Drohnenfall

Drohnenvorfall in Leipzig: Bundesregierung droht Russland – und verweigert jeden konkreten Beleg

Erst Drohgebärden, dann keine Belege: Schon 2025 lagen Merz' Drohnen-Zuschreibungen an Russland daneben. Wiederholt sich das Muster? Wir fragten bei der Bundesregierung nach.

6 Min
Bundeskanzler Friedrich Merz betrachtet nachdenklich eine Drohne: ‚War

Bundeskanzler Friedrich Merz betrachtet nachdenklich eine Drohne: ‚War's wieder der Russe?‘

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Die aktuelle Bundespressekonferenz bot ein aufschlussreiches Schauspiel regierungsamtlicher Kommunikation: Einerseits kündigt Bundeskanzler Friedrich Merz martialisch Konsequenzen für die Urheber des Drohnenvorfalls am Flughafen Leipzig/Halle an – „sie werden dafür bezahlen“ –, andererseits weigert sich sein Regierungssprecher Stefan Kornelius beharrlich, auch nur die grundlegendsten Fragen zur Faktenlage zu beantworten. Was bleibt, ist ein bemerkenswerter Widerspruch zwischen politischer Drohkulisse und ermittlungstechnischer Leere.

Der Vorfall und die große Unbekannte

Am Abend des 4. August war am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt und entschärft worden. In unmittelbarer Nähe befanden sich mehrere ukrainische Frachtflugzeuge – der Flughafen gilt als zentraler Umschlagplatz für Waffenlieferungen an die Ukraine. Zehn Tage später fanden Ermittler nach eigener Darstellung auf einem Feld westlich des Flughafens eine weitere Drohne sowie rund 50 Gramm des militärischen Sprengstoffs Hexogen.

Ein gravierender Vorfall, keine Frage. Doch die zentrale Frage – wer steckt dahinter? – bleibt offiziell unbeantwortet. Innenminister Alexander Dobrindt hatte vergangene Woche die Lage mit wie folgt zusammengefasst: Russland mache es einem „sehr, sehr leicht, aktuell einen Verdacht zu haben“, aber auch „sehr, sehr schwer, den Beweis zu führen“.

Drohnen-Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle: Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt.

Drohnen-Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle: Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt.

© IMAGO/EHL Media/Dietmar Thomas

Wenn der Konjunktiv die Nachricht ersetzt

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Sprache, in der selbst etablierte Nachrichtenredaktionen über den Vorfall berichten. So formulierte die Tagesschau: „Eine Drohne sollte demnach ein ukrainisches Antonow-Frachtflugzeug angreifen, das für den Transport von Rüstungsgütern genutzt wird; der Anschlag scheiterte offenbar an einem defekten Zünder. Eine zweite Drohne könnte mit einem DHL-Flugzeug kollidiert sein.“

Drei Sätze, drei Konjunktive beziehungsweise Relativierungen – „sollte“, „offenbar“, „könnte“. Was hier als Nachricht präsentiert wird, ist bei genauer Betrachtung reine Verdachtsberichterstattung. Nichts davon ist gesichert, nichts davon belegt. Dennoch wird der gesamte Bericht in einen Rahmen eingebettet, der Russland als Urheber nahelegt. Die massive Häufung von Konjunktiven in einem Nachrichtenartikel, der faktische Gewissheit suggerieren soll, offenbart ein grundsätzliches Problem: Die mediale Darstellung eilt der Beweislage voraus – und schafft dabei politische Tatsachen, die auf einem Fundament aus Mutmaßungen ruhen.

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Kornelius mauert – in beide Richtungen

Auf der Bundespressekonferenz versuchte der Reuters-Korrespondent, dem Regierungssprecher zumindest eine Bestätigung zu entlocken, dass ein Bündel von Maßnahmen vorbereitet werde. Kornelius blockte mit der bekannten Formel: „Wir kommentieren Presseberichte nicht.“ Auch auf die Nachfrage, ob er denn wenigstens bestätigen könne, dass Maßnahmen vorbereitet würden – unabhängig von deren Inhalt –, gab Kornelius keine Auskunft: „Ich gebe jetzt keine Details über eine Maßnahme oder viele Maßnahmen bekannt. Es ist zu viel Spekulation in diesem Thema.“

Als diese Zeitung den Spieß umdrehte und fragte, ob Kornelius die Presseberichterstattung über ein gegen Russland gerichtetes Maßnahmenpaket denn dementieren könne – zumal mehrfach zitiert werde, es gebe bislang keinen „rauchenden Colt“, der Russland direkt impliziere –, kam die bezeichnende Antwort: „Ich verstehe, dass Sie jetzt von der anderen Seite kommen, und ich wiederhole, dass wir die Presseberichterstattung nicht kommentieren.“ Weder Bestätigung noch Dementi – die Bundesregierung hält sich alle Optionen offen.

