Gasversorgung

Deutschland droht 26-TWh-Gaslücke: Jetzt werden die Gasspeicher im Süden zum Winterrisiko

Wenig Gas auf Vorrat, der Winter vor der Tür: Deutschland setzt auf Importe. Doch neue Berechnungen zeigen, wie schnell die Versorgung an Grenzen stoßen kann.

6 Min
Die niedrigen Gasspeicherstände verkleinern Deutschlands Puffer für den Winter. (Symbolbild)

Die niedrigen Gasspeicherstände verkleinern Deutschlands Puffer für den Winter. (Symbolbild)

© Petra Nowack/imago

Deutschlands Gasspeicher gehen mit deutlich weniger Reserven als in den Vorjahren in die Heizperiode. Laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) sind die Speicher aktuell nur zu 59,4 Prozent gefüllt – so schlecht wie noch nie seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2011. Der derzeitige Füllstand entspricht rund 147 Terawattstunden (TWh) Gas. Wie sicher die Versorgung im Winter ist, hängt allerdings auch davon ab, wo diese Vorräte liegen und welche Mengen die einzelnen Speicher bereitstellen können.

Eine neue Modellrechnung des Energieinformationsdienstes Montel zeigt, wie groß das regionale Problem werden könnte: Lassen sich die verfügbaren Gasmengen im Winter nicht bedarfsgerecht auf die einzelnen Speicher verteilen, droht dem Szenario zufolge eine Versorgungslücke von bis zu 26 TWh. Besonders niedrige Füllstände in Süddeutschland bereiten den Analysten Sorgen. Die Bundesnetzagentur und der Energieversorger EWE bestätigen die Größenordnung auf Anfrage der Berliner Zeitung zwar nicht. Ihre Antworten zeigen aber, von welchen Voraussetzungen die Winterversorgung abhängt.

Gasspeicher im Süden: Reiches acht TWh reichen nicht aus

Montel legt seiner Betrachtung eine Gasentnahme zugrunde, die ungefähr dem Verlauf des Vorwinters entspricht. Damals wurden insgesamt 155 TWh aus deutschen Speichern entnommen. Können die einzelnen Anlagen die jeweils benötigten Mengen im kommenden Winter nicht bereitstellen und lässt sich das fehlende Gas nicht bedarfsgerecht verteilen, entsteht die berechnete Lücke. Die 26 TWh beschreiben damit ein bedingtes Szenario, keine bereits feststehende Fehlmenge in der deutschen Gasversorgung.

Die Bundesregierung hat inzwischen zusätzliche Einkäufe angeordnet: Der staatliche Gasimporteur Sefe soll bis zum 15. Dezember acht TWh beschaffen und einspeichern. Nach Montels Einschätzung kann dies die Lage im niedersächsischen Speicher Rehden etwas entspannen. Besonders niedrige Füllstände anderer Speicher, vor allem im Süden, würden damit jedoch nicht ausreichend behoben.

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Dass die geografische Verteilung wichtig ist, hatte der Energieversorger VNG bereits im September gegenüber der Berliner Zeitung betont. Bei der geplanten strategischen Gasreserve müsse sichergestellt sein, dass die Mengen über die vorhandenen Netze auch dorthin transportiert werden können, wo sie in einer Krise gebraucht werden. Eine bundesweit ausreichende Gasmenge allein beantwortet die regionale Versorgungsfrage somit noch nicht.

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Bundesnetzagentur setzt auf Pipelinegas und LNG

Die Bundesnetzagentur sieht die Versorgung dennoch als abgesichert. In ihrer Lagebewertung vom 9. Oktober stuft sie die Gefahr einer angespannten Gasversorgung weiterhin als gering ein. Auf dem Weltmarkt sei ausreichend Gas verfügbar, ebenso seien genügend Importmöglichkeiten vorhanden. Ein vergleichsweise niedriger Speicherfüllstand am Ende des Winters sei allerdings wahrscheinlich.

Die konkrete Montel-Rechnung will die Behörde nicht bewerten. „Ich bitte um Verständnis, dass die Bundesnetzagentur Modellrechnungen Dritter nicht kommentiert“, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. Zur Berücksichtigung regionaler Speicherstände und möglicher Transportengpässe verweist sie auf die Gesamtbetrachtung: „Für die Versorgungssicherheit entscheidend ist ein Zusammenspiel von Pipelineimporten, Speichern, LNG-Importen, Infrastruktur und Nachfrage.“ Alle Faktoren würden berücksichtigt.

Händler könnten ihre Lieferverpflichtungen neben gespeicherten Mengen auch über LNG- und Pipelineimporte in Deutschland sowie auf dem europäischen Binnenmarkt absichern, erläutert die Sprecherin. Welche konkreten Annahmen für eine längere Kältephase bei gleichzeitig hoher Gasverstromung gelten, führt die Antwort nicht aus. Zur Wirkung der zusätzlichen acht TWh auf Süddeutschland verweist die Behörde auf das Wirtschaftsministerium. Eine Antwort des Ministeriums auf die Anfrage lag bis zum Redaktionsschluss nicht vor.

