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Der Bücher-Giftschrank: Erst das Urteil, dann die Lektüre

Von der Zensur der DDR über den Index verbotener Bücher bis zu KI und „Organic Literature“: Wie Etiketten bestimmen, wie wir Texte bewerten.

Andreas Schönemann
11 Min
Wer bestimmt, was wir wie lesen sollen?

Wer bestimmt, was wir wie lesen sollen?

© TongRo Images/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Ein Londoner Start-up namens Books By People vergibt ein spezielles Gütesiegel für Bücher. Es heißt „Organic Literature“. Gegründet wurde es von Esme Dennys und Conrad Young; die ersten Partner waren unabhängige Verlage. Der eingeschränkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Formatierung oder der Ideensuche ist zulässig; das Siegel darf auf dem Buchrücken, im E-Book und in Werbematerialien platziert werden. Auch die britische Society of Authors und die amerikanische Authors Guild bieten eigene Logos an – „Human Authored“ –, während der Faber-Verlag im August 2025 einen Sticker mit der Aufschrift „Human Written“ auf Sarah Halls Roman „Helm“ klebte.

Organic. Ein Wort aus der Lebensmittelabteilung.

Die Überprüfung, ob ein Buch das Label „Organic Literature“ verdient, basiert auf freiwilligen Selbstverpflichtungen der Verlage sowie auf Stichproben: menschliche Expertise, die Analyse der Lektoratspraxis sowie eine technische Textanalyse, die die unfeinen Besonderheiten KI-generierter Texte von den feinen Merkmalen menschlichen Schreibens unterscheiden soll. Sam Jordison, Co-Direktor von „Galley Beggar Press“ und Berater des Projekts, jagte „Eine Geschichte aus zwei Städten“ durch den Prototyp. Charles Dickens bestand die Prüfung.

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Ein in den Westen geschmuggeltes Manuskript

Ich habe eine Weile über dieses Siegel nachgedacht und erinnerte mich schließlich an ein bestimmtes Möbelstück.

Im Frühjahr 1989 stand ich als Siebenundzwanzigjähriger an der Parteihochschule beim ZK der SED in der Bibliothek vor einem verschlossenen Schrank. Den Studenten war es gestattet, einige ausländische Publikationen auszuleihen – und als ausländisch galt auch jedes Buch, das in der Bundesrepublik Deutschland erschienen war. Die Bücher standen in jenem verschlossenen Schrank, den alle nur den „Giftschrank“ nannten. Man musste einen Antrag stellen, ihn begründen und warten.

Ein Giftschrank ist kein neutraler Aufbewahrungsort. Schon sein Name enthält ein Urteil. Was sich darin befindet, ist gefährlich und man muss sehr vorsichtig sein.

Damals stellte ich einen Antrag auf Rudolf Bahros Buch „Die Alternative“. Bahro war seit 1954 Mitglied der SED, arbeitete als Abteilungsleiter für Arbeitsorganisation im VEB Gummikombinat Berlin-Weißensee und schrieb über die Verhältnisse, in denen er selbst lebte; das Manuskript wurde in den Westen geschmuggelt, im August 1977 druckte der Spiegel Auszüge daraus ab, und am nächsten Tag kam die Stasi zu Bahro.

Ein guter Gedanke bleibt ein guter Gedanke

Am 30. Juni 1978 verurteilte ihn das Stadtgericht Berlin unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu acht Jahren Freiheitsentzug. Der Vorwurf: Landesverräterische Sammlung von Nachrichten für eine ausländische Macht. Dasselbe Adjektiv wie auf dem Schrank. Ein Buch aus Weißensee über Weißensee galt als ausländisch, weil es in Köln gedruckt worden war.

Mein Antrag konnte nicht mehr entschieden werden. Nach dem Fall der Berliner Mauer verwandelte sich das Gift in Medizin und Bahro vom Feind in eine Lichtgestalt.

Den Schrank gibt es nicht mehr. Das dahinter liegende Prinzip ist geblieben:  Die Versuchung, ein Urteil vor der Lektüre zu fällen – und die Etiketten dafür bringt jede Epoche aufs Neue hervor.

Das hat ein Verräter geschrieben.

Ein Renegat. Ein Ketzer. Ein Dissident. In wessen Interesse? Wer bezahlt ihn? Wer profitiert davon?

