Deindustrualisierung

Die Walze Coswig gibt auf – Ende November wird der Betrieb eingestellt

Während die Nachfrage nach Stahl aus Coswig sank, stiegen die Produktionskosten immer weiter an. Ein Spagat, der nun für die Walzengießerei in Coswig mit ihrer Schließung endet.

4 Min
Der Stahl schmilzt bei rund 1500 Grad Celsius. Für den Prozess ist jede Menge Energie nötig.

Der Stahl schmilzt bei rund 1500 Grad Celsius. Für den Prozess ist jede Menge Energie nötig.

© Ines Mallek-klein für die Ostdeutsche Allgemeine

Die Nachrichten häufen sich: energieintensive Betriebe, die im globalen Wettbewerb nicht mehr mithalten können und schließen. Vergangene Woche vermeldete Kahla Porzellan das Aus zum Jahresende, nach 182 Jahren. Jetzt ist es die Walzengießerei in Coswig, die ihre Schließung für Ende November verkündet. Damit geht eine 134-jährige Tradition zu Ende. Das kommt nicht überraschend, sondern mit Ansage. Denn wie im thüringischen Kahla sind es auch im Elbland die explodierenden Energiekosten, die die Produktionsbilanz belasteten.

Im Januar 2025, es war wenige Wochen vor der vorgezogenen Bundestagswahl, hatte das Unternehmen zum Pressetermin geladen. Es war ein Hilferuf vor allem in Richtung Politik und als deren Vertreter saß Torsten Herbst von der FDP mit am Tisch, damals noch als Bundestagsabgeordneter. Werksleiter und General Manager Dario Kratzsch sprach von 55 Gigawattstunden Energie, die die Gießerei jährlich verbrauche. Das entspricht dem Jahresverbrauch von 13.000 Einfamilienhäusern und bedeute sechs Millionen Euro Kosten pro Jahr. Tendenz weiter steigend aufgrund der allgemeinen Lage auf den Weltmärkten, vor allem aber wegen einer Energiepolitik, die zulasten der Schwerindustrie gehe, so Kratzsch.

Investoreninteresse aus der Windkraftbranche

Ein Unternehmen, das mit seinen 220 Mitarbeitern um die Rentabilität ringt, während sich zur gleichen Zeit immer mehr Kunden abwenden. Die Walzengießerei in Coswig ist stark auf den Export ausgerichtet und erwirtschaftet zwei Drittel ihrer Umsätze mit Abnehmern im Ausland. Einer von ihnen ist ein indischer Großkonzern, der das Schienennetz der staatlichen Indian Railways ausstattet und in großem Umfang saniert. Aus Coswig kamen bislang die Walzen, mit denen die Schienen in Form gebracht wurden.

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Im Herbst 2025 stellte das Coswiger Unternehmen Insolvenzantrag und wollte sich selbst in Eigenverwaltung ab Frühjahr 2026 sanieren. Ein Versuch, der gescheitert sei, wie der Sachwalter Nicolas Rebel aus Dresden bestätigt. Es habe zudem eine intensive Suche nach Investoren gegeben. 140 potenzielle Interessenten gab es, darunter wohl auch Windkraftanlagenbauer. Denn seit 2003 hat sich die Walze auf die Produktion von Rotorhohlwellen spezialisiert. Die bis zu 50 Tonnen schweren Teile bilden das Herzstück für den Antrieb einer jeden  Windkraftanlage.

Der Walzenhersteller aus Coswig liefert seine tonnenschweren Produkte in die ganze Welt. Sie werden unter anderem zum Walzen von Eisenbahnschienen benötigt.

Der Walzenhersteller aus Coswig liefert seine tonnenschweren Produkte in die ganze Welt. Sie werden unter anderem zum Walzen von Eisenbahnschienen benötigt.

© Ines Mallek-Klein für die Ostdeutsche Allgemeine

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Am Ende blieben aber nur zehn Investoren übrig, mit denen man vertieft in Gespräche eingestiegen sei, so Sachwalter Rebel. Schlussendlich sagten sie alle ab. Was bleibt, ist die Betriebsschließung und die betrifft die 170 Mitarbeiter und ihre Familien am Standort Coswig. Die Belegschaft war bereits in den vergangenen Monaten deutlich geschrumpft, durch altersbedingte Abgänge und Mitarbeiter, die sich vor dem Hintergrund des laufenden Insolvenzverfahrens einen neuen Arbeitgeber gesucht haben.

Walze Coswig verliert mit der Walze einen großen und auch prägenden Arbeitgeber. Steven Kempe, der Geschäftsführer der IG Metall Dresden-Riesa, übt Kritik an der Geschäftsführung der Walzengießerei. Die wirtschaftlichen Probleme seien „nicht von heute auf morgen entstanden“, sondern hätten sich über Jahre abgezeichnet. Er kritisierte zudem die verspätete Suche nach einem potenziellen Käufer, die habe erst im Sommer 2026 begonnen.

Schon Monate vorher hatten die Beschäftigten der Walze einem Sanierungs- und Abweichungstarifvertrag zugestimmt. Um die Arbeitsplätze zu sichern, verzichteten Mitarbeiter auf Urlaubsgelder, Leistungszulagen und vereinbarte Tariferhöhungen. Nun erleben sie mit, wie bis Ende November die Öfen schrittweise heruntergefahren werden. Die schweren Industrieanlagen, Schmelzöfen, Großdrehmaschinen und Kransysteme sollen zum Verkauf angeboten oder versteigert werden. Das Betriebsgelände an der Grenzstraße 1 im Coswiger Industriegebiet gehört zu den wertvollsten verbleibenden Vermögenswerten. Geplant ist ein Verkauf der Flächen. Über eine Nachnutzung von kleineren Einheiten durch weniger energieintensive Firmen soll erst 2027 entschieden werden.

Die Walzengießerei Coswig gehört zur DIHAG-Gruppe, die ihren Sitz in Düsseldorf und Coswig hat. Sie richtet ihren Fokus auf die profitablen Kernbereiche und trennt sich deshalb  von defizitären Sparten wie dem extrem vorfinanzierungsintensiven Walzenguss in Coswig oder dem insolventen Stahl- und Hartgusswerk Bösdorf in Leipzig.

In den verbleibenden Werken setze man künftig auf noch stärkere  Automatisierung und Ressourceneffizienz. Die DIHAG-Gruppe hatte dazu unlängst ein Programm zur „grünen Transformation“ aufgelegt. Man wolle  zunehmend mit erneuerbaren Energien produzieren und CO₂-neutraler  werden. Während in Coswig und Bösdorf die Lichter ausgehen, gelten die Standorte von Meuselwitz Guss (Thüringen), der Schmiedeberger Gießerei (Sachsen), von DIHAG Gienanth (Rheinland-Pfalz) und dem Eisenwerk Arnstadt (Thüringen) als gesichert.

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