Nach vier Jahren Arbeit hat eine unabhängige Aufarbeitungskommission ihren Bericht zu den Missbrauchsfällen beim Hochschulsportverein Weimar (HSV Weimar) vorgelegt.
Der Bericht dokumentiert nicht nur die Taten eines ehemaligen Turntrainers, sondern auch das Vereinsklima, das diese begünstigte. Der Bericht mit dem Titel „Das Schweigen (durch)brechen" behandelt Taten, die sich zwischen 2007 und 2015 in der Turnabteilung des Vereins ereigneten. Nach Angaben der Kommission handelt es sich um die erste unabhängige Aufarbeitung eines Falls dieser Größenordnung im organisierten deutschen Sport.
Im Zentrum steht der ehemalige ehrenamtliche Turntrainer Robert P., der hauptberuflich als ausgebildeter Polizist tätig war. Vor dem Landgericht Erfurt wurden 20 Einzeltaten sexuellen Missbrauchs und sexueller Nötigung an Kindern und Schutzbefohlenen juristisch nachgewiesen. Der Täter wurde rechtskräftig zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Er hat die Strafe verbüßt und befindet sich unter Führungsaufsicht auf freiem Fuß. Dutzende Mädchen und junge Frauen wurden im Zuge der Ermittlungen als Betroffene identifiziert.
Die Kommission beschreibt ein System gezielter Manipulation: Der Trainer habe ein kumpelhaftes, emotional aufgeladenes Verhältnis zu den Sportlerinnen aufgebaut und übergriffiges Verhalten – etwa das Sitzen junger Turnerinnen auf seinem Schoß – im Trainingsalltag normalisiert. Private Filmabende bei ihm zu Hause und Übernachtungen in der Turnhalle habe er genutzt, um körperliche Grenzen zu überschreiten. Wer sich entzog, sei mit Missachtung, Bloßstellung oder dem Ausschluss aus der Trainingsgruppe bestraft worden. Innerhalb des Vereins galt der Trainer laut Bericht der Thüringer Allgemeinen lange als „unantastbar“, Warnsignale seien ignoriert worden. Statt den Trainer zu hinterfragen, seien in der Vergangenheit häufig die betroffenen Kinder kritisiert worden.
System geziehlter Manipulation
Der Abschlussbericht fordert einen Kulturwandel im organisierten Sport. Vereine dürften nicht darauf setzen, von solchen Taten verschont zu bleiben, sondern müssten sich professionell auf den Ernstfall vorbereiten. Konkret verlangt die Kommission die Verankerung des Kinderschutzes in Vereinssatzungen, die verpflichtende Benennung von Kinderschutzbeauftragten, regelmäßige Schulungen für Trainerinnen und Trainer sowie klare Handlungsleitfäden für Verdachtsfälle.
Der HSV Weimar hat nach eigenen Angaben auf die Vorgänge reagiert: Der Kinderschutz wurde in der Satzung verankert, eine Beauftragte installiert und die Geschehnisse in Kooperation mit dem Kinderschutzdienst „Känguru“ aufgearbeitet. Der Vorstand stimmte der Veröffentlichung des Berichts zu.
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Saskia Ghandour, heutige Leiterin der Geschäftsstelle des HSV Weimar, äußerte sich in einer Vereinsmitteilung selbstkritisch: „Ich bin emotional tief betroffen, dass ich damals die Missbrauchsfälle nicht wahrgenommen habe, Anzeichen nicht gedeutet und eingeordnet und die Betroffenen nicht geschützt habe.“ Sie bat die Betroffenen um Entschuldigung und kündigte weiteres Engagement für den Kinderschutz an. Der Verein räumt in seiner Stellungnahme ein, dass in der Turnabteilung zum damaligen Zeitpunkt ein Klima geherrscht habe, das die Taten begünstigt und zugelassen habe – eine „schmerzhafte Wahrheit“, die anerkannt werden müsse.
Der HSV Weimar zählt mit über 2.000 Mitgliedern, 15 Sportarten und 12 Abteilungen zu den größten Sportvereinen Thüringens. Der Fall löste damals auch über die Landesgrenzen hgoinweg für großes Aufsehen.
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