Die Mappe, die Ralf Lenk auf den Tisch legt, enthält zwei Dokumente. Er blättert und sucht die richtige Seite, findet sie. Hier steht es, schwarz auf weiß, mit Stempel der Technischen Universität Dresden: sein Dissertationsthema, im Juni 2026 genehmigt. „Delikat – gleicher Genuss für alle? Lebensmittelqualität in der DDR.“ Lenk schiebt die Mappe ein Stück nach vorn. Er lacht, als könne er selbst kaum glauben, was er sich da vorgenommen hat. Zumindest mit dem Thema scheint er glücklich zu sein, sogar die Künstliche Intelligenz hat ihm diesbezüglich den Rücken gestärkt: „ChatGPT hat gesagt, das ist ein gutes Thema“, erzählt Ralf Lenk. Er zögert. „Aber ich war zu Beginn nicht ganz so überzeugt davon.“
Ralf Lenk wird in diesem Jahr 72. Er ist gebürtiger Dresdner, hat in der DDR Autos repariert, nach der Wende Unfallgutachten für die Dekra geschrieben und ist seit knapp sieben Jahren Student. Erst Bachelor, dann Master, jetzt Promotion. Sein Hauptfach war Geschichte, im Nebenfach studierte er Kunstgeschichte. Sein Antrieb für die späte Wissenschaftskarriere, die, wenn alles gut läuft, in einem Doktortitel endet: ein Thema, das ihm davonzulaufen droht – und ein Kopf, der nicht aufhören will zu arbeiten.
Lenk erzählt von Jahreszahlen, Archivfunden und persönlichen Erinnerungen. Er hat viel gelesen, einiges selbst erlebt, und beides sortiert sich in seinem Kopf zu einer Geschichte, die er unbedingt aufschreiben will, bevor es zu spät ist.
Aus der Werkstatt in den Hörsaal
Die Idee kam nicht über Nacht, sie lag Jahrzehnte in der Schublade. Lenk hatte 1973 sein Abitur gemacht, wurde dann Kfz-Schlosser – eine „Umschulung für Abiturienten“, wie das in der DDR hieß, eine verkürzte Berufsausbildung. Er qualifizierte sich zum Kfz-Meister, arbeitete im Autoreparaturwerk Dresden auf der Liebstädter Straße, reparierte zunächst Ladas, später die ersten Golfs und Mazdas, die Ende der 1980er-Jahre ins Land kamen. Bei den sowjetischen Fabrikaten sei sein Reparaturgeschick besonders gefragt gewesen: „Wir mussten sogar bei neuen Autos eine Durchsicht machen und Fehler beheben, damit sie überhaupt auf die Straße durften.“
Nach der Wende wurde er Unfallgutachter, arbeitete für die Dekra, bis er im Dezember 2018 in Rente ging. Dann stand er da, 45 Jahre auf dem Arbeitskonto, mit dem immer drängenderen Wunsch, ein Studium in Angriff zu nehmen. Geschichte muss es sein, das war schnell klar. Er hätte sich auch ein altes Auto aufbauen können, erzählt er heute. „Aber das macht jeder“, sagt Lenk trocken. Und allein sei das ohnehin schwierig: „Ich hätte zum Beispiel einen Lackierer gebraucht und wäre angewiesen auf andere. Das wollte ich nicht.“ Nun denn, dann also ein Studium – das konnte er ganz allein stemmen.
Also besuchte Lenk zum Tag der offenen Tür das Geschichtsinstitut der TU Dresden. Dort traf er einen Professor für Mittelaltergeschichte, der ihn ermutigte. „Er hat mir den letzten Rest Zweifel genommen“, erzählt Lenk. Für das Wintersemester 2019/20 bewarb er sich, regulär, wie alle anderen. Voraussetzung war das Abitur, das er hatte, und zwei Fremdsprachen – Russisch und Englisch, seit 40 Jahren nicht mehr benutzt, aber formal anerkannt. Eine dritte Sprache musste er nachholen: Latein. Dass die Corona-Pandemie die Prüfungen zeitweise an den Bildschirm verlegte, sei für ihn kein Problem gewesen.