Gleichzeitig ließ Kornelius durchblicken, dass der Kanzler bereits mitgeteilt habe, die Maßnahmen seien innerhalb der Bundesregierung „weitgehend“ abgestimmt. „Es wird nicht mehr lange dauern“, habe Merz wörtlich gesagt. Die Attribuierung – also die offizielle Zuschreibung des Angriffs an einen staatlichen Akteur – stehe unmittelbar bevor.

Der Elefant im Raum: Die Drohnen-Fehlzuschreibungen von 2025

Hier lohnt ein Blick zurück, denn die Bundesregierung hat in Sachen Drohnen-Zuschreibungen eine wenig ruhmreiche Vorgeschichte. Ende 2025 hatte Kanzler Merz im Interview mit ARD-Moderatorin Caren Miosga die damaligen Drohnensichtungen über deutschen und europäischen Flughäfen zu einer „ernsthaften Bedrohung unserer Sicherheit“ erklärt und namentlich die Flughäfen Frankfurt und Kopenhagen genannt: „Unsere Vermutung ist, dass Russland hinter den meisten dieser Drohnen-Flüge steckt.“

Das Problem: Bereits zum Zeitpunkt dieser Äußerung war bekannt, dass der Vorfall am Frankfurter Flughafen vom 3. Oktober 2025 auf einen 41-jährigen Hobbydrohnenpiloten zurückging, der laut Bundespolizei lediglich „seine neu erworbene Drohne kurz testen“ wollte. Es gab „keine Hinweise auf Verbindungen des Festgenommenen zu Russland“. Auch in Kopenhagen ruderte die dänische Regierung einen Tag vor Merz’ Miosga-Auftritt bereits zurück – der Verteidigungsminister sprach kleinlaut nur noch von „Luftbeobachtungen“ statt von Drohnenangriffen.

Eine umfassende Analyse der niederländischen Tageszeitung Trouw und der Organisation Dronewatch, die 61 europäische Drohnenmeldungen von September bis November 2025 untersuchte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Für Westeuropa wurde kein einziger Fall gefunden, in dem eine Verbindung zu Russland nachgewiesen werden konnte. Die Mehrheit der Sichtungen stellte sich als optische Fehlwahrnehmungen heraus – Lichter an Hubschraubern, Flugzeuge im Landeanflug, hell leuchtende Sterne. Lediglich drei Fälle in Polen und Moldau betrafen tatsächlich mutmaßlich fehlgeleitete russische Drohnen.

Als diese Zeitung Kornelius auf diese Vorgeschichte ansprach und fragte, was den Kanzler diesmal so sicher mache, dass er „nicht wieder ein halbes Jahr später eine Falschdarstellung eingestehen muss“, widersprach der Regierungssprecher zunächst der Wortwahl – „Ich widerspreche Ihrer Darstellung, dass er eine Falschdarstellung eingestehen muss“ – und verwies dann darauf, dass genau diese Frage „zur Beweisführung führt, die zum Zeitpunkt einer Attribuierung vorgenommen wird“. Eine inhaltliche Antwort sieht anders aus.

Zwischen Drohgebärde und Beweislast

Was sich auf der Bundespressekonferenz zeigte, ist ein strukturelles Dilemma der Bundesregierung: Sie will politisch Stärke demonstrieren und Maßnahmen gegen einen mutmaßlichen staatlichen Akteur ankündigen, kann aber die Beweislage offenbar noch nicht schlüssig darlegen. Das Muster erinnert an die Drohnen-Debatte Ende 2025, als politische Zuschreibungen der Faktenlage vorauseilten – mit dem Unterschied, dass der Leipziger Vorfall ungleich konkreter und schwerwiegender ist.

Auch die Frage dieser Zeitung, ob der 87. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September den Zeitpunkt der Maßnahmenverkündung beeinflusse, wies Kornelius als „konstruiert“ zurück. Die „prinzipielle Politik der Bundesregierung“ sei eindeutig, was die historische Verantwortung gegenüber Polen betreffe.

Bleibt die Frage, ob die Bundesregierung aus den Fehlzuschreibungen des vergangenen Jahres gelernt hat. Die Ankündigung, diesmal eine „umfassend schlüssige“ Attribuierung vorzulegen, die „in sich ruht und für sich spricht“, klingt nach einem höheren Anspruch an die eigene Beweisführung. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, werden die kommenden Tage zeigen. Die Glaubwürdigkeit der Bundesregierung in dieser Frage ist jedenfalls vorbelastet – und das nicht durch russische Desinformation, sondern durch eigene voreilige Schuldzuweisungen, bereitwillig amplifiziert von Leitmedien, die Konjunktive zu Schlagzeilen machen.

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