Eines Tages wird der Beginn des Romans „Magisch“ in die Sammlung der besten ersten Sätze eingehen. „Tote Pferde kriegt man kaum noch los.“ Ein gewisser Ekel steckt darin und auch ein Wandel von Verhältnissen.
Das ist der trockene Ton von Annika Büsing, der schon in ihren drei ersten Romanen verfing. Sie macht vieles gern eine Nummer kleiner, als es in Wirklichkeit ist, hebt es durch genau diese Irritation heraus.
Neue Regeln für die Bauern
Aber was ist mit den Pferden? Auf dem Land, wo Marie, die Erzählerin, mit Mitte dreißig wieder bei den Eltern wohnt, gelten neuerdings Regeln, die nicht allen Bauern gefallen. Marie kennt den, der aus der Not ein Geschäft macht. Paul Magisch heißt er, wird meistens bei seinem schönen Nachnamen genannt, war zum Studium fortgegangen, hat aber gar nicht studiert. Nun wohnt er auch wieder im Dorf, entsorgt die toten Tiere im Umkreis. Legal ist das nicht. Er war Maries Freund. Im Roman enthüllt sich langsam, warum es mit den beiden nichts geworden ist, warum er zurückgekommen ist. „Er hat sich verändert, das ist kein Wunder, wir haben uns alle verändert, aber wir sind auch sagenhaft gleich geblieben.“
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Marie warnt Magisch vor ihrem Bruder. Schließlich ist auch die Mutter „die links-grün versiffte Feindin ihres eigenen Sohnes, obwohl sie noch nie in ihrem Leben die Grünen gewählt hat“. Und wie ordnet sie den Bruder ein? „Andi würde von sich selbst nie sagen, dass er ein Nazi ist. Er würde sagen: Ich sag nur, wie es ist.“ Sie belässt es nicht dabei, sie erzählt an Beispielen, wie man mit einem Bruder lebt, der nach der Strategie seiner „unaussprechlichen Partei“ allen Angst einreden will. „Das ist eine starke Droge, diese Angst. Angst vor Krieg, Angst vor hohen Strompreisen, Angst vor bärtigen Männern ...“
Der Nazi im Westen
Man hat sich als Leserin, als Leser ein bisschen daran gewöhnt, dass nicht nur Fernsehberichte, sondern auch Romane, in denen Männer mit rechtsdrehenden Sprüchen auf dem Land auftauchen, im Osten spielen. „Magisch“ aber ist im Westen, am Rand des Ruhrgebiets angesiedelt, in der Nähe der anderen Bücher von Annika Büsing, Jahrgang 1981, die in Bochum lebt. Ortsnamen wolle sie nicht nennen, versichert die Erzählerin, aber an einem kann man es doch festmachen.
Und noch etwas ist ungewöhnlich: Hier treffen nicht nur der Linke (Magisch) und der Nazi (Andi) in Feindschaft aufeinander, sondern mehrmals neu überlegt Marie, was ihren Bruder auf diese Schiene gebracht habe. Die Autorin nutzt Mittel der Literatur wie Rückblende, Dialog und Gedankenstrom, um die Brandmauer in der Familie ihrer Heldin zu überprüfen. Denn dieses Wort, das derzeit jeden Tag in den Zeitungen steht, hat es auch ins Buch geschafft: „Das ist die Frage, die sich immer stellt: Brandmauer oder Kooperation, den Feind in die Pflicht nehmen oder sich ihm verweigern.“
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Wenn es nicht die neu aufflammende Liebesgeschichte von Magisch und Marie ist, wenn es auch nicht die sorgfältig gestalteten Episoden rund um Tiere sind – von den Großkadavern über eine stinkende Ratte, von einer Kampfkatze bis zu den Hunden vielbeschäftigter Menschen in einer Art Freizeiteinrichtung –, dann ist unbedingt dies ein Grund, den Roman zu lesen: Büsing nimmt die Verhärtungen in der Familie ernst.
Leider liegt genau dort auch die Schwäche des Romans. Die Autorin mit dem trockenen Ton, mit dem rauen Witz in schnellen Dialogen, mit der so schön runtergekühlten Angriffslust, kann es sich nicht verkneifen, uns Lesern auch ein bisschen Hoffnung zu geben. Es kommt zu einer Konfrontation an einer Flüchtlingsunterkunft, aber nicht zur Eskalation, was durchaus zu begrüßen ist, aber offenbar schwierig differenziert zu erzählen. Ein verzeihlicher Makel bei all der Magie, die in dem Text steckt.
Annika Büsing hat mit Magisch und Marie zwei Figuren erfunden, die einen angenehm aufregenden Roman mit geglückter Liebe und mit den gravierenden politischen Problemen unserer Zeit tragen.
Annika Büsing: Magisch. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2026. 288 Seiten, 24 Euro
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