Kein Einzelfall
Tatsächlich ist Lenk in seiner Altersklasse durchaus nicht allein: An der TU Dresden studieren (Stand 2025) 19 Personen im Alter über 60 – von über 29.000 Studenten. Hierbei handelt es sich nicht um Gasthörer; sie sind immatrikuliert. Besonders beliebt sind die Bereiche Bau und Umwelt sowie Geistes- und Sozialwissenschaften. Bei den Ingenieurwissenschaften gibt es zwei Studenten, die älter als 60 sind, in der Medizin einen. Der Großteil der über 6.400 Promovenden liegt in der Altersgruppe 25 bis 40 Jahren. Immerhin 48 sind über 60 – zwei von ihnen sogar älter als 80.
Den Altersunterschied zu seinen Kommilitonen – die meisten Anfang 20 – habe Lenk nie als unangenehm empfunden. Und räumt im nächsten Satz ein: „Die jungen Leute haben schon eine andere Einstellung zu vielen Sachen“, sagt er, und es ist spürbar, dass er sich etwas zurückhält. Was er dann doch erzählt: Es habe intensive, aus seiner Sicht ideologisch geprägte Diskussionen in den Seminaren gegeben, Kommilitonen, die Andersdenkende beschimpften, wöchentliche Aufrufe des Studentenrats zu Demonstrationen. Das sei nicht seine Welt gewesen.
Ein Thema, das zu verschwinden droht
Lenks wissenschaftlicher Weg führte ihn in die DDR-Konsumgeschichte. In seiner Bachelorarbeit untersuchte er die Periodisierung der DDR-Geschichte unter dem Blickwinkel des Konsums – mit dem Vorteil, dass er diese Zeit selbst erlebt hat. Für die Masterarbeit vertiefte er sich in die Delikatläden – jenes Netz aus Sondergeschäften, das die SED-Führung ab 1966 aufbaute, um mit hochpreisigen Lebensmitteln überschüssige Kaufkraft abzuschöpfen.
Was er dabei fand – oder besser nicht fand –, überraschte ihn: „Das Thema wird in vielen Büchern erwähnt und angerissen, aber die längste Dokumentation, die ich entdeckt habe, umfasste 30 Seiten. Das war alles.“ In der englischsprachigen Literatur werde die Gründung der Delikatläden häufig falsch datiert – die meisten Autoren gaben die 1970er-Jahre an, tatsächlich öffneten die ersten vier Geschäfte bereits 1966 in Ost-Berlin. Bis 1976 gab es landesweit nur 15 bis 20 Filialen, dann folgte ein massiver Ausbau unter Honecker.
Ein Pfund Kaffee für 26 Mark
Lenk kann die Mechanismen dieses Systems aus dem Stegreif erklären, denn er kennt es aus eigenem Erleben. „Ein Pfund Jacobs Kaffee kostete 26 Mark“, erinnert er sich. „Wahnsinn. Vor allem, wenn man bedenkt, was wir verdient haben.“ Der Durchschnittslohn habe Anfang der 1970er-Jahre bei 800 bis 900 Mark gelegen, kurz vor der politischen Wende bei 1200 bis 1300 Mark. Das Delikat sollte als Konkurrenz zum Intershop fungieren, wo nur mit Devisen bezahlt werden konnte. „Diese Ebene hat es aber nie erreicht. Das muss man ganz eindeutig sagen.“
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Was Lenk besonders interessiert, ist die Spannung zwischen dem Gleichheitsversprechen der DDR und der realen Ungleichheit, die Sonderversorgungssysteme schufen. „Das Credo war: Alle Menschen sind gleich. Aber das wurde schon beim Einkaufen torpediert“, erklärt er. Die Handelsorganisation HO, nach dem Krieg gegründet, um Schwarzmarktpreise zu unterlaufen, bot Waren ohne Lebensmittelmarken an – wer genug Geld hatte, konnte dort einkaufen. Die Delikatläden setzten diese Logik fort, mit importierten Weinen, Cognac und später zunehmend mit umverpackten Alltagsprodukten, die zu Sonderpreisen verkauft wurden. „Wie sollte man den Leuten sonst begreiflich machen, dass normale Würste auf einmal das Fünffache kosteten?“ Etikettenschwindel war hier die Lösung.
Im Volksmund hieß das Delikat „Fressex“ – eine Anspielung auf die Exquisit-Läden für Bekleidung. „Die Menschen nahmen es eben mit Humor, die wussten ganz genau, was dort passiert“, sagt Lenk. Historische Quellen belegen die Widersprüche: Während ein Bericht aus dem Ministerium für Staatssicherheit vom September 1970 noch Verbesserungen bei Qualität und Verpackung von Lebensmitteln meldete, registrierte ein weiterer Bericht nur drei Monate später massiven Ärger über Mängel bei Artikeln des täglichen Bedarfs. Die Kaffeekrise von 1977, als über 14.000 Beschwerdebriefe wegen eines ungeliebten Ersatzprodukts eingingen, wurde zum Sinnbild für die Grenzen staatlicher Konsumsteuerung.