Diese Fragen sind nicht unsinnig. Ein Autor kann eigene Interessen haben, er kann von einer Organisation bezahlt werden, der Text kann Teil einer Kampagne sein. Die Herkunft eines Textes und seine Entstehungsgeschichte sind für seine Bewertung von Belang. Aber sie antworten auf eine andere Frage: Sie sagen etwas über den Absender aus, aber noch nichts über den Wahrheitsgehalt dessen, was er behauptet. Wer diese Dinge vermengt, übernimmt ein Vorurteil und hält es fortan für wahr. Darin liegt die Ökonomie des Etiketts. Es muss den Text nicht widerlegen. Es reicht aus, festzulegen, wie dieser Text zu lesen ist.

Ein Gütesiegel ist in erster Linie eine Information – und eine nützliche Information. Der Käufer möchte wissen, wie das Buch entstanden ist, der Autor möchte sein Werk schützen, der Verlag möchte sich von maschinell hergestellter Massenware abheben. Doch sobald das Zeichen zum Qualitätsurteil wird, verändert sich seine Bedeutung. „Organic Literature“ bedeutet dann nicht mehr bloß, dass ein Mensch das Buch geschrieben hat. Es beginnt zu bedeuten, dass das Buch anders zu bewerten sei.

Ein schlechter Satz wird nicht dadurch besser, dass ein Mensch ihn geschrieben hat. Ein falscher Gedanke wird nicht dadurch falscher, dass ein mathematischer Algorithmus ihn formuliert hat. Und ein guter Gedanke bleibt ein guter Gedanke, selbst wenn er von Claude stammt.

Ein Mechanismus, der in zwei Richtungen wirkt

In der Politik funktioniert derselbe Mechanismus seit Jahrzehnten. Ist der Autor rechts, wird seine Statistik zur Propaganda; ist er links, wird dieselbe Statistik zur Aufklärung. Dem Gegner unterstellt man schlechte Absichten, dem Gesinnungsgenossen glaubt man jedes Wort. So entsteht scheinbar Urteilskraft, die schnell agiert, souverän wirkt und dabei den eigentlichen Gegenstand niemals berührt, geschweige durchdringt.

Derselbe Mechanismus wirkt auch in der Gegenrichtung. Wenn das eine Etikett den Wert steigert, mindert das andere ihn. „Mainstream-Medien“ ist so ein Etikett. Wer sein Weltbild ausschließlich auf TikTok und YouTube aufbaut, weil alles andere bereits gebrandmarkt ist, hat den „Giftschrank“ keineswegs abgeschafft. Er hat darin lediglich die Dinge umgeräumt: Das früher Verbotene befindet sich nun draußen, das Erlaubte drinnen – und der Schlüssel liegt wie eh und je bei demjenigen, der die Etiketten verteilt. Und wer im Gegenzug etwas nur deshalb nicht anschaut, weil es auf TikTok veröffentlicht wurde, vollzieht genau dieselbe Bewegung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. In beiden Fällen trifft die Plattform die Entscheidung. Und niemand liest.

Warf in seinen Songtexten nicht ganz unwesentliche Fragen auf: Falco.

Warf in seinen Songtexten nicht ganz unwesentliche Fragen auf: Falco.

© teutopress/Imago

Falco besang diesen Reflex bereits 1998. Der Refrain seines Songs „Egoist“ besteht aus mehreren aufeinanderfolgenden Fragen, die sich alle an die Person richten: „Was ist er denn, was hat er denn? Was kann er denn, was macht er denn? Was red' er denn, wer glaubt er denn, dass er ist?“

Keine einzige bezieht sich auf die Sache selbst. Die Platte erschien drei Wochen nach seinem Tod und erreichte in Deutschland Platz vier. Dieser Reflex braucht keine Theorie. Er besitzt einen Tonfall, den jeder aus der Stammtischrunde kennt.

