Zwangsräumung

Familie Rednik ist seit elf Wochen wohnungslos: Jetzt schafft das Jugendamt Fakten

Die zehnjährige Zarina soll einen Vormund bekommen und bei Bedarf auch aus der Familie herausgenommen werden – damit sie den Hungerstreik ihrer Eltern nicht live miterleben muss.

5 Min
Seit Montag ist Michael Rednik im Hungerstreik. Die Familie fordert ihr Haus zurück, das wegen Grundsteuerschulden zwangsversteigert wurde.

Seit Montag ist Michael Rednik im Hungerstreik. Die Familie fordert ihr Haus zurück, das wegen Grundsteuerschulden zwangsversteigert wurde.

© Ines Mallek-Klein für Ostthüringer Allgemeine

Familie Rednik hat seit 2015 keine Grundsteuern für ihr Haus im Dresdner Stadtteil Leuben gezahlt. Die aufgelaufenen Schulden ließ die Stadt Dresden zunächst ins Grundbuch eintragen und veranlasste vor einem Jahr, im November 2025, die Zwangsversteigerung des Mehrfamilienhauses. „Wir haben und hatten nie einen Cent Schulden! Die Grundsteuer ist verfassungswidrig!“, sagt die Familie und fordert die Rückgabe des Hauses, das am 17. August 2026 zwangsgeräumt wurde. Die sechsköpfige Familie lebt seitdem auf der Straße, wenige hundert Meter von ihrem ehemaligen Grundstück entfernt auf einem Gehweg im Kreuzungsbereich.

Das Problem: Selbst wenn die Stadt es wollte, sie kann das Haus nicht zurückgeben, denn es hat einen neuen rechtmäßigen Eigentümer.

Auch Zarina, die Jüngste, ist obdachlos. Sie wurde zu Hause geboren, hat keine Geburtsurkunde, ist nirgendwo registriert und hat weder Kindergarten noch Schule besucht. „Der Vorwurf, wir hätten das Kind verheimlicht, ist schlichtweg falsch. Mitarbeiter des Jugendamtes haben mich schwanger gesehen“, sagt Mutter Annette Rednik. „Und wir haben auf unserem Blog immer wieder Fotos veröffentlicht, auch von Zarina“, sagt die ältere Tochter Anna (24).

Die Lebensumstände der Familie haben in der Vergangenheit schon mehrfach die Ämter in Dresden beschäftigt. Derzeit gilt die Sorge vor allem Zarina. Die Zehnjährige ist in einen dicken Anorak eingepackt, trägt eine Mütze und dicke Winterstiefel. Als sie zur Toilette muss, begleitet sie ihre Mutter in ein nahegelegenes Einkaufszentrum.

Familie spricht von Folter

Doch ein Leben auf der Straße und ein Übernachten auf der Rückbank eines geliehenen Autos seien keine adäquaten Bedingungen für ein zehnjähriges Kind, heißt es in einem Gutachten des Jugendamtes. „Eine verlässliche Sicherstellung angemessener Schlaf-, Hygiene- und Lebensbedingungen ist derzeit nicht erkennbar“, steht dort weiter. Die Behörde kommt zu dem Schluss, dass das körperliche, seelische und soziale Wohl Zarinas gefährdet ist, und will nun nach einer Anhörung einen Vormund für das Kind benennen. Ein Verfahrensbeistand ist bereits bestellt und die Ladung für Dienstag kommende Woche vor dem Familiengericht Dresden veranlasst. Familie Rednik spricht wortwörtlich von „Kinderfolterung zur Verschleierung von bewiesenen Justizverbrechen. Das Kind wird als Waffe gegen selbständige freie Menschen benutzt“.

Dabei stellt das Amt in seinem Gutachten klar, dass die Ablehnung staatlicher Institutionen und die elterliche Weltanschauung allein keine Kindeswohlgefährdung begründen. Entscheidend sei jedoch, dass sich die Überzeugungen der Eltern konkret auf die derzeitigen Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes auswirken. Alle Unterstützungsangebote wurden bisher abgelehnt. Das hat die Familie im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen am Montag selbst erklärt.