Auch EWE nimmt keine Bewertung der 26 TWh vor. „Bei der genannten Modellrechnung handelt es sich um ein Szenario, dessen Eintritt von verschiedenen Annahmen und Rahmenbedingungen abhängt“, erklärt ein Sprecher auf Anfrage. Zusätzliche Importe könnten einen wichtigen Beitrag leisten. Entscheidend seien aber auch Marktpreise und Transportkapazitäten. Welcher Faktor den Ausschlag gebe, hänge von der konkreten Markt- und geopolitischen Situation ab.

Hohe Einkaufspreise bremsen die Speicherbefüllung

Hinter der schleppenden Befüllung steht ein wirtschaftliches Problem. Üblicherweise kaufen Händler Gas im Sommer günstiger ein, lagern es und verkaufen es im Winter zu höheren Preisen. Die Differenz muss allerdings auch Speicher- und Finanzierungskosten decken. Ist sie zu klein, lohnt sich die Bevorratung weniger.

„Sind die Preise für eine spätere Lieferung nicht ausreichend höher als die aktuellen Beschaffungskosten, verringern sich die wirtschaftlichen Anreize zur Einspeicherung“, erklärt der EWE-Sprecher. Entsprechende Preissignale und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen könnten die Einspeicherung unterstützen.

Bereits im August hatte EWE gegenüber der Berliner Zeitung erläutert, dass das Unternehmen als Speicherbetreiber seinen Kunden Kapazitäten bereitstellt. Ob und wann Händler und Versorger diese tatsächlich nutzen, entscheiden sie selbst. Gebuchte Speicherplätze garantieren deshalb noch keine Befüllung.

Die zusätzlichen Sefe-Einspeicherungen bewertet EWE nun als weiteren Baustein zur Stärkung der Versorgungssicherheit. Ob mehr nötig sei, müsse angesichts der weiteren Marktentwicklung von den staatlichen Stellen beurteilt werden. Bei längerer Kälte und hoher Gasverstromung seien Markt- und Preisreaktionen möglich. Ob daraus auch Versorgungsprobleme entstünden, hänge von Importmengen, Speicherständen und Transportmöglichkeiten ab. „Konkrete Prognosen hierzu sind mit erheblichen Unsicherheiten verbunden“, betont der Sprecher.

Ist Wintergas kaum teurer als Sommergas, lohnt sich die Einspeicherung weniger: Denn die Preisdifferenz muss auch Lager- und Finanzierungskosten decken.

Ist Wintergas kaum teurer als Sommergas, lohnt sich die Einspeicherung weniger: Denn die Preisdifferenz muss auch Lager- und Finanzierungskosten decken.

© Hauke-Christian Dittrich/dpa

Kalter Winter erhöht Europas LNG-Bedarf

Wie wichtig laufende Lieferungen werden, zeigt der neue Winterausblick des europäischen Verbands der Gasfernleitungsnetzbetreiber ENTSOG. Bei dem als Referenz angesetzten Winterbedarf und den minimierten russischen Pipelinezuflüssen kann die Nachfrage unter den untersuchten Lieferannahmen gedeckt werden. Je nach LNG-Verfügbarkeit sinkt der durchschnittliche EU-Speicherfüllstand dabei bis Ende März jedoch auf 29 oder sogar 13 Prozent.

Bei einem kalten Winter verschärft sich die Lage. Unter den beiden untersuchten LNG-Angebotsszenarien und bei minimierten russischen Gaslieferungen errechnet ENTSOG einen notwendigen Verbrauchsrückgang beziehungsweise potenziell ungedeckten Bedarf von sieben bis zwölf Prozent. Zusätzliche LNG-Mengen könnten diese Risiken mindern. Die Infrastruktur sei grundsätzlich flexibel genug, um weitere Lieferungen aufzunehmen und zu transportieren. Deren tatsächliche Verfügbarkeit ist damit aber nicht garantiert. ENTSOG betont ausdrücklich, dass der Bericht Szenarien untersucht und keine Prognose der erwarteten Versorgungslage liefert.

Eine ebenfalls aktuelle Analyse des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) kommt aus einer anderen Betrachtung zu einem möglichen Sparbedarf. Sie berücksichtigt die niedrigen Speicherstände sowie den von ihr angenommenen Wegfall russischer LNG-Importe ab Januar 2027. Danach könnte die EU ihren Gasverbrauch von November bis März gegenüber dem Vorwinter um sieben Prozent senken müssen. Diese Zahl beschreibt ein anderes Szenario als die sieben Prozent im ENTSOG-Kältefall und bestätigt nicht unmittelbar Montels deutsche 26-TWh-Rechnung.

IEEFA hebt zudem ein technisches Problem hervor: Mit sinkendem Füllstand kann Gas wegen des geringeren Drucks weniger schnell aus den Speichern entnommen werden. Gerade eine späte Kältephase könnte deshalb schwerer abzufangen sein. Es geht für den Winter also nicht nur um die Gesamtmenge, sondern auch darum, wie schnell Gas verfügbar ist und wohin es geliefert werden kann. Ob zusätzliche Importe den kleineren Speicherpuffer ausgleichen, hängt damit von Liefermengen, Transportwegen und Nachfrage zugleich ab.

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