Der Berliner Schrank war bei Weitem nicht der einzige. Im deutschen Bibliothekswesen nennt man solche Bestände „Remota“ – Entferntes, Zurückgestelltes –, und das Verfahren zur Zugangsbeschränkung Sekretierung, vom lateinischen secretum. Die Französische Nationalbibliothek nennt ihre entsprechende Abteilung „Enfer“– „Hölle“. Sie wurde zwischen 1836 und 1844 eingerichtet; der Zugang war nur mit Sondergenehmigung gestattet. Im British Museum hieß sie „Private Case“ und tauchte bis in die Siebzigerjahre überhaupt nicht im öffentlichen Katalog auf. Die Bodleian Library kennzeichnete ihre Sammlung mit dem griechischen Buchstaben „Phi“, die Library of Congress mit dem Buchstaben „Delta“, die New York Public Library mit drei Sternchen. Hölle, Gift, ein einzelner Buchstabe. In Oxford wurde das Urteil auf ein einziges Zeichen reduziert, das man nicht einmal aussprechen musste.

Prüfung mit Hilfe von ChatGPT

Das System, das dem zugrunde lag, ist vierhundert Jahre alt. Der Index Librorum Prohibitorum erschien erstmals 1559 und umfasste drei Klassen. Die zweite enthielt häretische Werke, die dritte anonym veröffentlichte Schriften. Die erste Klasse bestand nicht aus Büchern, sondern aus Namen: Autoren, deren Werke ausnahmslos verboten waren – „opera omnia“. Stand ein Name dort, war das nächste Buch dieses Autors bereits verboten, bevor er es überhaupt geschrieben hatte. Keplers „Epitome astronomiae Copernicianae“ stand von 1621 bis 1835 auf der Liste. Die letzte offizielle Ausgabe erschien 1948 mit Nachträgen bis 1962; der Index selbst wurde erst am 14. Juni 1966 abgeschafft.

Der Index besitzt auch eine moderne Form.

In Texas verpflichtet das Gesetz „Senate Bill 13“ die Schulbezirke dazu, Bibliotheksbestände auf obszöne Inhalte zu überprüfen. In Pearland, wo zwanzigtausend Schüler unterrichtet werden, wurde bis November eine Liste von 1400 Titeln zur Überprüfung zusammengestellt. Der Schulrat räumte ein, dass niemand in der Lage sei, sie alle zu lesen, fütterte ChatGPT mit dem Gesetzestext und jagte die Liste hindurch.

57 Bücher wurden markiert. In einem Werk erkannte das Programm männliche Nacktheit und sexuell aufgeladene Gespräche in einer Umkleidekabine. Daniel Stuckey, Mitglied des Schulrats, las das Buch selbst. Nichts dergleichen fand sich darin. In New Braunfels durchliefen mehr als dreitausend Titel eine solche Prüfung, darunter Bücher von John Lewis, Ruby Bridges, Shakespeare und Zora Neale Hurston.

In Russland funktioniert derselbe Mechanismus, gesteuert von einer KI, die nach zehn Kriterien sucht. Der Verlag Eksmo-AST, auf den nach verschiedenen Schätzungen 40 bis 70 Prozent der Belletristik des Landes entfallen, meldet für seinen eigenen Bestand rund zwanzigtausend interne Prüfungen, sechshundert Bücher gingen zusätzlich an externe Gutachter. Stephen Kings „Es“ wurde im November 2025 aus dem Verkauf genommen, nachdem eine Prüfung mögliche Kennzeichnungsverstöße ergab; der Verlag verhandelt seither mit dem Rechteinhaber über Textänderungen. Dasselbe Buch landete interessanterweise auch in Texas auf dem Index.

In Texas auf dem Index: Stephen Kings „Es“ und der Clown Pennywise

In Texas auf dem Index: Stephen Kings „Es“ und der Clown Pennywise

© United Archives/Imago

Softwarelizenz statt Behörde

Der Kirchenzensor brauchte einen Blick ins Buch, um es einer Klasse zuzuordnen. Die DDR brauchte nicht einmal das Wort für das, was sie tat — sie strich Zensur 1968 ersatzlos aus der eigenen Verfassung und nannte die Sache Druckgenehmigungsverfahren, verwaltet von der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Die neuen algorithmischen Zensoren haben keine Behörde mehr, nur eine Softwarelizenz. Der Prüfer liest den Text und meldet Umkleidekabinengespräche, die niemand geschrieben hat, und niemand muss dafür unterschreiben.Die Formel ist älter als beide.

„Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich“, heißt es bei Matthäus. Dieser Satz wird bis heute in der Politik verwendet, meist ohne Kenntnis seiner Herkunft. In derselben Schrift existiert sein Gegenstück bei Markus: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“ Zwei Anweisungen, eine Tradition. Wer die Zugehörigkeit zu einem Lager zur Voraussetzung der Bewertung macht, kann sich nicht einmal sicher auf die Quelle berufen, aus der er zitiert.