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Und Lenk selbst? Hat seine Familie im Delikat eingekauft? „Hin und wieder meine Frau“, sagt er. Vor allem vor Festtagen, wenn etwas Besonderes auf dem Tisch stehen sollte.
Wettlauf mit der Zeit
Nach der Abgabe seiner Masterarbeit kam Lenks Professor, an der TU Dresden ein Spezialist für Konsumgeschichte, bei dem er alle größeren Arbeiten geschrieben hatte, auf ihn zu: Wenn die Note besser als 2,0 ausfalle, solle er über eine Dissertation nachdenken. Sie fiel besser aus. Im Juni 2026 wurde das Promotionsprojekt genehmigt – auf sechs Jahre angelegt, mit der Möglichkeit zur Verlängerung.
Lenk arbeitet nun weitgehend allein. Ideologisch aufgeheizte Debatten in den Seminaren liegen hinter ihm, und es sei gut so, lacht er. „Ich bin zwar in das Doktoranden-Team der TU eingebunden, aber ich muss nur noch einen Lehrgang für wissenschaftliches Schreiben besuchen.“ Zu Hause hat er sich ein eigenes Arbeitszimmer eingerichtet, beim Schreiben unterstützt ihn seine Frau mit ihrem kritischen Auge. „Ich lasse mir einiges von ihr korrigieren. Sie trimmt mich dann immer darauf: Mach doch nicht so lange Sätze!“
Im August saß Ralf Lenk wieder drei Tage im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde, von 9 bis 18 Uhr, über Akten gebeugt und in Schriftstücke vertieft. Er fotografierte Dokumente, machte handschriftliche Notizen, sammelte Zitate dazu, was etwa die Staatssicherheit zu Versorgungsproblemen festhielt. Die Dissertation soll die Vorgeschichte der Delikatläden beleuchten, ihre Einbettung in die Handelsorganisation HO und den gesamten Bogen bis zur Auflösung schlagen.
Zeitzeugen gesucht
Doch die entscheidenden Hinweise findet er wahrscheinlich nicht in Archiven. Die authentischsten Quellen sitzen in Wohnzimmern in der Lausitz, in Dresden, irgendwo in den neuen Bundesländern, vielleicht auch in den alten. Lenk sucht Menschen, die in Delikatläden gearbeitet haben – als Verkäufer, Filialleiter, Schaufensterdekorateure, Zulieferer. „Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt schnell handeln muss, weil die Probanden, die ich befragen will, schon in einem höheren Alter sind“, sagt er. Die Zeit drängt also, aber die Suche gestaltet sich schwieriger als gedacht.
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Bisher hat er zwei Interviewpartner gefunden, eine dritte Person antwortet nicht mehr. Ein Kontakt in der Lausitz führte ihn zu einer ehemaligen Verkaufsstellenleiterin und deren früheren Angestellten – die aber beide ablehnten, weil sie damals nicht im Guten auseinandergingen und sich bis heute offenbar nicht leiden können. „Selbst nach so vielen Jahren“, sagt Lenk und schüttelt den Kopf. „Es menschelt immer noch.“ Erschwerend komme hinzu: Das Thema sei offenbar „ein bisschen schambehaftet“, so Lenk. Manches wechselte unter dem Ladentisch den Besitzer – zwar ein offenes Geheimnis, den Verkäufern aber vielleicht bis heute unangenehm.
20 bis 40 Interviews braucht er für seine wissenschaftliche Arbeit, für die er einen Fragenkatalog von zwölf Fragen erarbeitet hat; die Gespräche sind anonymisiert. Ralf Lenk sucht also weiterhin ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Delikatläden. Er will seinen Traum nicht aufgeben. „Mein Antrieb ist, dass dieses Stück DDR-Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“, sagt er und schlägt die Mappe wieder zu. Er hat keine Zeit zu verlieren.
Wer beim Delikat gearbeitet hat oder jemanden kennt, der dort angestellt war oder Waren zugeliefert hat, kann sich bei Ralf Lenk direkt melden: per E-Mail [email protected], telefonisch 0351-4030817 (auch Anrufbeantworter).
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