Zwangsräumung

Hungerstreikende Familie friert und der Dresdner Oberbürgermeister schweigt

Die Redniks wollen ihr zwangsgeräumtes Haus zurück. Opa Rainer Paul versucht zu vermitteln, bittet um einen Termin beim Dresdner OB, doch dessen Antwort lässt auf sich warten.

6 Min
Michael Rednik ist vom Hungerstreik gezeichnet, aufgeben will er aber keinesfalls.

Michael Rednik ist vom Hungerstreik gezeichnet, aufgeben will er aber keinesfalls.

© Ines Mallek-Klein für Ostdeutsche Allgemeine

Draußen plätschert das Wasser im Teich, drinnen versucht Rainer Paul zu erklären, was so schwer zu erklären ist. Er ist der Vater von Michael Rednick, jenem Familienvater, der mit Frau und Kindern seit knapp zwölf Wochen im Dresdner Stadtteil Leuben auf der Straße lebt. Und der seit Montag im Hungerstreik ist - keine Nahrung und keine Getränke mehr zu sich nimmt.

Das ist schwer auszuhalten für seine Eltern. Rainer Paul hat deshalb am Montag, kurz vor Mittag, eine Mail an das Büro des Dresdner Oberbürgermeisters Dirk Hilbert (FDP) geschrieben. Als Antwort kam eine Eingangsbestätigung, mehr nicht. Also griff der Mann am Mittwoch zum Telefonhörer, fragte sich durch und bekam schließlich die Nummer vom Grundsatzbereich 2. Doch da war ständig besetzt und Rainer Paul erreichte niemanden.

Keine Gesellschaft ohne Regeln

Er ist verärgert, verärgert über einen Oberbürgermeister, dem die Anliegen seiner Bürger egal scheinen. Und das Thema sei dringend, gehe es doch um die Unversehrtheit von sechs Menschen und am Ende sogar um deren Leben. Am Donnerstag schrieb Rainer Paul erneut eine Mail an das Rathaus. Er will einen Kompromiss aushandeln, um die Familie von der Straße zu bekommen.

Sie hat 2015 die Zahlung von Grundsteuer eingestellt. Die sei verfassungswidrig, so ihre Begründung. „Ich habe meinem Sohn immer gesagt, in einer Gesellschaft gibt es Regeln und an die müssen sich alle halten, die Grundsteuerpflicht gehört dazu“, so Rainer Paul. Die Gespräche waren ernst und auch emotional, denn Michael, der auf seinem Ausweis früher Mike Paul hieß, sieht sich im Recht und will das durchsetzen. „Offenbar um jeden Preis, selbst den seines eigenen Lebens“, sagt Mutter Steffi.

Die Situation sei schlimm, noch schlimmer sei der Umstand, nicht helfen zu können. Denn Familie Rednik lehnt jede Hilfe ab. Für sie gibt es keine Kompromisse, sondern nur eine Lösung und das ist die Rückgabe des Hauses. Ihres Zuhauses, wie sie sagen.

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Seit Montag 11 Uhr verweigert  Michael Rednik jede Nahrungsaufnahme.

Seit Montag 11 Uhr verweigert  Michael Rednik jede Nahrungsaufnahme.

© Ines Mallek-Klein für die Ostdeutsche Allgemeine

„Ein Staat hat keine Moral, aber ein Mensch und deswegen wollte ich mit Oberbürgermeister Hilbert sprechen“, sagt Rainer Paul. Es müsse endlich eine Lösung gefunden werden, und zwar schnell.

Auf die Frage, wann und warum sich sein Sohn von der Gesellschaft abgewandt hat, stockt Rainer Paul kurz und schaut zu seiner Frau. „Sie glauben gar nicht, wie oft wir uns das schon gefragt haben“, sagt Steffi Paul dann. Zur Wendezeit war Michael Rednik Soldat und in Berlin stationiert. Er sei als ein anderer Mensch wiedergekommen, erzählt seine Mutter. Doch so wirklich bemerkt habe man die Veränderungen erst 2012. Da arbeiteten Annette und Michael im Haus seiner Eltern, wo Rainer Paul einen kleinen Frisörladen ausgebaut hat. Annette schnitt Haare und Michael pflegte Füße. Es waren ehemalige Kunden von Steffi Paul, die auch als Frisörin gearbeitet hatte, die sie auf die „seltsamen Ansichten“ ihres Sohnes ansprachen.