Eine Ebene tiefer wird es noch unbehaglicher. Wir räumen ein, dass wir uns irren können. Weit weniger bereitwillig sprechen wir aus: „Ich kann das nicht beurteilen.“ Ein solcher Satz kostet Reputation. Das Etikett kostet nichts und klingt wie ein Urteil.

Deshalb wird bei einer Weinverkostung das Etikett verdeckt. Zuerst riecht und kostet der Verkoster. Bei der Pariser Weinprobe im Mai 1976 besiegten kalifornische Weine die französische Konkurrenz in beiden Kategorien, woraufhin Odette Kahn, Chefredakteurin der Revue du Vin de France, die Rückgabe ihres Bewertungsbogens forderte.

Hier drängt sich natürlich ein Einwand auf: Dort saßen neun Experten. Ein Blindtest mit Laien erzeugt Lärm statt Ergebnisse. Doch die Ausbildung eines Sommeliers besteht nicht darin, das Recht zu erlangen, Urteile zu fällen. Er lernt zu riechen, zu schmecken und für seine Empfindungen präzise Worte zu finden. Tannine. Säure. Abgang. Worte, die eine Wahrnehmung fixieren, die zuvor nur ein Eindruck war. Diese Worte stehen jedem offen, der lange genug hinsieht und ausreichend nachfragt.

Für Texte fehlt uns ein solches Vokabular. Es könnte durch vier Fragen ersetzt werden: Erstens: Worauf will der Text hinaus? Zweitens: Existiert das beschriebene Problem tatsächlich, und existiert es wirklich in der Form, wie der Autor es beschreibt? Drittens: Benennt er sein stärkstes Gegenargument – oder ein schwaches? Viertens: Was müsste wahr sein, damit der Autor unrecht hat, und spricht er dies selbst an? Für Tatsachenbehauptungen kommt eine fünfte Frage hinzu: Woher stammen die Daten? Das gilt auch für alles, was oben über Bahro gesagt wurde.

Erst danach ist die Frage nach dem Autor an der Reihe. Dann ist die Reihenfolge nicht mehr beliebig. Wer verstehen will, ob ein Interesse den Text geformt hat, muss zuerst wissen, was dieser Text überhaupt behauptet. Die Frage nach der Herkunft setzt die Lektüre voraus. Der „Giftschrank“ kehrte diese Reihenfolge um und kam ganz ohne Lektüre aus. Vor Irrtümern schützt das nicht.

Es gibt keine Methode, die Irrtümer ausschließt

Abraham Bredius, einer der führenden Vermeer-Kenner seiner Zeit, erklärte 1937 das Gemälde „Christus und die Jünger in Emmaus“ zu einem authentischen Werk des Meisters. Ein Jahr zuvor hatte es Han van Meegeren gemalt. Bredius verfügte über Wissen, Erfahrung und ein feines Gespür für Kunst. Und er lag vollkommen falsch.

Es gibt keine Methode, die Irrtümer ausschließt. Es gibt nur Methoden, bei denen der Irrtum demjenigen gehört, der das Urteil gefällt hat – und deshalb korrigierbar bleibt.

Der „Giftschrank“ war sichtbar: eine verschlossene Tür, ein Antrag, ein Prüfer, ein Schlüssel. Heute kann diese Tür ein Name sein, ein politisches Etikett, ein Verdacht oder ein kleines Zeichen auf dem Buchrücken. Die Aufklärung wollte den Menschen aus seiner unmündigen Lage befreien.

Wir haben die Giftschränke nie zerschlagen. Wir haben ihnen nur neue Etiketten aufgeklebt. Menschen halten sich gerne für fortschrittlich. Die Etiketten sind modern geworden. Das Prinzip ist dasselbe geblieben wie zu Zeiten der Inquisition: Erst das Urteil, dann die Lektüre.

Andreas Schönemann, geboren 1961 im Erzgebirge und aufgewachsen in Chemnitz, arbeitet als Personalberater und begleitet Führungskräfte bei beruflichen Übergängen. Als ausgebildeter Philosophischer Praktiker fragt er nach Urteilskraft, gesellschaftlichen Deutungsmustern und dem Verhältnis von persönlicher Erfahrung und öffentlicher Debatte.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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