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Einen Tag später teilte die Familie schriftlich mit: „Offiziell wurde uns vom Sozialamt nie eine Unterkunft angeboten, angeblich gibt es in Dresden auch keine Sozialwohnungen und jetzt will man einer sechsköpfigen Familie eine anbieten?! Paradoxon ohne Ende“. Man wolle auch gar keine Unterkunft, weil man seit 17 Jahren ein Haus mit 430 Quadratmetern Wohnfläche besitze. „Wenn wir diese Hilfe annehmen würden, wäre das der schlimmste, unmenschlichste Akt gegen wirklich Bedürftige“, so ihre Argumentation.

Auch für die Dresdner Ämter ist klar: Die Familie hat ein Ziel, dem sie alles unterordnet, und das ist die Rückgabe ihres Hauses. Dass sie keine Grundsteuer gezahlt habe, begründen die Eltern so: „Wir wollen das System nicht länger unterstützen, das mit Behördenwillkür Kinder aus ihren Familien reißt“.

Hungerstreik im Gefängnis

Die Abkehr vom Staat ist konsequent. Die Redniks sind nicht krankenversichert, beziehen weder Bürger- noch Kindergeld. Sie leben als Selbstversorger, der Vater ging zuletzt Gelegenheitsjobs nach, die Mutter frisierte ihre Kunden bei Hausbesuchen. Man habe aber sehr sparsam gelebt und sei – wohlgemerkt zu sechst – mit 300 Euro im Monat ausgekommen. Doch die Einnahmen hätten versteuert werden müssen. Weil das nicht geschah, waren auch schon Zollbeamte in der Stephensonstraße vor Ort. Insgesamt 15 Polizei- und Behördeneinsätze zählte die Familie in den vergangenen Jahren. Für Vater Michael endeten zwei davon im Gefängnis. Der Aufenthalt dauerte einmal fünf und einmal elf Tage. Mit einem trockenen Hungerstreik hatte er jeweils seine Freilassung durchgesetzt.

Diesmal geht es nicht um die Freilassung, sondern um die Rückgabe des Hauses. Seit Montag, 11 Uhr, verweigert Michael Rednik die Aufnahme von Essen und Trinken. Aus seiner Sicht das letzte gewaltlose Mittel, seinen Willen gegenüber den Behörden durchzusetzen.

Die körperliche Versorgung und gesundheitliche Sicherheit von Zarina sind nach Einschätzung des Jugendamtes in der derzeitigen Situation, die sich nicht nur wegen der Wetterlage immer weiter zuspitzt, nicht hinreichend gewährleistet. Die Gutachter sorgen sich zudem um die psychische Entwicklung des Kindes, das seit Montag den Hungerstreik seines Vaters miterlebt. Für kommenden Montag hat die Mutter angekündigt, ebenfalls jegliche Nahrung zu verweigern. Ein Vormund soll künftig für Zarina entscheiden – wenn nötig, auch über eine außerfamiliäre Unterbringung. Das sei, heißt es in dem Gutachten, die einzige Möglichkeit, für Zarina eine eigenständige Lebensperspektive zu schaffen.

Bereits für Mittwochvormittag sind Michael und Annette Rednik vor das Betreuungsgericht Dresden geladen. Ein Gutachter soll ihre psychische Gesundheit beurteilen und auch über einen möglichen stationären Aufenthalt in einer Psychiatrie entscheiden. Die beiden Eltern fühlen sich von der Einladung aber nicht angesprochen, da im Adressfeld der Familienname Paul steht. Die Familie hat sich selbst umbenannt in Rednik. Rückwärts gelesen bedeutet das „Kinder“. Annette und Michael Rednik werden den Termin wohl verstreichen lassen. Da das Erscheinen Pflicht ist, hat das Ordnungsamt bereits den Einsatz des Polizeilichen Vollzugsdienstes angekündigt.

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