ohnehin, ich finde die zwischen Arm und Reich viel relevanter. Ich lebe inzwischen viel länger in der Bundesrepublik als in der ehemaligen DDR, werde aber immer wieder darauf zurückgeworfen. Ich will meine Vorwendegeschichte nicht verleugnen, aber auch nicht darauf reduziert werden. Ich bin keine Ostschauspielerin, und Iris Berben ist keine Westschauspielerin – wir sind Schauspielerinnen. Und unser Film ist kein Ostfilm, sondern ein Film, der von der Beziehung eines seit vierzig Jahren verheirateten Ehepaars spricht. Die beiden dürfen hier eben mal aus dem Osten sein.
Wie Andreas Dresen seine Figuren führt
Dresens Kriterium für seine Filme und seine Schauspieler ist „soziale Konkretheit“. Wie übersetzen Sie das für sich, woher nimmt man die?
Er sagt nicht: Spiel das mal sozial konkreter. Ich glaube, es geht ihm um die Figuren: Wie sind die ausgemalt, welche Haltung zum Leben haben sie und wie bringen sie die in den Dialogen zum Ausdruck? Ich glaube, es interessiert ihn nicht, zynische, verbitterte Charaktere zu zeigen, sondern er will sehen, wie Leute miteinander ringen. Das ist ein sozialer Aspekt: dass man Anteil am anderen nimmt, dass der Egoismus aufbricht, dass der andere in den Blick kommt.
Dagmar Manzel: „Wenn ich die Gene meiner Mutter habe, bleiben mir noch dreißig Jahre.“
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Da bekommt der Ehealltag eine gesellschaftspolitische Dimension.
Ja klar, aber es wäre schlimm, wenn wir die Geschichte zu einer Parabel mit moralischer Botschaft reduziert hätten – sie steckt da irgendwo mit drin. Man muss nur in die heutige Zeit gucken, diese Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu reden. Statt Sprachkultur und statt Zuhören: Beleidigung, Demütigung, Vorwurf, Anklage. Ein Gespräch findet aber erst statt, wenn man zwischendurch die Ohren aufmacht und das Hirn einschaltet. Ich glaube, dass die beiden in diesem Film das irgendwann begreifen – auch wenn sie lange wenig Lust haben, miteinander zu reden, weil sie denken, dass sie sowieso eine andere Meinung haben. Diese sofortige Abgrenzung zieht so runter, pumpt uns so voll mit negativer Energie, und es führt zu nichts.
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Dagmar Manzel über das Älterwerden
Sie haben mal erzählt, dass Sie als junge Frau ein Praktikum bei der Wohnungsbaugesellschaft in Friedrichshagen gemacht haben. Vor dem Fenster war der Friedhof mit Verwandten von Ihnen. Kurz ist der Weg vom Büro ins Grab, dachten Sie – und bewarben sich an der Schauspielschule. Mit den bekannten Folgen. Dieses „Das kann es noch nicht gewesen sein“, das sie vor fünfzig Jahren aufgescheucht hat und an dem auch Lore zu knabbern hat – erwischt Sie das auch heute?
Ja, klar, wenn man sich wie Lore, oder wie ich, im letzten Drittel des Lebens befindet, hat man noch viel vor sich. Wenn ich die Gene meiner Mutter habe, bleiben mir noch dreißig Jahre. Die ist 95 und immer noch topfit, immer aktiv, immer interessiert, auch politisch, belesen. Anders als Lore gehe ich nicht in Rente, aber ich verstehe, dass es sie davor gruselt. Alle meine Freunde, die jetzt Rentner sind, beschreiben diesen Moment. Und wenn man sie dann ein, zwei Jahre später fragt, haben sie keine Zeit mehr, die sind voll mit Aktivität, Reisen, Kultur, Enkelkindern.
Klar, haben die keine Zeit, die wird ja immer knapper.
Die Endlichkeit des Lebens wird spürbarer, weil um einen herum Abschiede stattfinden, unheilbare Krankheiten auftreten, weil der Verfall des Körpers beginnt – damit muss man sich auseinandersetzen. Entweder man lässt sich davon runterziehen – oder man fängt an, etwas aus dem zu machen, was man hat. Manchem wird erst dann bewusst, wie schön dieses Leben ist.
„Ich muss niemandem mehr was beweisen“
Es ist auch eine Frage des Erwartungsmanagements.
Erwartungen sollte man als Schauspielerin jenseits der 35 ohnehin gut dosieren. Und das ist schon ein Weilchen her. Ich hätte nicht mehr damit gerechnet, dass ich noch zwei große Kinorollen bekomme. Umso mehr fühle ich mich beschenkt! Ich war schon mit „Der verlorene Mann“ total glücklich. Es war so berührend, so schön, mit den Kollegen Harald Krassnitzer und August Zirner zu arbeiten. Und dann kommt Dresen, und ich dachte: Wow.
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Sie sind breit aufgestellt, spielen Theater, treten in Musiktheaterproduktionen auf, führen Regie, singen Konzerte, lesen, sind in Serien besetzt … Das unterscheidet Sie von Lore, die beruflich auf keine Gegenliebe mehr stößt.
Ich muss ein bisschen aufpassen, dass ich mir Inseln verschaffe – das ist eine Aufgabe, die ich nicht so richtig bewältigt habe, gebe ich zu. Meine Freunde sagen: Dagmar, du hast schon vor zwanzig Jahren gesagt, dass du kürzertreten willst. Aber es hält mich natürlich auch am Leben, und es macht mich nicht dümmer. Immer wenn ich mir eine Auszeit nehmen will, kommen neue Projekte um die Ecke, und ich denke: Wie schön ist das. Und alles freiwillig! Ich kriege eine gute Rente, ich habe hart gearbeitet, ich muss nichts machen, ich muss auch niemandem mehr was beweisen. Ich muss auf keinen roten Teppich oder mich wichtigmachen in irgendwelchen Talkshows. Dann geh ich lieber zu Union ins Stadion. Ich hatte ein erfülltes Leben und habe ein erfülltes Leben und freue mich auf ein erfülltes Leben.
Mit dem Ende des Films bin ich nicht einverstanden, Frau Manzel.
Mit dem Ende ist man allgemein selten einverstanden.
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