Gewonnen hat die Berliner Linke noch gar nichts. Doch an diesem Freitagnachmittag vor dem Roten Rathaus scheint das fast vergessen. Zwei Tage vor der Abgeordnetenhauswahl feiert die Partei ihren Wahlkampfabschluss – mit der Siegesgewissheit einer Partei, die sich bereits am Ziel wähnt.
Spitzenkandidatin Elif Eralp wird umringt und fotografiert, Parteifreunde feiern sie. Auch im Umgang mit Journalisten gibt sich die Partei inzwischen routinierter, selbstverständlicher – und bisweilen auffallend selektiv und distanziert. Fast könnte man meinen, die bloße Aussicht auf den Wahlsieg sei ihr bereits ein wenig zu Kopf gestiegen.
Früherer Linken-Fraktionschef Gregor Gysi und Linken-Chefin Ines Schwerdtner unterstützen ihre Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp.
© ODD ANDERSEN/AFP
Dabei ist der Wahlsieg bislang nicht mehr als eine Aussicht in den Umfragen. Im jüngsten ZDF-Politbarometer kommt die Linke auf 22 Prozent, die CDU auf 20 und die AfD auf 18 Prozent. Ihr Vorsprung vor der CDU liegt innerhalb der statistischen Fehlertoleranz – und 23 Prozent der Befragten wissen noch nicht sicher, ob und wen sie wählen werden.
Prominente Unterstützung bekommt Eralp am Freitag von der Bundespartei: Linken-Chefin Ines Schwerdtner und Linken-Urgestein Gregor Gysi sind zum Wahlkampfabschluss gekommen. Vor allem Gysi kostet die Aussicht auf einen Berliner Wahlsieg genüsslich aus. „Ich glaube, was Friedrich Merz am allermeisten nerven wird: wenn die Linke stärker ist als die CDU in Berlin“, sagt er. „Ich glaube, das würde die CDU so richtig nerven.“
Und weil er schon beim Kanzler ist, legt Gysi noch persönlich nach: Merz müsse lernen, „Freude und sogar Andeutung von Humor“ auszustrahlen. Das mache beliebter, „als wenn man so ein verknitterter Bursche ist wie er“. Warum ein Sieg der Linken weit über Berlin hinaus Schlagzeilen machen würde, witzelt Gysi: „Berlin ist die Bundeshauptstadt.“
Vor der Bühne ruft währenddessen ein Mann mit Palästinatuch mehrfach „Free Palestine“. Sicherheitsleute versuchen, ihn wegzulenken. Es dauert, bis Ruhe einkehrt.
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„Die Menschen haben die Schnauze voll“
Dann gehört die Bühne Eralp. Sie macht sich über ein Szenario lustig, das ein Immobilienmagazin für den Fall eines Linken-Wahlsiegs entworfen hat: Sie sitze im Roten Rathaus, unterschreibe für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne – und kurz darauf würden „Hubschrauber über mir kreisen, in dem Trump sitzt“, spottet sie. Als Eralp die Vergesellschaftung erwähnt, brandet tosender Applaus auf.
Das Thema Wohnen zieht sich durch ihre Rede, es war schließlich auch das Wahlthema der Linken. Sie erzählt von einer Rentnerin mit Angst vor der nächsten Mieterhöhung, einer Alleinerziehenden mit vier Kindern in einer Zweizimmerwohnung und einer Mutter, deren Einkauf an der Supermarktkasse nicht bezahlt werden kann. Politik müsse für diejenigen arbeiten, die Berlin täglich am Laufen hielten. Das sei man ihnen „verdammt noch mal schuldig“.
Ihre Gegenspieler benennt sie deutlich: Milliardäre und Immobilienkonzerne. „Die Menschen haben die Schnauze voll davon“, ruft Eralp. Das Publikum jubelt.
Viele Anhänger sind zum Wahlkampffinale der Linken gekommen.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
„Ich bin die Antwort auf Sachsen-Anhalt“
Vom sozialen Konflikt wechselt sie zur Migration. „Ich bin die Antwort auf Sachsen-Anhalt – das klingt komisch für mich selber“, sagt Eralp über ihre Reaktion auf den dortigen AfD-Erfolg. Sie erklärt: Eine Regierende Bürgermeisterin mit eigener Migrationsgeschichte wäre für sie ein Signal gegen die AfD. Friedrich Merz wiederum „faselt“ ihrer Darstellung nach vom „Stadtbild“ und demütige damit Menschen mit Migrationsgeschichte. „Wir gehören alle zusammen.“
Am Rande der Veranstaltung spricht die Berliner Zeitung mit einem Mann mit türkischer Migrationsgeschichte, der sich als Generalsekretär einer türkisch-deutschen Unternehmervereinigung vorstellt. Eralp sei toll, aber nicht alle Positionen der Linken seien für ihn als Unternehmer richtig. Beim Wohnen aber schon: „Ob sie Geld haben oder kein Geld haben – sie kriegen kaum Wohnungen, das wird Eralp ändern.“
Sichtlich stolz und mit breitem Lächeln sagt er: „Unsere Landsfrau.“ In ihrer Rede hatte Eralp angekündigt, Politik für „die Türken“ zu machen, und weitere Nationalitäten aufgezählt. Dass sie die Deutschen nicht eigens erwähnt habe, erklärt der Mann so: „Das muss sie nicht. Elif Eralp ist schließlich deutsche Staatsbürgerin.“
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„Die Geschichte ist noch nicht geschrieben“
Zum Ende ihrer Rede erinnert Eralp daran, dass zwischen Umfragehoch und Rotem Rathaus noch eine Wahl liegt. „Die Geschichte ist noch nicht geschrieben“, sagt sie. Doch nur wenig später ist die Vorsicht schon wieder verflogen: Ihre Vision werde am Sonntag „diese Wahl gewinnen“.
Selbst Platz eins würde Eralp allerdings nicht automatisch zur Regierenden Bürgermeisterin machen. Nach der aktuellen ZDF-Umfrage hat aktuell keine Zweierkoalition eine Mehrheit. Möglich wären sowohl Linke, Grüne und SPD als auch CDU, Grüne und SPD.
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