Er ging seinen Weg und der führte immer weiter heraus aus der Gesellschaft.  Wenige Monate später nahm er die drei Töchter aus der Schule und ab da stand das Jugendamt vor der Tür, erinnerte an die Schulpflicht. Die Kinder hätten sich selbst gegen das Lernen in der staatlichen Institution entschieden, sagte Michael Rednik. Er und seine Frau haben in Leipzig Lehramt studiert bis zum Referendariat. „Wir sind beide ausgebildete Pädagogen und unterrichten unsere Kinder Zuhause“, argumentierte die Familie gegenüber dem Amt.

Das veranlasste 2015, dass die Kinder aus der Familie genommen wurden. „Geraubt“, wie sie selbst sagen, und Rainer Paul bestätigt, dass die Kinder von Kräften des Spezialeinsatzkommandos (SEK) abgeholt wurden. Brachial und für die Kinder extrem verstörend sei diese Situation gewesen. In Deutschland ist die Herausnahme eines Kindes aus seiner Familie nach § 42 SGB VIII geregelt und die  Hürden sind extrem hoch. Das Jugendamt darf diesen massiven Schritt niemals grundlos oder willkürlich tun.

Bei den Redniks kam damals einiges zusammen. Die Verletzung der Schulpflicht, eine unbezahlte dreistellige Geldstrafe für den Vater, der nachts auf der Waldschlösschenbrücke geblitzt worden war, und ein Gerichtsverfahren mit Beleidigung des Richters. Das Jugendamt sah in diesem familiären Umfeld das Kindeswohl gefährdet.

Jenny, Michelle und Anna kamen in verschiedene Heime, eins lag im Erzgebirge, die beiden anderen nahe der Schweizer Grenze. „Man wollte verhindern, dass sie abhauen und nach Hause zurückkehren“, sagt Rainer Paul. Das haben zwei von ihnen später doch getan, als sie wieder in einer Unterkunft in Dresden waren – und das sei von der Aufsicht dort noch nicht einmal entdeckt worden.

Rainer Paul hadert nicht mit der Gesellschaft und dem Staat, aber sehr wohl mit den Entscheidungen der Ämter in der Vergangenheit.  Er fragt vor allem nach der Verhältnismäßigkeit. Warum hat die Stadt ein Haus, das mehrere hunderttausend Euro wert ist, versteigert, wegen eines vierstelligen Betrags? Auch das würde er den Dresdner Oberbürgermeister sehr gerne fragen.

Am späten Nachmittag teilt das Rathaus auf Anfrage der Ostdeutschen Allgemeinen schließlich mit, dass der Erste Bürgermeister Jan Donhauser Rainer Paul ein zeitnahes Gesprächsangebot gemacht hat. Doch was ist schon zeitnah, wenn die Temperaturen in der kommenden Nacht auf bis zu minus drei Grad fallen sollen. „Jedesmal, wenn ich mir eine Tasse heißen Tee einschenke, denke ich an die Kinder da draußen“, sagt Steffi Paul. Sie hätten ein Ferienappartement, das sie sofort zur Verfügung stellen könnten. Es wäre sicher nicht von Dauer, denn die Lebensentwürfe der Familie sind zu unterschiedlich.

„Unsere Tür stand immer offen und tut das auch weiterhin“, sagt Rainer Paul und schaut bei der Verabschiedung auf den kleinen Teich. Ein Sandsteinbogen ziert einen kleinen Durchlass. Der Schlussstein trägt ein großes „M“ und die Jahreszahl 2003. „Den habe ich Mike gewidmet, er hat den Teich 2003 gemeinsam mit mir gebaut“, so Rainer Paul.

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