Wirtschaftskrise

IG Metall macht in Zwickau mobil: „Wir haben die Schnauze voll“

Automobilbauer und Zulieferer bangen auch in Westsachsen um ihre Jobs. Die Angst ist groß. Noch größer ist aber der Wille, die Deindustrialisierung einer ganzen Region zu verhindern. Ein Bericht aus Zwickau.

5 Min
1500 Menschen haben am Montagnachmittag an dem Protest auf dem Zwickauer Marktplatz teilgenommen.

1500 Menschen haben am Montagnachmittag an dem Protest auf dem Zwickauer Marktplatz teilgenommen.

© Ines Mallek-Klein/Ostdeutsche Allgemeine

In Zwickau beginnt in wenigen Tagen das zweiwöchige, traditionelle Herbstfest. Doch zum Feiern ist denen, die hier am Montagnachmittag auf dem Zwickauer Markt stehen, derzeit nicht zumute. Es sind Mitarbeiter von Volkswagen im Werk Mosel, es sind Beschäftigte aus Zulieferbetrieben und ganz normale Bürger, die mit dem Plakat in der Hand und der Trillerpfeife im Mund gegen die drohende Deindustrialisierung einer ganzen Region protestieren.

Es geht um die 8000 Beschäftigten von VW, aber auch um weitere Tausende Jobs in den Zulieferbetrieben, betonte Thomas Knabel. Und der Erste Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau warb für Solidarität. Man müsse jetzt zusammenstehen, den Arbeitgebern gemeinsam die Stirn bieten. Wenn die Lautstärke, mit der Knabel seine Sätze über den Markt rief, Rückschlüsse auf den Kampfeswillen zulässt, dann ist mit der Gewerkschaft und ihren Mitgliedern zu rechnen.

Der Regen hatte sich pünktlich zu Beginn der Veranstaltung auf dem Zwickauer Markt verzogen. Am Balkon des Rathauses war ein Plakat gespannt. „Ganz Zwickau steht hinter seinem Werk“ steht dort zu lesen, und diese Botschaft zu vermitteln war auch das Ansinnen von Zwickaus Oberbürgermeisterin Constanze Arndt (Bürger für Zwickau). Sie versprach Unterstützung der Stadt, vor allem mit Blick auf infrastrukturelle Investitionen, wohlwissend, dass ein Aus des VW-Werkes Folgen für die ganze Region hätte.

Elisabeth Kaiser ist die Ostbeauftragte der Bundesregierung. Die in Gera geborene Politikerin sitzt für die SPD im Bundestag.

Elisabeth Kaiser ist die Ostbeauftragte der Bundesregierung. Die in Gera geborene Politikerin sitzt für die SPD im Bundestag.

© Ines Mallek-Klein/Ostdeutsche Allgemeine

Einer der betroffenen Zulieferbetriebe ist die Handtmann Leichtmetallgießerei Annaberg GmbH aus Annaberg-Buchholz. Der Stammsitz des Unternehmens ist im baden-württembergischen Bieberach. Doch auch im Erzgebirge arbeiten 350 Beschäftigte. Sie stellen Module für die Elektroautos her. „Ohne uns würde kein einziges Auto fahren“, sagt Steffen Körnrich. Er ist Mitglied im Betriebsrat und gemeinsam mit Tobias Günther nach Zwickau gekommen, „um Flagge zu zeigen“, wie er sagt. Die Stimmung im Unternehmen sei schlecht, mache das Unternehmen doch 30 Prozent seines Umsatzes mit dem VW-Konzern.

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Auf den Autobauer sind die beiden Gewerkschafter nicht gut zu sprechen. 2019 habe VW gerufen und Handtmann habe investiert. Für 60 Millionen Euro entstand in Annaberg-Buchholz eine neue Gießerei. Doch deren Module will VW nun offenbar nur noch bis 2027 abnehmen. Danach soll ein Nachfolgemodell in den Autos verbaut werden.

Die Unsicherheit unter der Belegschaft sei riesig, so Steffen Körnich. Er war 16, als die Wende kam, hat monatelang nach einem Ausbildungsplatz gesucht und ihn schließlich in Leipzig gefunden. „Das war Glück“, sagt er heute und fühlt sich angesichts der wachsenden Jobangst Tausender sehr an die Wendezeit erinnert: „Da sind erschreckende Parallelen“.

Mitbestimmung als Garant für sozialen Frieden

Nur ist man diesmal vielleicht noch lauter und vor allem geeinter. Die Autobauer und die Zulieferer dürften sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, genauso wenig wie die Angestellten und die Arbeiter, sagt Ralf Reinstädler. „Die Arbeitgeber haben gerade Morgenluft gerochen und versuchen mit schäbigen Angriffen auf soziale Standards, auf das, was euch Sicherheit und was euch auch Wohlstand gibt, zuzugreifen“, setzt der geschäftsführende Vorstand der IG Metall seine Rede fort. Er fordert eine klare Zukunftsstrategie für die Industrie und deren Beschäftigte. Hier seien die Unternehmen, aber auch die Politik in der Pflicht. „Und wir müssen aufhören mit der politischen Geisterfahrt bei der Rente für langjährig Versicherte“, so Reinstädler.

Die Gewerkschafter erinnerten die Konzernleitung in Wolfsburg an ihre Hochglanzbroschüren und die oft kommunizierten Wertefundamente. Der Konzern trage soziale Verantwortung für diesen Standort und für Ostdeutschland und nicht nur für die Ausschüttung an die Anteilseigner. „Wir haben die Schnauze voll“, schallte es dann auch über den Marktplatz von Zwickau.

Hier im Osten sei man im Wandel, in der Transformation erprobt, betonte Elisabeth Kaiser (SPD). Die Ostbeauftragte der Bundesregierung plädierte für die Mitbestimmung. Sie sei kein Bremsklotz für die Wirtschaft, sondern der Garant für den sozialen Frieden. „Ich sehe hier Menschen, die tagtäglich Höchstleistungen bringen. Ihr schuftet, ihr haltet das Land am Laufen“, so Kaiser, die in Gera geboren ist, und versprach, dass der Bund die Transformation mit Investitionen und Fördergeld unterstützen werde.

Und während auf dem Marktplatz so langsam die Transparente eingerollt und die Trillerpfeifen weggelegt werden, spazieren einige Besucher durch die Straßen. Zwei von ihnen machen Halt vor dem Modehaus Meyer. Hier wird groß die Fashion Night am kommenden Sonnabend beworben. Der Markt, auf dem heute der Arbeitskampf tobte, wird zum 150 Meter langen Laufsteg in einem Zelt, das mit seinen 850 Quadratmetern den ganzen Markt überspannt.

Marcus Dehmer betreibt das Modegeschäft Meyer und hat erst vor wenigen Tagen einen Herrenausstatter in der Nachbarschaft eröffnet. Ja, die Verunsicherung sei groß, aber wo Altes vergeht, entsteht Neues. „Wir sollten uns unseren Grundoptimismus nicht nehmen lassen“, so der Unternehmer. Man merke schon die Kaufzurückhaltung und ehrlicherweise „braucht von uns heute niemand etwas zu kaufen, um sich anziehen zu können, unsere Kleiderschränke sind voll“, so Marcus Dehmer. Das Einkaufen sei eher ein Moment des Genusses, auf den sich einzulassen vielen Zwickauern derzeit sehr schwerfalle.

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